Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ gerät in Reichenau ein wenig zäh. Gefordert sind dabei die Hauptdarsteller Julia Stemberger, Stefan Jürgens und Martin Schwab. Dennoch trotz der Mühsal sehenswert!
Die Romane glühen und funkeln alle noch, von den frühen Verstörungen bis zu den listigen Aufsässigkeiten der späten Jahre. Aber Bernhards Theaterstücke verblassen Regisseuren und Schauspielern heute unter den Händen. Dabei werden sie, nach dem Aufführungsverbot aus dem Todesjahr 1989, in Österreich wieder viel gespielt. Seither hat sich allerdings der Erregungsunfug von damals als elaboriert und gegenstandslos erwiesen. Das Provokationspotenzial kann man kaum noch nachvollziehen. Geblieben sind Konversationskomödien hoher Qualität, mit einem meist überlangen ersten, einem genialen zweiten und einem abfallenden dritten Akt.
Über letztgenannten verfügt das Frühwerk „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ nicht. Aber der erste erweist sich beim Wiedersehen in Reichenau als zäh: Der trunksüchtige Vater wartet in der Operngarderobe auf seine wie immer verspätete Tochter, eine berühmte Koloratursopranistin. Ihr Groupie, ein exaltierter Arzt, vertreibt ihm die Zeit mit Einsichten in die Kunst der Leichenöffnung. Diesen Quasi-Solisten hat bei der Uraufführung anno 1972 Bruno Ganz gespielt, am Burgtheater sah man später Joachim Meyerhoff. In Reichenau hat man Stefan Jürgens aufgeboten, einen präsenten, sprachsicheren Protagonisten. Aber eben nicht mehr, während Ganz die Sprache selbst als Musikinstrument verstanden hat und Meyerhoff ein Hochleistungsvirtuose ist. Nur so kann man Bernhards nach musikalischen Gesetzen gefertigten Dialogen noch beikommen: Sie schnell und geläufig hinter sich zu bringen, genügt nicht. Hier muss man das Risiko konsequenten Publikumsquälens eingehen. So wird man mit Glück die aus der Musik geläufigen himmlischen Längen erzeugen.
Die Aufführung hat freilich auch große Vorzüge. Der Regisseur Hermann Beil hat als Claus Peymanns intellektueller Kompagnon die historischen Bernhard-Triumphe mitverantwortet. Er beherrscht den Originalklang, den Martin Schwab als Vater, Julia Stemberger als Tochter und Therese Affolter als fast stumme Garderobiere noch beim Meister selbst erlernt haben. So entfaltet der zweite Akt (mit Dirk Nocker als Kellner) dann doch noch ausreichend Atmosphäre und Dämonie. Er spielt in den „Drei Husaren“, einst Wiens feinste kulinarische Adresse, heute trauriger Seitentrakt einer Großkonditorei. Wenn dasnur kein Omen ist.
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