Kabarettist Gery Seidl

„Wir leben, aber wir sind nicht mehr lebendig!“

Burgenland
20.01.2026 07:00

In absurden Zeiten haben es Kabarettisten und Satiriker nicht leicht. Denn hinter jeder Pointe steckt eine gewisse Tragik. Warum Lachen trotzdem hilft, weiß Gery Seidl. Die „Krone“ sprach mit ihm über Götter, Nörgler und Verbrecher.

Wenn er „Eine Runde Seidl“ ausgibt, darf man sich auf doppelten Genuss freuen. Bier und Humor haben nämlich erstaunlich viel gemeinsam. Beides ist Geschmackssache und in Maßen und netter Gesellschaft am besten. Beides ist kulturell geprägt und verbindet Menschen. Beides kann aber auch schal und zur falschen Zeit fehl am Platz sein.

Kabarettist Gery Seidl (50) ist das bewusst. Um seinen Fans einen launigen Abend zu bieten, tourt er gerade mit seinem gleichnamigen Best-of-Programm, mit dem er sein 15-jähriges Bühnenjubiläum feiert, bis Ende 2026 durch Österreich. Am Dienstag und Mittwoch macht er damit im Kulturzentrum in Eisenstadt Station: „Mein Publikum will bestimmte Geschichten immer wieder hören. Deshalb erwecke ich sie nun erneut zum Leben. Im Hintergrund arbeite ich aber bereits eifrig an meinem neuen Programm, das im Jänner 2027 Premiere feiern wird“, verrät der Klosterneuburger.

Realität oder Fiktion – das ist hier die Frage
Das neue Werk soll kein „Feel-well“-Programm werden, aber Lebenslust wecken: „Wenn wir uns andauernd Bilder aus Gegenden anschauen, in denen es den Leuten schlecht geht, vergessen wir ganz darauf, wie gut wir es hier bei uns haben, auch wenn wir, freilich nicht-wissend mitansehen, wie man unser Familiensilber verscherbelt“, meint Seidl augenzwinkernd.

Ob diese Anspielung ein Seitenhieb auf die Finanzpolitik von Burgenlands SPÖ-Landeshauptmann Hans Peter Doskozil sein soll? Schließlich kritisiert die Opposition Doskozil mit exakt den gleichen Worten? „Aber nein, es gibt ganz wenige, die es zurzeit verdienen, namentlich genannt zu werden“, sagt Seidl und schwenkt prompt zu Ex-ÖVP-Finanzminister Magnus Brunner, der sich beim Budgetdefizit „gleich um neun Milliarden verrechnet“ hat: „Bei aller Tragik: Ich weiß schon nimmer, was Realität und was Fiktion ist, so absurd ist alles. Am unglaublichsten ist jedoch die Gleichgültigkeit, die sich in unserer Gesellschaft breit gemacht hat.“

Gibt es eine Pointe, bei der er sich denkt: „Dafür mag ich mich selbst ein bissl?“ Er lacht laut ...
Gibt es eine Pointe, bei der er sich denkt: „Dafür mag ich mich selbst ein bissl?“ Er lacht laut auf: „Nein, das wäre unfair allen anderen Pointen gegenüber.“(Bild: H.EDER)

Spaßbefreite Gesellschaft
Mit der Welt habe sich aber auch das Humorverständnis geändert: „Wenn Gerhard Polt vor 20 Jahren meinte: ,Dieses Afrika, ich weiß nicht, ob sich das rentiert‘, war jedem klar, dass Polt kein Rassist ist. So eine Aussage wäre heute nicht mehr möglich, weil unsere Sprache sensibler geworden und eine Reizkultur entstanden ist. Jeder ist gleich beleidigt und persönlich gekränkt“, sagt Seidl und erzählt von einer Dame, die seine Vorstellung besuchte und ihn anschließend bat, damit aufzuhören, „Jesus zu diffamieren“. Das sei „blasphemisch“ und stünde Seidl nicht zu.

„Ich habe ihr geantwortet, dass man einen Gott nicht beleidigen kann. Das unterscheidet ihn eklatant von einem Hausmeister oder einem Polizisten. Beleidigend ist höchstens, wenn wir kleinen Menschen uns anmaßen, einen Gott verteidigen zu wollen. Wenn so eine persönliche Befindlichkeit wie jene der Dame zur Gesetzmäßigkeit wird. Dann fallen wir in ein Zeitalter zurück, in dem man am Scheiterhaufen verbrannt wurde, wenn man nicht konform ging“, sagt Seidl.

Ähnlich erging es ihm auch, als er in seinem Programm erwähnte, dass ein Elektroauto am „Ring“ stehe und nicht weiterkönne. „Prompt erhielt ich zig Mails von E-Auto-Fanatikern, was mir einfällt, ein grünes Gefährt in Misskredit zu bringen. Kurzum: Man muss echt aufpassen, was man heute sagen darf. Diesen Raum muss man sich als Satiriker wieder zurückerobern. Das ist nicht einfach, aber spannend. Was ich daraus erkenne: Wir leben, aber wir sind nicht mehr lebendig.“

Auch Seidl setzt sich für das Gute ein. Seit fünf Jahren ist er Schirmherr des Therapiehofes ...
Auch Seidl setzt sich für das Gute ein. Seit fünf Jahren ist er Schirmherr des Therapiehofes „Lichtblickhof“. Er sammelt Spenden und bringt sich beim Bauen ein. Schließlich war er vor seiner Kabarettkarriere zehn Jahre lang Bauleiter.(Bild: H.EDER)

Das Gute sehen
Deshalb geht er es nun anders an. Anstatt sich weiterhin mit Nörglern zu befassen oder mit „Pülchern und Halbverbrechern zu beschäftigen, die Österreich als Selbstbedienungsladen betrachten und dafür kaum zur Rechenschaft gezogen werden“, will Seidl künftig Menschen vor den Vorhang holen, die mit Optimismus in den Tag starten und Gutes tun.

Diese Lebendigkeit wünsche er jedem von Herzen, auch Politikern: „Ich unterstelle niemanden, dass er nicht mit einem Grundenthusiasmus ins Amt geht. Aber ich glaube, dass der Karren mittlerweile so eingefahren ist, dass es nicht leicht ist, in diesem Land etwas zu bewegen. Irgendwann sprechen sie ja doch alle den Text ihrer Vorgänger.“

Die „Krone“ verlost 2 x 2 Karten für Dienstagabend. Mitspielen: facebook.com/kroneBGLD

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