Mächtig viel Staub hat ein Parteifreund des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán mit Überlegungen zum Ukraine-Krieg aufgewirbelt. Balázs Orbán (nicht verwandt mit dem Regierungschef) erklärte in einem Interview, dass die Lehre aus dem Ungarn-Aufstand im Jahr 1956 jene wäre, dass Widerstand gegen einen Angriff durch einen mächtigen Staat nur Leid und Tod mit sich bringe. Mit Blick auf die Ukraine, die sich seit zweieinhalb Jahren gegen eine russische Invasion wehrt, meinte Balázs Orbán, er hätte Kiew nicht geraten, sich zu wehren.
Der Politiker der Regierungspartei Fidesz, der an der Seite des Premiers das Amt eines politischen Direktors ausübt, nannte in dem YouTube-Videogespräch mit dem regierungsnahen Portal „Mandiner“ den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj „unverantwortlich“. Dieser habe „sein Land in einen Abwehrkrieg geführt“, bei dem bereits viele Menschen gestorben seien.
„Vorsichtig mit Menschenleben umgehen“
Ungarns Führung habe hingegen aus dem 1956 von sowjetischen Truppen niedergeschlagenen Aufstand gegen das damalige kommunistische Regime gelernt, dass „man mit dem sehr wertvollen Leben der Ungarn sehr vorsichtig umgehen muss. Diese kann man nicht einfach so anderen vorwerfen“. „Wir hätten wahrscheinlich das nicht getan, was Selenskyj getan hat“, betonte Balázs Orbán.
Politologe: „Größter politischer Fehler des Jahres“
Balázs Orbáns Aussagen führten zu empörten Reaktionen der ungarischen Opposition wie auch von regierungskritischen Kommentatoren. Die historischen Freiheitskämpfe des Landes – etwa gegen die Habsburgerherrschaft 1848/49 oder gegen die sowjetische Besatzung 1956 – spielen in der Geschichtsschreibung und im Selbstverständnis der meistenUngarneine wichtige Rolle. Oppositionsführer Péter Magyar von der Partei TISZA forderte Balázs Orbán zum Rücktritt noch vor dem Nationalfeiertag am 23. Oktober auf, wenn des Ungarn-Aufstandes gedacht wird.
Der bekannte Politologe Gábor Török sprach auf Facebook vom „größten politischen Fehler des Jahres“. Die Aussagen des Fidesz-Politikers stünden nämlich im krassen Gegensatz zur offiziellen Kampfrhetorik der Orbán-Regierung, die ständig von der „Eroberung Brüssels“ oder vom „Kampf für unsere Souveränität“ spricht.
Opposition wirft Regierung „Kollaboration“ mit Russland vor
Balázs Orbán reagierte umgehend auf die Vorwürfe und beklagte sich in einem Facebook-Video über den „permanenten Druck auf Ungarn durch die Kriegspropaganda“. Der Fidesz-Politiker wies darauf hin, dass auch für ihn die Widerstandskämpfer des Jahres 1956 ungarische Helden gewesen seien und „das Richtige“ getan haben. Der Schaden war aber schon angerichtet. Die Oppositionsparteien sind sich einig: Die Fidesz-Regierung würde mit den Russen kollaborieren.
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