Über 40 Jahre nach der letzten Neuproduktion kehrt Giuseppe Verdis „Luisa Miller“ in einer Neuinszenierung von Hausdebütant Philipp Grigorian zurück an das Haus am Ring. In der Titelpartie ist in ihrer ersten Staatsopern-Premiere Nadine Sierra zu erleben. Wir baten die 37-jährige US-Sopranistin zum Gerspräch!
„Krone“: Wenn Sie an Luisa Miller denken, welche der gefeierten Interpretinnen kommen Ihnen da in den Sinn? Vielleicht Anna Moffo, Montserrat Caballé oder Katia Ricciarelli?
Nadine Sierra: Sie haben alle so viele besondere Qualitäten. Ich gebe zu, dass ich hauptsächlich Caballé, Moffo, außerdem – nicht zu vergessen – Aprile Milo gehört habe. Milo, wow, was für eine Stimme! Sie beherrscht vor allem die dramatischere Seite der Rolle, während Caballé und Moffo all die luftigen Dinge perfekt schaffen.Caballé kann überhaupt alles. Sie kann die Töne schweben lassen. Ich habe mich sehr von ihr inspirieren lassen, was die Atemkontrolle und das Halten langer Legato-Phrasen angeht. Aber ich habe mir auch Scotto angehört. Sie ist ebenfalls großartig.
Ihre erste Luisa Miller?
Ich stehe damit zum ersten Mal in einer szenischen Produktion auf der Bühne. Ich habe sie davor nur für eine konzertante Aufführung einstudiert. Das war vor knapp zwei Jahren in Neapel.
Öffnet Ihnen diese Partie neue Dimensionen?
Ich bin damals an die Rolle herangegangen, als wäre sie Violetta. Aber natürlich liegt die Luisa eine Stufe darüber, das geht in eine neue Richtung. Eine Herausforderung für mich. Besonders der zweite Akt mit der Arie „Tu puniscimi, O Signore“. Ich komme aus der Welt des leichteren Belcanto. Bisher waren Violetta und Manon die dramatischsten Rollen. Aber es ist ein schöner Schritt in die richtige Richtung. Es fühlt sich gut an.
Wo liegen die Herausforderungen?
Also, die Koloraturen sind einfach, würde ich sagen. Ich muss mich für den zweiten Akt schonen. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich meine Stimme manipulieren muss, um größer zu klingen, als sie ist. Luisa hat viele Belcanto-Momente. Ich denke, das ist der Grund, warum ich diese Rolle interpretieren kann.
Wie wird die Luisa in der Sicht von Regisseur Philipp Grigorian dargestellt?
Er hat mir erklärt, dass er alles wie eine Erinnerung von Luisas Vater Miller zeigen möchte. Schon in der Ouvertüre sehen wir, wie um Luisa getrauert wird. Alles, was wir erleben, ist also eine Art Rückblende. Alles passiert aus seiner Sicht. Philipp Grigorian wollte oft, dass ich Luisa fast wie eine Erscheinung spiele.
Wie sehen Sie selbst die Luisa?
Wenn wir vielleicht in einer traditionelleren Inszenierung wären, würde ich Luisa als eine Mischung aus vielen Mädchen sehen. Sie ist zu 100 Prozent ein Opfer. Sie besitzt die Unschuld der „Rigoletto“-Gilda. Es steckt auch ein wenig Violetta in ihr. Sie versucht immer, den Männern gerecht zu werden, in einer Gesellschaft, die von ihnen dominiert wird. Sie ist einfach nur ein unschuldiges, süßes Dorfmädchen, das sich nichts von all dem gewünscht hat.
Aber sie verliebt sich in Rodolfo. Auch kein Netter. Warum vergiftet er sie und sich am Ende?
Er fühlt sich von ihr betrogen. Sie erzählt ihm erst, nachdem sie das Gift genommen haben, dass sie unter Zwang den Brief geschrieben hat, indem sie erklärt, immer Wurm und nicht ihn geliebt zu haben. Es ist dieser Stolz, dieses Ego, diese Eifersucht, all die Dinge, von denen wir von Kindheit an gelernt haben, dass sie schlecht sind. Wir sollten solche Gefühle nicht ausleben. Aber das gibt ihm den Mut, sie zu töten. Nach dem Motto: Wenn ich dich nicht haben kann, soll dich auch kein anderer bekommen.
