Für alle, die helfen

Der Tag, an dem ich selbst gerettet werden musste

Bergkrone
09.10.2025 09:30

Ein sehr persönlicher Bericht über die brutale Ehrlichkeit der Berge – und die stille Größe der Bergretterinnen und Bergretter Österreichs.

Ich habe mein halbes Leben in den Bergen verbracht: Auf schmalen Grate, eisigen Gipfeln, in senkrechten Wänden oder sogar in tiefen Höhlensystemen – ich durfte die Bergwelt auf sechs Kontinenten erleben. Von Alaska bis Australien. Für spannende „Bergkrone“-Reportagen.

 Ich bin aus Bundesheer-Hubschraubern gesprungen, bin an Winden unter Polizei- und Rettungshubschraubern gehangen und habe Bergretter bei Übungen begleitet. Immer als Beobachter, als Reporter, als jemand, der über Einsätze berichtet, aber nie als jemand, der selbst Teil davon ist.

Bis jetzt.

Denn dann ist es mir passiert – beim Paragleiten. Ein eigentlich perfekter Tag, ein ruhiger Gleitflug ins Tal ist geplant. Doch ein Verhänger, ein Knoten in den Leinen, wie man ihn als Pilot kennt, brachte meinen Schirm in eine kritische Lage. Normalerweise bedeutet das: sofortiger Startabbruch. Doch in dem Moment hob mich eine Windböe vom Boden weg, ich verlor jede Kontrolle – und Sekunden später krachte ich mit 40 km/h in eine Lärche.

Ich blieb hängen. In sieben Metern Höhe. Und obwohl ich lediglich ein paar Kratzer im Gesicht davontrug, wurde mir sofort klar: Ich komme nicht alleine runter.

Ein Freund, der das Missgeschick mitbekommen hatte, alarmierte die Einsatzkräfte. Keine 30 Minuten später waren Bergretter bei mir. Zwei Männer, ruhig, konzentriert, routiniert. Und dabei dennoch keine Profis im klassischen Sinn. Sondern: Freiwillige. Ehrenamtliche.

Österreichs stille Helden: unsere Bergrettung
In Österreich gibt es 291 Ortsstellen der Bergrettung – verteilt auf alle Bundesländer, mit Ausnahme des Burgenlands. Über 13.000 Männer und Frauen stehen Tag für Tag bereit. Lassen alles stehen und liegen, wenn der Alarm losgeht – nach der Arbeit, nachts, an Feiertagen, im Schneesturm.

Sie sind Bergsteiger, Kletterer, Skifahrer, Mediziner, Alpinisten. Und sie sind ausgebildet wie Profis.

So können Sie Österreichs Bergretter unterstützen und sich dabei selbst was Gutes tun. 

Mit nur 36 Euro jährlich kann jeder die Bergrettung Österreich als Förderer unterstützen und so einen wesentlichen Beitrag leisten, die ehrenamtliche Tätigkeit dieser stillen Helden zu unterstützen. Nur dank der finanziellen Unterstützung der Förderer ist es der Bergrettung überhaupt erst möglich, verletzten Personen zu helfen. Und mit dem Beitrag tun man sich auch selbst Gutes, denn im Fall des Falles sind die Bergekosten gedeckt. Mehr Informationen dazu online: www.bergrettung.at

Jede Bergretterin, jeder Bergretter durchläuft intensive, jahrelange Schulungen, Aus- und Weiterbildungen. Die Standards sind hoch, das Handeln präzise und die Retter wissen daher ganz genau, wie viel Risiko für sie selbst in den Bergen vertretbar ist und wann einmal keine Rettung möglich ist.

Das habe ich nun am eigenen Leib erlebt: Jeder Handgriff saß. Kein Zögern, kein Rätselraten. Nur Kompetenz. Und Menschlichkeit.

Was viele nicht wissen: Anders als bei anderen Einsatzorganisationen, müssen Bergretter einen Teil ihrer Ausrüstung sogar selbst zahlen. Allein die Einsatzjacke kostet 700 Euro – davon müssen sie 300 Euro aus der eigenen Tasche beisteuern.

Für eine Jacke, in der sie Menschenleben retten.

Die Berge, die uns Österreicher und jährlich Millionen Urlauber begeistern und faszinieren, kennen nämlich kein Pardon. Ein Fehltritt, eine Windböe, eine Fehleinschätzung reicht – und schon wird aus Abenteuer Ernst. Dass wir in solchen Momenten auf ein so professionelles Rettungssystem zurückgreifen können, ist nicht selbstverständlich.

Was mich aber nachdenklich stimmt: Diese Leistung wird zu wenig gesehen. Zu oft wird die Bergrettung romantisiert – oder im schlimmsten Fall als selbstverständlich betrachtet.

Dabei ist das, was hier geleistet wird, pure Spitzenklasse. Ehrenamtlich. Unbezahlt. Und zunehmend unter Druck.

Ich schreibe diese Zeilen mit tiefem Respekt – für all jene, die helfen, ohne zu fragen. Für jene, die in der Freizeit trainieren, um im Ernstfall nicht zu zögern. Und für jene, die auch mich gerettet haben – aus einem Baum, den ich ohne sie wohl nicht verlassen hätte können.Der nächste Alarm wird wieder jemand anderem gelten. Vielleicht einem Kletterer. Einer Wanderin. Einem Tourengeher. Oder – einem Reporter, der dachte, es wird ihn eh nie treffen.

In eigener Sache: 
Warum ich mein Missgeschick veröffentliche!

Natürlich ist es mir bewusst, dass dieser Beitrag ganz unterschiedliche Reaktionen hervorrufen wird – von Neid und Besserwisserei bis hin zu Schadenfreude. Und doch habe ich mich ganz bewusst entschieden, ihn zu veröffentlichen.

Denn dieser persönliche Bericht zeigt, was der Berg wirklich ist: ein ehrlicher Spiegel. Er unterscheidet nicht zwischen Profi und Anfänger, nicht zwischen Erfahrung und Übermut. Selbst wer alles richtig macht, kann in Situationen geraten, die er zuvor für unmöglich gehalten hätte.

Mir geht es darum zu zeigen, dass Fehler Teil des Menschseins sind – auch in den Bergen. Und dass es nichts Größeres gibt, als Menschen, die in solchen Momenten nicht wegsehen, sondern helfen.

 

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