Die rein wirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnungen, die meist vor so einem Großereignis von enormen Gewinnperspektiven sprechen, werden hier jedenfalls außer Acht gelassen, denn spätestens nach dem Turnier werden sie wieder nach unten redigiert oder gar völlig umgeworfen. Vielmehr soll hier die infrastrukturelle Entwicklung des polnischen Fußballs sowie auch des Landes betrachtet werden, und die ist - so viel vorweg - beachtlich.
Polen hat enorm von der EURO profitiert und damit anderen Ausrichtern - nicht zuletzt auch Österreich - doch einiges vorgezeigt. Während von der EURO 2008 im Endeffekt eigentlich nur das Salzburger Stadion übrig blieb - Innsbruck wurde zurückgebaut, Klagenfurt gammelt de facto unbespielbar vor sich hin, das Wiener Ernst-Happel-Stadion blieb alt, wie es war -, wurde beim Co-Ausrichter von 2012 mit weit mehr Weitsicht vorgegangen.
Moderne Stadien lösen kleinen Zuschauerboom aus
Alle Stadien (Posen, Danzig und Breslau werden von Erstligisten bespielt, die Warschauer Arena wird als Nationalstadion genutzt) sind weiterhin in Betrieb, wenn auch die Auslastung teils noch zu wünschen übrig lässt. Dennoch ist so etwas wie ein Zuschauerboom in der Ekstraklasa, der höchsten polnischen Liga, zu beobachten.
Am besten ist dies beim Breslauer Verein Slask Wroclaw zu sehen: Vor dem Umzug in den Stadionneubau zu Beginn der Saison 2011/12 hatte der Klub einen Zuschauerschnitt von unter 7.500. In der ersten Spielzeit erhöhte sich dieser auf knapp 17.000, heuer hält Slask bei durchschnittlich 15.000 Zuschauern.
Bilder von einigen der polnischen Stadien finden Sie in der Infobox!
Auch bei Lechia aus Danzig ist eine positive Entwicklung zu bemerken: Vor dem Neubau der PGE Arena kamen knapp 7.000 Zuschauer pro Spiel, um dann eine Steigerung auf 17.400 bzw. derzeit knapp über 13.000 Fans zu erleben. Etwas anders gelagert ist dies bei Lech Poznan, dessen Stadion als erstes der EM-Arenen bereits im Herbst 2010 eröffnet wurde. Der Klub verzeichnete auch vor der Renovierung teils Zuschauerschnitte von knapp 18.500. Mit derzeit knapp 22.300 steuert Lech aber auf einen der höchsten Zusprüche der letzten Jahre zu.
Mit knapp 8.000 Fans pro Spiel hat die Ekstraklasa als gesamtes allerdings weiterhin einen eher niedrigen Schnitt, wobei dies vor allem daran liegt, dass die kleineren Vereine der 16 Teams umfassenden Liga nicht viel mehr als 3.000 bis 5.000 Anhänger anlocken. In Zukunft könnte sich dies aber zum Positiven ändern. Einen Aufwärtstrend bemerkt man nämlich bereits jetzt, wenn man betrachtet, wie viele Vereine einen Schnitt von über 10.000 Zuschauern haben. Waren dies vor einigen Jahren immer nur drei, so verzeichnen mittlerweile bereits fünf Klubs einen fünfstelligen Zuschauerschnitt.
Gebaut wird an allen Ecken und Enden
Und auch die kleineren Vereine könnten hier schon bald ordentliche Steigerungen vollziehen: Denn neben den Austragungsorten der Europameisterschaft wurde auch noch eine Reihe von anderen Stadien neu gebaut, so etwa im oberschlesischen Gliwice ein Stadion für knapp über 10.000 Zuschauer. Der aktuelle Aufsteiger Piast hält aktuell bei 5.200 Fans pro Spiel, eine enorme Steigerung gegenüber den rund 2.900 in der letzten Erstligasaison 2009/10. Zudem wird derzeit in Zabrze, Bialystok, Chorzow und Warschau (für den zweiten Hauptstadtverein Polonia) an neuen Erstliga-Stadien gebaut oder zumindest die Renovierung der alten Bauten vorangetrieben, um bessere Rahmenbedingungen zu schaffen.
In der polnischen "Filmmetropole" Lodz soll zudem die modernste Arena des Landes errichtet werden, die auch die Anforderungen für die Austragung eines Finales der Europa League erfüllen würde. Derweil verfügt der örtliche Erstligist Widzew nämlich über ein eher karges Heimstadion. Bereits jetzt können sich hingegen einige Zweitligisten - so etwa die beiden Traditionsvereine Arka Gdynia und Cracovia Krakow - über Stadien freuen, die österreichische Bundesligisten durchaus vor Neid erblassen lassen würden.
Dem Land ist es also gelungen, von der Europameisterschaft einen Schwung mitzunehmen, der für den Fußball in den nächsten Jahren fast schon perfekte Rahmenbedingungen schafft. Ob sich diese dann auch in den Zuschauerzahlen und der wirtschaftlichen Entwicklung der gesamten Liga widerspiegeln, muss sich freilich erst zeigen. Die Anzeichen dafür sind allerdings auf alle Fälle vorhanden.
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