13.10.2013 19:15 |

"Krone"-Interview

Assange: "Mein Gefängnis ist besser als das Ihre"

Er wird weltweit gejagt – der "Krone" gab der australische WikiLeaks-Aufdecker Julian Assange (42) eines seiner seltenen Interviews: Er spricht über sein "Gefängnis" in der ecuadorianischen Botschaft in London, den Kontakt mit Edward Snowden und den Film, der über seine explosive Story gedreht wurde.

Keiner spricht Assange eine überdurchschnittliche Intelligenz ab. Dass er ein Sympathieträger ist, kann ihm aber niemand unterstellen. Eigenverantwortung ist ein Fremdwort für ihn. Der WikiLeaks-Gründer liebt am allermeisten den Klang seiner eigenen Stimme. Grund genug für Hollywood, den mit Spannung erwarteten Film "The Fifth Estate" über den Australier zu drehen.

"Krone": Sie sprechen sehr viel über die Verantwortung der Medien, der Politiker, der Regierungen. Wo ist Ihre Verantwortung, wenn durch Ihre Leaks unschuldige Zivilisten zu Schaden kommen?
Julian Assange: Diese Frage ist typisch für die Schmierenkampagne, der wir ausgesetzt sind. Sie wiederholen Pentagon-Propaganda. Die US-Regierung hat nie gesagt, dass aufgrund meiner Veröffentlichungen Menschen zu Schaden kamen.

"Krone": Aber Sie sagten doch im "Guardian", und ich zitiere: "Jeder Zivilist, der mit den Alliierten in Afghanistan kooperierte, verdient den Tod."
Assange: Das ist eine Verzerrung einer Aussage, die ich 2010 gemacht habe, und das von der Murdoch-Presse aufgegriffen wurde. Kein einziges Leak hatte einen einzigen Tod zur Folge. Jedes Mal, wenn ein ernsthafter Artikel über einen Skandal veröffentlicht wird, geht die Schmierenkampagne wieder von vorn los.

"Krone": 9/11 führte dazu, dass man Freiheit nur ohne Sicherheit haben kann und Sicherheit nur ohne Freiheit. Das ist auch die Ausrede der NSA. Leben wir damit in einer sicheren Welt?
Assange: Wirkliche Sicherheit bedeutet, dass man nicht von einer kleinen Gruppe kontrolliert wird. Die USA werden immer mehr von einer kleinen Gruppe dominiert, die die US-Bürger nicht mehr kontrollieren können. Es gibt keinen Konflikt zwischen Freiheit und Sicherheit. Das ist nur eine Ausrede, von der die Sicherheitsindustrie profitiert. Alle Länder, die eine bedeutende Unabhängigkeit haben, müssen auf Kampf vorbereitet sein, sie brauchen ein Militär, eine Verteidigungsindustrie und einen Geheimdienst. Aber vor allem die USA haben das missbraucht.

"Krone": Wie würden Sie sich einen funktionierenden Rechtsstaat vorstellen, der nicht die Rechte seiner Bürger einschränkt?
Assange: Wenn die Proportionen zu anderen Ländern stimmen würden. In den USA gibt es 5,5 Millionen Leute, die Zugang zu geheimen staatlichen Sicherheitsinformationen und das Recht zur Ausübung von Sicherheitsbeschränkungen haben. Das ist überproportional viel. Aber ich kann nicht sagen, dass ich eine Zauberformel habe.

"Krone": Wie stehen Sie heute zu den großen Medien?
Assange: Unsere neue Doku "Mediastar" beantwortet alle diese Fragen. Jedes große Medium hat seine Agenden, denn hier gibt es viele Interessen. Herausgeber werden eingeladen, mit den wichtigen Leuten am selben Tisch zu sitzen, und dafür müssen sie Konzessionen machen. Das heißt, sie sind korrumpiert. Das trifft auf die "New York Times", den "Guardian" und die meisten großen Medien zu.

