12.07.2013 11:00 |

US-Website erklärt

So könnte NSA-Enthüller Snowden aus Moskau fliehen

Wie geht es nun mit Edward Snowden weiter? Was kann der Ex-Geheimdienstmitarbeiter tun und wohin könnte er aus dem Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo flüchten, um den US-Behörden zu entkommen, die wegen Hochverrats nach ihm fahnden? Versuche, auf diese Fragen Antworten zu finden, hat die renommierte US-Website "The Atlantic Wire" unternommen. Sie kommt zum Schluss, dass das einfachste und sicherste Ziel Island wäre. Doch da auf der Insel derzeit keine Asyl-Garantie für Snowden besteht, könnte Island auch bloß als Zwischenstopp auf dem Weg nach Venezuela dienen.

Der Autor des Berichts erläutert Schritt für Schritt, welche Möglichkeiten sich dem flüchtigen IT-Experten - der zuletzt für den US-Geheimdienst NSA gearbeitet und massive Ausspäh- und Abhörprogramme der USA und des britischen Geheimdienstes öffentlich gemacht hatte - bieten, um aus Moskau zu entkommen.

Demnach ist der erste entscheidende Schritt, dass die Russen Snowden die Ausreise ermöglichen. Dem dürfte aber nichts im Wege stehen, hat doch Präsident Wladimir Putin bereits betont, dass der 30-Jährige "ein Recht hat, sich ein Ticket zu kaufen und hinzufliegen, wohin er auch möchte". Erleichternd kommt hinzu, dass Russland kein aktives Auslieferungsabkommen mit den Vereinigten Staaten hat.

Ungültiger Pass in Privatflugzeug kein Problem
Der zweite Schritt entpuppt sich aber laut "Atlantic Wire" schon weitaus schwieriger und hat vor allem mit der Frage zu tun, was für eine Art Flugzeug Snowden für seine Flucht benutzen könnte. Hier ist die klare Antwort des Autors, dass Linienflüge nicht wirklich infrage kommen, da sich mit großer Wahrscheinlichkeit keine Fluggesellschaft den Zorn der US-Regierung einfangen möchte, indem sie einen gesuchten Hochverräter an Bord lassen.

Privatjets seien also die Lösung, denn in diesem Fall sei auch die Frage nach einem gültigen Pass obsolet. Und zwar dann, wenn das Zielland im Vorfeld ausdrücklich damit einverstanden ist, einen Passagier zu erwarten, der keine gültigen Papiere besitzt, beruft sich die Website auf den Einwanderungsexperten David Leopold. Wie bereits berichtet, haben die US-Behörden nach Bekanntwerden der Identität des NSA-Enthüllers ja dessen Pass eingezogen bzw. für ungültig erklärt.

Flugräume von Drittstaaten müssen umflogen werden
Dass mit dem Besteigen eines Flugzeuges noch nicht alles erledigt ist, bewies der erzwungene Zwischenstopp des bolivianischen Präsidenten Evo Morales auf dem Flughafen Wien-Schwechat vor mehr als einer Woche. Das Flugzeug von Morales musste zwischenlanden, weil mehrere europäische Länder die Überflugrechte für den Jet des Präsidenten verweigert hatten. Grund war die falsche Annahme, dass sich der von den USA gesuchte Geheimdienstaufdecker an Bord befinde. Morales befand sich auf der Heimreise aus Moskau (siehe Infobox).

Diese skurrile Episode zeigt, dass jederzeit Überflugrechte untersagt werden können, wenn entsprechender Verdacht besteht. Daher berechnete das US-Medium, welche Typen von Privatjets im vollbetankten Zustand und unter Ausnützung günstiger Windströmungen wie weit fliegen könnten, ohne einen Tankstopp einlegen zu müssen. Diese Berechnung wurden dann mit einer Landkarte kombiniert, in der jene Länder markiert sind, die Snowden Asyl garantieren würden, jene die noch keine Entscheidung gefällt haben und jene, die kein Aufenthaltsrecht gewähren würden.

Venezuela, Bolivien und Kuba gefährlich wegen US-Nähe
Direktflüge in süd- und zentralamerikanische Staaten wie Bolivien und Venezuela erscheinen bei diesen Überlegungen zwar im Bereich des Möglichen, doch der weite Flug und die Nähe zum US-Luftraum - hier vor allem Kuba - bergen die Gefahr einer Notlandung bei unzureichendem Kerosin oder - noch schlimmer - eines Abfangens durch US-Kampfjets.

Nachdem alle Aspekte genauestens abgewogen worden sind, kommt der Bericht letztendlich zum Schluss, dass Island die einfachste und sicherste Möglichkeit - zumindest für den Anfang - wäre. Einerseits müsste in diesem Fall Snowdens Maschine nicht den Luftraum anderer Staaten queren und andererseits handelt es sich bei dieser Reise mit nur rund 3.300 Kilometern um die weitaus kürzeste Strecke von allen (Bolivien mit 12.561 Kilometern ist in dieser Statistik Spitzenreiter). Doch wie in vielen anderen Staaten - darunter auch Österreich - müsste Snowden in Island landen, um einen Asylantrag stellen zu können.

Island als Zufluchtsort oder doch nur als Tankstopp?
Die isländische Regierung hat sich in den letzten Wochen im Unterschied zu Staaten wie Venezuela und Bolivien eher zurückhaltend zum Thema politisches Asyl für den Geheimdienstaufdecker geäußert. Das Parlament in Reykjavik lehnte zudem vor Kurzem einen Antrag von Oppositionsabgeordneten ab, Snowden die isländische Staatsbürgerschaft zu gewähren. Außerdem besteht zwischen den USA und Island rein formal ein Auslieferungsabkommen, auch wenn dieses noch vor dem Zweiten Weltkrieg vereinbart wurde und sich daher wohl beide Staaten nicht mehr daran gebunden fühlen.

Hinter dem Zufluchtsort Island steht dennoch ein großes Fragezeichen, welches "The Atlantic Wire" gänzlich unberücksichtigt lässt. Die Insel lediglich als Zwischenstopp zu nutzen, erscheint daher als weitaus realistischere Option. Von Reykjavik aus wäre jedenfalls auch ein Flug nach Venezuela nicht mehr so gefährlich.

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