Regiearbeiten sorgen nach fast jeder Premiere für lebhafte Diskussionen. Sie werden gefeiert oder heftig kritisiert. Wer in der Opernund Theaterwelt Regie führt und damit die künstlerische Gesamtgestaltung übernimmt, steht oftmals im Kreuzfeuer von Besuchern und Feuilleton. Warum eigentlich?
Ein Regisseur entwickelt ein Konzept für die Interpretation von Handlung und Figuren eines Werkes. In den Proben werden gemeinsam mit den Künstlern Bewegungsabläufe erarbeitet, Positionen auf der Bühne festgelegt sowie Auf- und Abtritte gestaltet. Emotionen wie Liebe, Eifersucht, oder Verzweiflung vermittelt man so zeitgemäß. Texte und Gesang sind zwar durch Autoren und Komponisten vorgegeben, doch wie eine Geschichte erzählt wird, gibt Raum für künstlerische Freiheit. Das führt dazu, dass manche Zuschauer begeistert neue Perspektiven entdecken, während andere sich irritiert abwenden. 2026 prägen zwei Regisseurinnen zwei bedeutende Produktionen: Jette Steckel übernimmt die Neuinszenierung von Molières „Der Menschenfeind“, Gabriela Carrizo jene von Georges Bizets “Carmen“.
Ehrlichkeit im Kreuzfeuer
Im Mittelpunkt von Molières Klassiker steht ein Mann, der kompromisslose Ehrlichkeit fordert und dadurch in Konflikt mit einer sehr eitlen und selbstverliebten Gesellschaft gerät. Steckel blickt der Produktion mit großer Vorfreude entgegen: „Die Szenen kann man als sprachliche Duelle verstehen, mit einer sehr gewitzten Sprache, die wir im Original, also in Alexandrinern, sprechen werden. Das duellartige der Dialoge wird im Bühnenbild verstärkt, das eine Art Arena bildet.“ Die 1982 geborene Berlinerin, langjährige Hausregisseurin am Thalia Theater, studierte Schauspielregie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine klare Erzählweise aus. „Ich durfte vor 16 Jahren bereits im Rahmen des Young Directors Project inszenieren und freue mich sehr, jetzt wieder nach Salzburg eingeladen zu sein.“
Zwischen Traum und Wirklichkeit

Die Argentinierin Gabriela Carrizo ist zehn Jahre älter als ihre Regiekollegin und stammt aus einem anderen künstlerischen Umfeld: dem zeitgenössischen Tanztheater. Ihren Durchbruch feierte sie als Mitgründerin und künstlerische Leiterin der belgischen Tanztheaterkompanie Peeping Tom. Opernregie spielte für Carrizo bislang nur eine untergeordnete Rolle. Bekannt ist sie vor allem für tiefenpsychologische Erzählungen, die Akrobatik, Tanz und filmische Elemente verbinden. Mit der Inszenierung von Georges Bizets „Carmen“ möchte sie weniger die bekannte Eifersuchtsgeschichte in den Vordergrund stellen als vielmehr die psychologische und gesellschaftliche Problematik hinter der Tragödie machen: sichtbar Geschlechterrollen, Außenseitertum und schließlich Femizid.
Beide Regisseurinnen stehen beispielhaft für unterschiedliche Herangehensweisen an die Interpretation klassischer Stoffe. Während Jette Steckel ihre Inszenierungen vor allem aus Text und Figuren entwickelt, setzt Gabriela Carrizo stärker auf Körperlichkeit, Bewegung und visuelle Bilder.
Neue Blicke auf große Stoffe
Weitere Regisseure der diesjährigen Salzburger Festspiele
Der Bilderstürmer: Romeo Castellucci Seit
Jahrzehnten einer der einflussreichsten Regisseure Europas, der auf starke visuelle Metaphern setzt. Olivier Messiaen: Saint Francois d'Assise
Der Entertainer: Barrie Kosky
Seine Arbeiten zeichnen sich durch schrille, überschäumende, höchst humorige Bilderwelten aus. Gioachino Rossini: Il viaggio a Reims
Der Psychologe: Christoph Loy
Er steht für die tiefenpsychologische Personenführung der Protagonisten und für elegante, oft zurückhaltende Arbeiten. Wolfgang Amadeus Mozart: Così fan tutte
Das enfante terrible: Ersan Mondtag
Sein Stil ist radikal, irritiert gerne, indem er gesellschaftspolitisch relevante Parallelhandlungen einbaut. Richard Strauss: Ariadne auf Naxos
Der Stilist: Robert Carsen
Er ist ein Grandseigneur unter den Regisseuren und steht für klare Konzepte, elegante Bildsprache und präzises Gespür für die Erzählungen. Hugo von Hofmannsthal: Jedermann
Der Monumentalist: Ulrich Rasche
Sein Markenzeichen sind rotierende Konstruktionen, auf denen sich das Ensemble präzise bewegt. Johann Wolfgang von Goethe: Faust
Der Hinterfrager: Nicolas Stemann
Politische und gesellschaftliche Diskurse neu anzudenken und zu interpretieren sind der Antrieb fürseine starken Inszenierungen, die das Publikum bewusst herausfordern. Elfriede Jelinek: Unter Tieren
Der Sezierer: Krzysztof Warlikowski
Mit psychologischer Schärfe und groBer erzählerischer Freiheit untersucht er in seinen Arbeiten die Abgründe menschlicher Beziehungen. Wajdi Mouawad: Europa
Der Erzähler: Jossi Wieler
Genaue Textarbeit und sensible Figurenführung zeichnen seine zurückhaltenden Regiewerke aus. Peter Handke: Schnee von gestern, Schnee von morgen