Erinnerungen

Jedes Leben ist mehr als ein Roman wert

Vorarlberg
19.11.2023 10:25

Autor Robert Schneider erzählt von Erinnerungen aus seiner Kindheit: Verwandtenbesuche, seine Lieblingstante Rosa - und ein geheimnisvolles Zusatzgedeck am Tisch im Bregenzerwald.

Zwei Mal im Jahr packten die Eltern uns vier Kinder in den doppelkabinigen VW-Pritschenwagen und fuhren in den Bregenzerwald, die lieben Tanten und Onkel väterlicherseits besuchen. Dort zuckelten wir von Dorf zu Dorf, vorbei an hoch aufschießenden Felsen, über sanft hügelige Wiesen, auf denen die sonnenverkohlten Bauernhöfe geduckt da standen, als verberge sich hinter ihren Fenstern ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl.

Steinalte Menschen besuchen
Weil die Verwandtschaft so zahlreich war - es konnten unmöglich alles Tanten und Onkel meines Vaters sein -, kehrten wir meistens erst kurz vor Mitternacht zurück. In meiner Erinnerung handelte es sich bei dieser Verwandtschaft um steinalte Menschen. Leute, die aus einem anderen Jahrhundert kamen. Mit zehn Jahren kommt einem ein zwanzigjähriger Mensch schon sehr alt vor. Aber Vaters Tanten und Onkel waren allesamt Greisinnen und Greise.

Erinnerungen an vergangene Tage im Bregenzerwald (Bild: Vorarlberger Landesbibliothek)
Erinnerungen an vergangene Tage im Bregenzerwald

Bei Tante Gerlinde, die ein lahmes Augenlid hatte, bissen wir uns die Zahnkronen an den Zimtsternen der vergangenen Weihnachten aus, die sie uns im Hochsommer kredenzte. „Das muss weg. Wär zu schade drum", pflegte sie zu sagen. Tante Gerlinde galt als sehr vermögend, weil ihr etliche Waldgründe gehörten. Jahrein, jahraus trug sie eine grüne Strickjacke. Sie starb übrigens in einer bitterkalten Winternacht. Sie war in ihrem Bett erfroren, weil sie das Brennholz für den Ofen für kältere Nächte hatte sparen wollen.

Lob gab’s von Kaiser Franz Josef
Beim über neunzigjährigen Onkel Ludwig machten wir uns heimlich über den Eierlikör her, während er wie jedes Jahr die Geschichte seiner Begegnung mit Kaiser Franz Josef erzählte, der am 10. August 1881 den ersten „Bell’schen Sprechtelegrafen“ der Monarchie in Dornbirn in Betrieb genommen hatte. Onkel Ludwig habe dem Kaiser ein Gedicht aufsagen dürfen, worauf der „Schön, schön!“ gesagt habe. Wenn Onkel Ludwig zu der Stelle mit dem „Schön, schön!“ kam, begann er zu weinen.

Prahlerische Wirklichkeiten
Diese Geschichten kommen mir heute so fern vor und erinnern mich selbst ans Altwerden. Ich habe tatsächlich noch jemanden gekannt, der Kaiser Franz Josef begegnet ist - vorausgesetzt, der Onkel Ludwig hat uns damals nicht das Blaue vom Himmel erzählt, denn er war dafür bekannt, dass er Wünschen, die nie in Erfüllung gingen, eine prahlerische Wirklichkeit überstülpte. Am liebsten mochte ich aber Tante Rosa. Sie war eine zarte Person mit einem wächsernen Gesicht, durch das die Adern blau durchschimmerten. Im Herrgottswinkel ihrer niedrigen Stube hing ein Kreuz. Rechts davon die Fotografie eines jungen Wehrmachtssoldaten.

Schriftsteller Robert Schneider erinnert sich an Verwandtenbesuche während seiner Kindheit. Was da alles vorkam: Zimtsterne und sogar Kaiserbegegnungen. (Bild: Mathis Fotografie)
Schriftsteller Robert Schneider erinnert sich an Verwandtenbesuche während seiner Kindheit. Was da alles vorkam: Zimtsterne und sogar Kaiserbegegnungen.

Tante Rosa legte immer ein zusätzliches Gedeck auf den Tisch, das jedoch unberührt blieb. Ein vorlautes Kind, das ich war, wollte ich einmal wissen, wieso sie sich bei den Tellern immer verzähle. Tante Rosa brach wie aus dem Nichts in Tränen aus. Das verstörte mich sehr. Mein Vater schimpfte mit mir, was ich doch für ein taktloses Kind sei. Viele Jahre später erfuhr ich, dass der junge Soldat neben in Tante Rosas Stube ihr Verlobter gewesen war. Er hieß Vinzenz und war „in Russland geblieben“, womit man das Wort „gefallen“ umschrieb.

Was unerzählt am Friedhof liegt
Tante Rosa war der festen Überzeugung, dass eines Tages die Tür aufspringen und Vinzenz sie anlachen werde. Das soll sie noch bis in die Neunziger Jahre geglaubt haben. Jedes Leben wäre mehr als ein Roman wert. Und so liegen diese Geschichten schon lange, lange Zeit auf den Friedhöfen des Bregenzerwaldes verstreut. Unerzählt.

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