Das freie Wort

Salzburger Festspiele und Afghanistan

Jedes Jahr zum Ende der Salzburger Festspiele ist zu lesen, dass die Salzburger Festspiele unter der Präsidentschaft der nun scheidenden Präsidentin Frau Dr. Helga Rabl-Stadler gegenüber dem Vorjahr getoppt wurden. Heuer vielleicht nicht in Bezug auf den wirtschaftlichen Erfolg, sondern auf die künstlerischen Darbietungen der unzähligen internationalen Darsteller. Selbst dann, wenn so manche Inszenierung den intelligenten, künstlerisch beflissenen Beobachter doch massiv zum Nachdenken auffordert. Prominenz aus Wirtschaft, Adel, Film und Funk, Künstler und selbst ernannte Wichtigtuer können sich gar nicht genug präsentieren, selbst bei den allabendlich stattfindenden Empfängen und Diners lobpreisen, wie toll sie selbst und das alles sind. Und dann gibt es Afghanistan. Menschen warten im Dreck, bei brütender Hitze, tagelang auf die Chance, in ein Flugzeug zu gelangen, um in Sicherheit zu kommen. Ohne Essen, ohne Trinken, ohne Hoffnung, ihr Vorhaben verwirklichen zu können. Kinder sterben wie die Fliegen, Frauen werden vergewaltigt, Männer geköpft, und der Rest der Wartenden wird dann noch von einem selbst ernannten muslimischen Märtyrer in die Luft gesprengt. All das passiert im selben Augenblick, während wir in Salzburg feiern. Viele werden sagen – das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ja, das mag schon sein – es zeigt aber die Perversion der Zeit, in der wir leben. Und Europa und seine Staaten? Sie sind uneins, was man tun soll. Soll man die afghanische Bevölkerung ihrem Schicksal überlassen? Soll man alle Afghanen nach Österreich holen? Soll man so tun, als ob uns das alles nichts angeht? Oder sollen wir uns bereits jetzt auf die nächsten Salzburger Festspiele mit unzähligen künstlerischen Darbietungen, allabendlichen Empfängen freuen. Ich weiß selbst keine richtige Antwort, aber es zeigt mir jeden Tag aufs Neue, welcher Verlogenheit und Perversion wir uns selbst täglich hingeben. Aber zum Glück ist der Mensch und sein Denken und Handeln dermaßen entwickelt, oder unterentwickelt, dass er mit allen Gegebenheiten und Geschehnissen, die das tägliche Leben einem abverlangt, umgehen kann und auch so manches als Wahrheit hinnimmt, wo Wahrheit nicht zu finden ist!

Robert Bachner-Klug, Salzburg

Erschienen am Do, 2.9.2021

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