Liebt er sie?
Ich denke schon. Aber er ist noch sehr jung und gewissermaßen auch ein Opfer seiner Erziehung. Man kann jemanden lieben, aber aufgrund gewisser Dinge, die man erlebt hat, bestimmter Traumata, die man erlitten hat, die falschen Entscheidungen treffen.
Wie schwierig ist es so, einem so aus der Zeit gefallenen Charakter Glaubwürdigkeit zu verleihen?
Wenn man als Künstler bereit ist, sich darauf einzulassen, dann ist es fordernd. Man kann natürlich auch nur die Schönheit der Stimme ausstellen und die Kunstfertigkeit des Gesangs. Dann wird es viel einfacher. Aber wenn man das Publikum wirklich berühren möchte, muss man auf seine Lebenserfahrung und seine Erinnerungen zurückgreifen und diese Emotionen für das Publikum wieder aufleben lassen. Ich habe viel Übung darin. Dass in unserer Produktion allerdings noch die Ebene der Erinnerung dazu kommt, in der man nur eine Erscheinung sein darf, macht die Sache etwas komplizierter.
Was kann das Stück Luisa Miller dem Publikum heute mitgeben?
Es gibt sie doch, die Fälle, in denen sehr junge Mädchen zur Ehe gezwungen werden, von ihren Liebhabern und ihrer Familie belogen werden oder ihr Ruf beschädigt wird. Luisa Miller ist immer noch eine Lektion, dass Verrat, Lügen und der Versuch, Unschuldige zu manipulieren, nur zum Tod führen.
Es ist die erste Premiere in Wien. Sie haben erst 2024 am Haus debütiert. Warum so spät?
Die ehrliche Antwort ist, dass man in der Direktion von Dominique Meyer nicht wirklich ein Fan von mir war. Ich wurde daher einfach nie eingeladen. Aber jetzt gibt es weitere Pläne für die Zukunft.
Kommen neue Verdi-Rollen?
Desdemona wäre in der Zukunft interessant, oder Amelia in „Simon Boccangera“. Aber ich würde vorher gerne mehr Belcanto singen. Vielleicht eine Maria Stuarda oder Anna Bolena. Ich will das nicht verlieren. Ich bin 37 und brauche noch ein bisschen Zeit, um zu wachsen.
Dieses Wachsen scheint schwieriger denn je?
Die Anforderungen in unserem Geschäft können sehr herausfordernd sein, wenn man nicht selbst das Gespür hat, Nein zu sagen. Auf sich selbst zu hören, statt auf andere, nicht zulassen, dass Menschen einen beeinflussen oder manipulieren. Es gibt einen gewissen Druck von den Direktionen, aber auch vom Publikum. Man bekommt das Gefühl, dass man gewissen Leuten gefallen muss. Doch am Ende, wenn man seine Stimme verliert, gefällt man niemandem mehr.
Haben Sie jemanden, den Sie um Rat fragen können?
Ich habe meinen Mentor, meinen Coach, der seit 23 Jahren Teil meines Lebens ist. Ich habe ihn in Palm Beach, Florida, kennengelernt. Damals war ich gerade 14 geworden, als er mich in den Frauenchor aufnahm und ich blieb bis 18.
Das ist enorm früh. Wann haben sie mit dem Gesangsunterricht begonnen?
Als ich sechs war. Also vor 31 Jahren. Seit ich zehn bin, habe ich mich für die Oper begeistert. Ich wusste schon von klein auf, dass ich zur Oper möchte.
Das erklärt wohl Ihre Selbstsicherheit bei der Rollenwahl. Gab es besonders verrückte Angebote?
Natürlich. Als ich 24 Jahre alt war, wurde ich gebeten, die Mimì zu singen. In meinen 20ern wurde ich für die Violetta angefragt. Ich habe meine erste Traviata dann erst 2021, also mit fast Mitte 30 gesungen – und es hat perfekt gepasst. Wissen Sie, ich hatte einen Manager, der mich schon in wirklich große Projekte stürzen wollte. Ich wusste, das wird nicht gut enden. Jetzt ist er mein Ex-Manager.
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