Nach Öcalan-Appell

Armenhaus der Türkei schöpft nun neue Hoffnung

Ausland
26.03.2013 13:17
Die Provinz Hakkari im Dreiländereck zwischen der Türkei, dem Iran und dem Irak, liegt nicht nur geografisch in der hintersten Ecke der Türkei. Die Gegend gehört zu den ärmsten des Landes und war bisher ein Hauptkriegsschauplatz des Kurdenkonflikts. Nun, nach dem Waffenstillstandsappell des kurdischen Rebellenchefs Abdullah Öcalan, schöpfen die Menschen dort neue Hoffnung. Nach 30 Jahren Krieg sehnen sie Fabriken, Investitionen, Arbeitsplätze und auch Touristen herbei.

Sait Caglayan wurde in Hakkari geboren und hat sein ganzes Leben in der Gegend verbracht. Der 50-Jährige ist Sekretär des Türkischen Menschenrechtsvereins IHD in der Provinz, und er hat im Laufe der Jahre häufig am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie sehr der Kurdenkonflikt die Gegend und die Menschen geprägt hat. Erst im vergangenen Jahr wurde Caglayan selbst wegen des Verdachts auf Unterstützung der kurdischen Rebellengruppe PKK einige Tage lang eingesperrt - auf Anordnung eines Gerichts kam er damals wieder frei.

"Von meinen 50 Jahren habe ich 30 im Krieg verbracht", sagte Caglayan. "Es waren nicht nur die Kämpfe, es war auch der psychologische Druck." Alltag bedeutete Kriegsalltag in Hakkari. Schwer bewaffnete Einheiten der türkischen Armee fuhren durch die Straßen der Städte, Kampfflugzeuge überflogen die Gegend, PKK-Trupps sickerten über die Grenze aus dem nahen Nordirak ein und verübten Anschläge.

Hakkari immer wieder Schauplatz von blutigen Konflikten
Auch einer der berüchtigtsten Sabotageakte türkischer Sicherheitskräfte spielte sich in der Provinz Hakkari ab: Im Jahr 2005 zündeten Mitglieder eines Militärgeheimdienstes eine Bombe in einem Buchladen in der Stadt Semdinli und töteten einen Menschen. Die Behörden stellten die Gewalttat zunächst als PKK-Anschlag hin, mussten dann aber zugeben, dass sie das Werk von Sicherheitskräften war, die in der Gegend kurdisch-türkische Spannungen anfachen wollten. Die Provinz kam nicht zur Ruhe. Im vergangenen Jahr sollen bei schweren Gefechten im Raum Sendinli 115 PKK-Kämpfer getötet worden sein.

Der lange Krieg hat Hakkari vom Wirtschaftsboom im Rest der Türkei abgeschnitten. Das jährliche Einkommen eines Bürgers in der Provinz liegt bei umgerechnet etwa 3.400 Euro - weit unter dem türkischen Gesamtdurchschnitt von knapp 12.000 Euro. "Es gibt keine Fabriken hier, keine Arbeitsplätze", sagte Caglayan. Was es an Wirtschaftsleistungen gibt, ist häufig illegal. Erst in den vergangenen Tagen wurden 1,2 Millionen Packungen geschmuggelter Zigaretten in der Provinz beschlagnahmt.

Potenzial für Aufschwund ist vorhanden
Dabei hat die wildromantische Gegend große Potenziale. Die Nähe zum Irak und zum Iran könnten die Provinz zu einem Umschlagsort des Handels machen. Derzeit sind allerdings viele Grenzübergänge wegen des PKK-Konflikts geschlossen. Caglayan hofft, dass sich das bald ändern wird. Der erste Flughafen in der Provinz soll noch in diesem Jahr eröffnet werden, nachdem auch dieses Projekt unter dem Kurdenkonflikt zu leiden hatte: Im vergangenen Jahr entführte die PKK vorübergehend mehrere Arbeiter der Flughafenbaustelle.

"Wenn wir erst den Flughafen haben und die Iraner über die Grenze zu uns kommen, dann werden sie von Hakkari aus in die ganze Welt fliegen können", sagte Caglayan. Das werde der Provinz einen bitter benötigten wirtschaftlichen Aufschwung bescheren.

Friedensappell Öcalans lässt auf Verbesserung hoffen
Möglich erscheint das alles durch die Verhandlungen zwischen Öcalan und dem türkischen Staat, die zum Friedensappell des PKK-Chefs am 21. März führten (siehe Infobox). "Sehr positiv" sei das, sagte Caglayan. Nun komme es darauf an, dass beide Seiten ihre Verpflichtungen erfüllten. Die PKK soll nach Öcalans Worten ihre Kampfverbände aus der Türkei zurückziehen - die Rede ist von etwa 1.500 Rebellen, die das Land Richtung Nordirak verlassen sollen. Gleichzeitig soll der türkische Staat die politischen und sozialen Rechte der Kurden garantieren.

"Das gibt uns eine neue Atmosphäre, neuen Sauerstoff", sagte Caglayan über die Veränderungen, die er für Hakkari erhofft. Wenn beide Seiten in guter Absicht ans Werk gingen, dann werde sich die Lage in der Provinz sehr zum Besseren wandeln.

"Endlich gibt es auch für uns ein Morgen"
Nicht nur in Hakkari lebt diese Hoffnung auf. Die Menschen im ganzen Kurdengebiet hätten in den langen Kriegsjahren gelernt, jeden Tag so zu leben, als ob es ihr letzter sei, sagte Selahattin Demirtas, Chef der legalen Kurdenpartei BDP, der Zeitung "Hürriyet". Das werde sich nun ändern. "Endlich gibt es auch für uns ein Morgen."

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