Die Demokratie gerät bei Österreichs Jugend zunehmend in die Kritik. Die „Lebenswelten“-Studie zeigt einen deutlichen Rückgang beim Vertrauen in Demokratie, Parteien und Parlament. Auch die Zukunft der Gesellschaft wird eher pessimistisch gesehen. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) spricht von einem „Warnsignal“ und kündigt Gegenmaßnahmen an.
Die eigene Zukunft sehen viele Jugendliche positiv (88 Prozent), die Entwicklung der Gesellschaft dagegen deutlich skeptischer (33 Prozent). Das zeigt die am Dienstag präsentierte Online-Studie „Lebenswelten“, für die 14 pädagogische Hochschulen im Frühjahr des Vorjahres rund 15.000 Schülerinnen und Schüler der 8. bis 12. Schulstufe befragt haben.
Besonders deutlich ist der Einbruch beim Vertrauen in die Demokratie: Nur 42 Prozent zeigen sich zufrieden. Bei der vorigen Erhebung im Jahr 2020 lag dieser Wert noch bei 70 Prozent. Doch die Demokratie ist nicht das einzige Problemfeld: Auch das Vertrauen in Parteien liegt nur bei 38 Prozent, jenes ins Parlament bei 58 Prozent – bei leicht gestiegenem politischem Interesse (49 Prozent). Ganz anders sieht es bei anderen Institutionen aus: Wissenschaft und Bundesheer genießen mit jeweils 77 Prozent das höchste Vertrauen.
Zwischen Wahlen und Wunsch nach harter Hand
Eine laut Studienmitautorin Martina Ott (PH Vorarlberg) für das Jugendalter typische Ambivalenz zeigt sich auch bei den politischen Einstellungen im Detail: Während demokratische Grundwerte wie Beteiligung an Wahlen oder Kompromissbereitschaft mehr als 80 Prozent Zustimmung bekommen, stimmen gleichzeitig 56 Prozent dafür, dass eine „starke Hand“ einmal Ordnung in den Staat bringen sollte.
Die Schule wird von den Jugendlichen zwar als wichtiger Ort demokratischer Bildung erlebt, etwa beim Erlernen von Meinungsvielfalt und Argumentation. Allerdings fehlt es an echter Mitbestimmung. Der Bildungsminister sah darin einen Auftrag an die Schulen, die Demokratiebildung auszubauen – nicht nur an den AHS-Oberstufen, wo dafür mit Herbst 2027 ein eigenes Fach eingeführt wird, sondern auch in den anderen Schulformen. „Politische Bildung darf kein Randthema sein“, betonte er. Mitbestimmung müsse außerdem erlebbar sein. „Demokratie lernt man nicht nur durch ein Lehrbuch oder Theorie, sondern durch Erfahrung und Teilhabe.“
Alarmstufe bei Demokratie und Gesundheit
Handlungsbedarf ortete Wiederkehr außerdem beim gesundheitlichen Wohlbefinden der 14- bis 19-Jährigen, das sich seit der ersten Erhebung 2020 deutlich verschlechtert hat. Ein Drittel ist demnach häufig schlecht gelaunt oder gereizt und leidet unter Rücken- oder Kopfschmerzen bzw. Schlafproblemen. Der Anteil mit mittlerer Beschwerdelast stieg von 50 auf 63 Prozent, jener mit hoher von vier auf acht Prozent. Besonders betroffen sind junge Frauen, diversgeschlechtliche Jugendliche sowie Jugendliche aus einkommensschwachen Familien. Als größte Sorgen nennen die Befragten familiäre Konflikte, schwere Krankheiten und den Krieg in Europa.
Der Minister betonte die Verantwortung der Schulen, die psychische und körperliche Gesundheit der Jugendlichen zu verbessern, und verwies auf die Verdoppelung des psychosozialen Unterstützungspersonals. Insgesamt zeige die Studie, „dass die heranwachsende Generation massiv unter Druck ist. Und sie erwartet sich zurecht, dass wir als Gesellschaft darauf reagieren, beispielsweise indem wir politische Bildung stärken.“
Das Zeugnis für die Schule fällt insgesamt gemischt aus: Etwas mehr als die Hälfte der Jugendlichen geht gern zur Schule und bewertet die eigenen Leistungen positiv. Gleichzeitig macht die Schule 59 Prozent Sorgen, besonders Mädchen und diversgeschlechtlichen Jugendlichen – bei mehr als einem Viertel äußert sich das auch durch Bauchschmerzen.
Sicherheit wird zum zentralen Ziel
In einer als unsicher empfundenen Welt rückt Sicherheit stärker in den Vordergrund, begleitet von einem Wertewandel: Materielle Ziele wie hoher Lebensstandard, Durchsetzungskraft sowie Macht und Einfluss gewinnen an Bedeutung, während Idealismus wie Umwelt- oder Sozialengagement etwas zurückgeht.
Am wichtigsten bleiben den Jugendlichen gute Beziehungen, eine solide Ausbildung und das Genießen des Lebens. Viele wünschen sich mehr Freizeit, höheres Einkommen und gute Aufstiegschancen. Bei der Berufswahl stehen ein sicherer Arbeitsplatz sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Vordergrund.
Der „soziale Nahbereich“, so Forscherin Ott, sei für die Jugendlichen ein Rückzugsort und eine „zentrale Ressource“, die sie brauchen, um sich den Herausforderungen von Schule und Gesellschaft zu stellen. Gleichzeitig gebe es aber eine wachsende Entfremdung vom politischen System.
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