Brüssel am frühen Freitagnachmittag. Der Himmel über dem Place du Luxembourg ist wolkenverhangen, es hat kühle 16 Grad. Im sechsten Stock des EU-Parlaments steht Othmar Karas und wirft einen letzten Blick über sein leer geräumtes Büro. An die Fenster träufelt Nieselregen. „Da ist keine Wehmut, nur Dankbarkeit“, meint der Erste Vizepräsident zum Abschied leise.
Vor dem Zimmer stehen Kisten und Bilder, als letztes wurde sein Lieblingszitat auf dunkelblauem Hintergrund abgehängt. Es stammt von Martin Luther King und beschreibt das Wesen der Politik. Dass es nicht darum geht, was populär oder diplomatisch ist. Sondern darum, was einem das Gewissen sagt. Was richtig ist.
Zu den politischen Personaldebatten in Wien kommt Karas nicht einmal ein Halbsatz über die Lippen. Neos, Grüne, einige Landeshauptleute und zuletzt auch Alpbach-Präsident Andreas Treichl haben sich für Karas als EU-Kommissar ausgesprochen. SPÖ und Neos fordern ein öffentliches Hearing für mögliche Kandidaten im österreichischen Nationalrat – im EU-Parlament übrigens bei jeder Spitzenfunktion eine Selbstverständlichkeit. Ob das allerdings die ÖVP beeindrucken wird, ist mehr als fraglich.
Fast unbemerkt und davon unbeeindruckt verlässt Othmar Karas nach einem Vierteljahrhundert kurz vor 14 Uhr das Haus. „Gibt’s davon ein Video?“, fragt ein Journalist später in seinem Büro an. „Er ist schon weg“, heißt es dort. Ein starker Abgang, vielleicht nicht für immer.
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