"Krone": Sie leben in der ecuadorianischen Botschaft in London. Fragen Sie sich manchmal, ob es das alles wert war?
Assange: Nein, ich hätte nichts anders gemacht. Ich habe mir das in den zehn Tagen Einzelhaft genau überlegt. Meine Entscheidungen und die der anderen spiegeln unsere Gesellschaft und unsere Gesetzgebung wider. Wenn man sich gegen den US-Sicherheitskomplex stellt, muss man unter den Folgen leiden.

"Krone": Ihr Tagesablauf?
Assange: Natürlich ist es schwierig, jeden Tag in denselben vier Wänden aufzuwachen, aber ich kann sehr viel und ungestört arbeiten. Es war ein sehr kontraproduktives Manöver, mich hier einzusperren und mich zum Arbeiten zu zwingen. Ich habe Unterstützung aus der ganzen Welt. Und wo würden ich und meine Organisation denn hingehen? So sehr das hier als Gefängnis betrachtet wird, auch Sie leben im Gefängnis, und meines ist besser als das Ihre. Hier drinnen werde ich nicht von der Polizei verfolgt.

"Krone": Sind Sie in Kontakt mit Edward Snowden?
Assange: Wir haben gerade erst sechs neue Videos von Mister Snowden veröffentlicht. Wir kommunizieren. Er hat noch immer Angst um seine Sicherheit. Die USA sind zu einem Ort geworden, in dem Menschen nicht um Asyl ansuchen, sondern vor dem Menschen um Asyl ansuchen.

"Krone": Wie stehen Sie zum Bradley-Manning-Urteil?
Assange: Es ist unerhört, dass eine Quelle für die Presse als Landesverräter unter dem Spionageakt verurteilt werden kann. Es gibt keine Beweise für Spionage. Es gibt keine Beweise, dass Manning irgendetwas anderes wollte, als anderen damit zu helfen.

"Krone": Warum denken Sie, dass der Film über Sie, "The Fifth Estate", in erster Linie gemacht wurde, um Sie zu diskreditieren?
Assange: "The Fifth Estate" basiert auf den zwei negativsten Büchern, die über mich geschrieben wurden. Dreamworks hat sich die ausgesucht, hat uns nicht um Input gebeten. Es ist ein feindliches Unterfangen. Der Film ist Kassengift, wir sehen das ja schon. Warum? Weil Menschen den Antihelden lieben wollen, der um etwas kämpft. Aber so wurde es hier nicht dargestellt. Dreamworks hat allein an diesem Tag fünf Seiten Werbung in der "New York Times" gekauft, um den Film zu bewerben. Wir haben für unsere eigene Doku keine einzige Seite gekauft. Wir haben trotzdem Publikum. Für Dreamworks ist das peinlich.

"Krone": Sie haben alle Versionen des Drehbuchs geleakt...
Assange: Ja, wir sind gut in solchen Dingen, wir haben gerade ein weiteres veröffentlicht, von HBO, das so schlecht ist, dass es nie gemacht werden wird.

"Krone": Wer sind Ihre überraschendsten Unterstützer?
Assange: Graham Nash von Crosby, Stills, Nash and Young, der einen Song über Snowden schrieb. Peter Saarsgard und Maggie Gyllenhaal besuchten mich. Yoko und ihr Sohn Sean Lennon, John Cusack, der Rapstar M.I.A. Viele Taxifahrer, die mit diesen Leuten zu mir kommen.

"Krone": Wie sehen Sie die Welt in zehn Jahren - und sich selbst?
Assange: Diese Zeit ist so spannend, weil die westliche Zivilisation am Kreuzweg steht. Das ist durch Kommunikation passiert, durch mehr Transparenz der Regierungen und mehr investigativen Journalismus.

"Krone": Wie würden Sie denn gern von der Geschichte beurteilt werden?
Assange: Ich will jetzt gute Arbeit leisten, die eine Herausforderung ist. Geschichte besteht aus Lügen über die Vergangenheit, bei denen wir in Übereinstimmung sind. Aber durch die immer größer werdende Informationslawine haben wir nun eine Möglichkeit für eine bessere Zivilisation. Weil wir viel besser aus den Fehlern der Geschichte lernen können.

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