Wer morgen, Sonntag, zu Biffy Clyro in den Wiener Gasometer geht, sollte am besten etwas früher da sein. Im Vorprogramm spielt der gebürtige Brite Bartees Strange, der mit seinem sanften und variablen Indie Rock schon beim letztjährigen Frequency die Herzen der Fans eroberte. Wir sprachen mit ihm über Erwartungshaltungen, die richtigen Diagnosen und seine Liebe zum Hardcore.
Aktuell unvorstellbar, aber als wir den in England geborenen und in Baltimore wohnhaften Musiker Bartees Strange zum Gespräch baten, hatte es gerade mehr als 30 Krügerl im Schatten und die Feuerwehr kühlte mit Schläuchen die Feierwütigen am Frequency Festival in St. Pölten ab. Der nächste Sommer kommt bestimmt, Bartees Strange beehrt uns aber schon jetzt in den kalten Wintermonaten. Als Vor-Act der schottischen Hitparadenstürmer Biffy Clyro wird er morgen, Sonntag, seine erste österreichische Indoor-Show spielen und dabei hoffentlich schon auf viel Publikum zählen können. Mit seinem dritten Album „Horror“ überzeugte er vor ziemlich genau einem Jahr Fans und Kritiker. Ein introspektives, persönliches und gleichermaßen vielseitiges Album, an dem auch Taylor Swift-Produzent Jack Antonoff mitarbeitete und das sich in seiner bewussten Vielseitigkeit weit über die Grenzen der gängigen Normen hinausbewegte. Für Bartees war es vorwiegend ein persönliches Freistrampeln.
Perfektion ist nicht elementar
„Als ich anfing Musik zu machen, dachte ich immer, alles müsse perfekt sein. Der Sound, die Worte, jeder Ton, das Gesamtpaket. Daran wäre ich fast zerschellt. Wir sind alle nur Menschen und machen Fehler. Heute weiß ich, ich gebe einfach mein Bestes. Schreibe die besten Songs, die mir möglich sind und hoffe, dass andere das auch so sehen. Es zählt nicht mehr die Perfektion, sondern das Lied.“ Grundsätzlich kann man Bartees Strange als Spätstarter bezeichnen. Der 37-Jährige brauchte lange, bis ihm der große Durchbruch gelang. Aufgrund familiärer Verstrickungen zog es ihn um die Welt. Geboren in Ipswich, eine Zeit lang im deutschen Bitburg aufgewachsen und dann nach New York gezogen, ist er mittlerweile in Baltimore daheim. „Meine Freundin stammt aus Kaiserslautern, sie hat dort insgesamt 13 Jahre gelebt. Amerika ist meine Heimat, aber ich freue mich jedes Mal, wenn ich nach Europa komme. Ein wundervoller Kontinent mit tollen Ländern.“
Seine musikalischen Fähigkeiten hat er sich anfangs in ganz anderen Metiers aufgepackt. In Brooklyn spielte er in der Post-Hardcore-Band Stay Inside (perfekter Covid-Name übrigens…). „Ich bin sehr streng aufgewachsen. Meine Mutter war klassische Sängerin und sang auch in der Kirche. So etwas wie das Radio lief bei uns nie, es gab immer nur christliche Musik. Wie es der Zufall will hatte ich in der Schule einen tollen Freund, übrigens mit dem Namen Christian, und der hörte Metallica, Enter Shikari oder Job For Cowboy – das harte Zeug. Dann spielte die US-Hardcoreband Norma Jean einmal in unserer lokalen Kirche und von da an war es um mich geschehen. Diese Fingerfertigkeit an der Gitarre, die Präzision auf der Bühne, der Klang – das hat mich alles gepackt. Für mich stand schon immer die Musik an erster Stelle. Ich schreibe gerne Gedichte und mir sind auch Texte wichtig, aber der Sound ist alles. Deshalb bastle ich auch so gerne an Songs. Noch lieber, als ich Konzerte spiele.“
Den Job neu ausgerichtet
Über die Jahre erweitert Bartees Strange seinen musikalischen Geschmack, er experimentiert viel herum und findet dann doch im Indie-Rock-Bereich seine endgültige Heimat. Mittlerweile auf dem grandiosen Branchenlabel 4AD gelandet, musste er aber schon erfahren, dass sich eine Top-Karriere nicht am Reißbrett planen lässt. „Ich muss ehrlich zugeben, dass ich viel zu hohe Erfolgserwartungen hatte, als das Album rauskam. Irgendwie habe ich manifestiert, dass es explodieren wird und mich ganz nach oben bringt. Dass es der große Schritt wird – aber dem war dann nicht so. Das ist aber total okay, denn diesen großen Sprung schaffen nur die allerwenigsten. Man kann sich viele Pläne machen, aber am Ende lacht immer Gott. Für mich war das eine wichtige Lehre. Mein Job ist es nicht, Erfolg zu haben, sondern Songs zu schreiben. Musik zu machen, die andere Menschen im besten Fall glücklich macht. Ich bin mit dem Album sehr zufrieden und es passt genau so, wie es heute ist. Es war ein wichtiger Prozess.“
Das es nicht immer nur nach vorne geht, sondern auch öfters mal zurück, sei normal, wie Bartees mittlerweile gelernt hat. „Es ist wie auch sonst im Leben. Genieße die Reise und all die Erfahrungen, die die auf dieser Reise machst. Es mögen nicht alle toll sein und manche mögen dich herausfordern, aber am Ende muss man am Sattel bleiben, sich festhalten und weitermachen.“ Für Bartees Strange bedeutet das in erster Linie, dass er sich ein vertrautes Umfeld geschaffen hat. „Mein kleines Kernteam und ich haben uns gefunden. Wir gehen den Weg gemeinsam und schauen, wohin er uns als nächstes führt.“ Eine andere, besonders wichtige Erkenntnis war jene, dass er an Autismus leide. „Das wurde diagnostiziert und wir haben es in Therapien besprochen. Jetzt weiß ich auch, warum ich oft wie ein Besessener fünf Tage an einer Gitarrenspur arbeite oder mir daheim vier Stunden lang nur Drum-Fills anhöre. Wenn du weißt, woran es liegt, kannst du viel besser damit umgehen.“
Streng nach Geschmack
Für Bartees Strange hat die Karriere mit Ende 30 erst richtig angefangen. „Ich kann mir extrem viel vorstellen. Auch ein Akustik-Album würde ich gerne machen. Oder ein bisschen mit Country spielen, wie Post Malone. Am Ende ist es wichtig, dass die Musik immer nach mir klingt und das muss nicht von einzelnen Genres abhängig sein.“ Erwärmen kann er sich auch für Jazz, nur mit Ska-Klängen fängt er so gar nichts an. „Ich kann nichts weiter dazu sagen, es trifft einfach überhaupt nicht meinen Geschmack.“ Auf dem Weg nach Wien hat er vielleicht auch die Möglichkeit, etwas mehr von Österreich zu sehen, als es noch letzten Sommer der Fall war. „Mein Vater war beruflich oft bei euch, aber ich war damals zu klein und er hat mich aus Deutschland nicht mitgenommen. Ich will auf jeden Fall eure Berge und die Landschaften sehen. Atemberaubend. Vielleicht fahren wir zumindest mit dem Bus daran vorbei.“
Live im Wiener Gasometer
Bartees Strange spielt mit Biffy Clyro am 15. Februar live im Wiener Gasometer. Unter www.oeticket.com gibt es noch vereinzelte Tickets. Für die Abendkassa könnte es schon etwas knapp werden.
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