Buch „Jugendfeuer“

Nick Cave: Als der Messias noch wild und jung war

Kultur
27.12.2022 09:00

Vor drei Monaten feierte Nick Cave seinen 65. Geburtstag - bevor er seine Weltkarriere mit den Bad Seeds startete, fand sich der Australier in seinen Teenager-Jahren auf einer ruppigen Findungsphase. Die wird privat als auch musikalisch im Buch „Jugendfeuer“ detailgetreu und ausführlich nachgezeichnet.

Wer seit geraumer Zeit Zeuge von Nick Caves Live-Auftritten ist, fühlt sich möglicherweise eher in einer liturgischen Messe als bei einem stinknormalen Konzert verortet. Sein zweifellos überbordendes Charisma vermischt mit der Publikumsnähe und den ungemein intensiv (und teilweise auch öffentlich) gemeisterten Krisen in seinem Privatleben hat aus dem nahbaren „Onkel Nick“ einen Hohepriester gemacht. Er genießt bei seinen Gigs das Bad in der Menge, lässt sich anhimmeln und beehren und entschwindet nach gut zweieinhalb Stunden im feinsten Zwirn wieder in die selbstgewählte Anonymität. Mit seinen Fans hält er ehrlich und offen Kontakt über die „Red Hand Files“ im Internet, Interviews mit Medien verweigert er sich nach einer kurzen Phase der Offenheit bereits wieder seit Jahren. Einen derart gottähnlichen Status hatte Cave bei seinen Jüngern nicht immer, dass er aber schon sehr früh sehr hart dafür arbeitete, das lässt sich in „Jugendfeuer - Die frühen Jahre des Nick Cave“ gut nachzeichnen.

Opulente Früh-Werkschau
Autor Mark Mordue gibt bereits im Prolog Einblicke in das nicht einfache Zueinanderfinden mit dem großen Künstler. Diese Offenheit sich selbst und auch des Hauptprotagonisten gegenüber ist eine der größten Stärken der Biografie, die sich - Nomen est Omen - mit dem ganzen frühen Kapitel Caves befasst. Dafür hat Mordue nicht nur Cave selbst mehrere Male zu teils ausladenden Gesprächen gebeten, sondern vor allem Familienmitglieder und Mitstreiter aus den Frühtagen ans Diktiergerät gebeten. Daraus ergibt sich nicht nur ein naher Einblick in die Welt des jungen und ungestümen Künstlers, sondern auch in das Sein und Wesen der hierzulande viel zu unbekannten australischen Musikszene in den späten 70er-Jahren. Mehr als eine Dekade recherchierte, interviewte und stückelte sich Mordue sein Bild zurecht, das er zumeist chronologisch verfolgt, das strenggenommen aber mit dem viel zu frühen Tod von Nick Caves Vater Colin bei einem Autounfall 1979 beginnt.

Für den zu dieser Zeit musikalisch bereits sehr aktiven und in Australien weithin bekannten Lehrersohn war das Verhältnis zum Vater ein zeitlebens schwieriges. So fungierte dieser als Theatermacher und Kulturliebhaber, der sich seinem Sohn gegenüber mehr als Lehrer, denn als Vater gebärdete und die jugendlich-anarchischen Strömungen seines Sprosses trotz all seiner Qualitäten nicht goutierte. Es gehört zu den intensivsten Phasen von „Jugendfeuer“, wenn Nick Cave sich nach dem Vorfall in die Studioarbeit stürzt und bei Fragen nach seinem Befinden ein gleichgültiges „er hat es verdient“ rausschießt. Freilich litt er schwer unter dem Verlust und des nicht vollendeten Zueinanderfindens, doch die hart gepflegte Punk-Attitüde durfte nach außen hin nicht von Gefühlen und melancholischem Sentiment zerbrochen werden.

Keine Lobhudelei
Caves erste 22 Lebensjahre bestehen gemeinhin aus Widersprüchen und Findungsphasen. Geboren im beschaulichen Warracknabeal, aufgewachsen im ruralen Wangaratta und schließlich gestählt in der alternativen Kunstszene von Melbourne wurde aus einem netten und schüchternen Außenseiter ein Mobbingopfer, das sich aber niemals vom Weg seiner Andersartigkeit und der Liebe zur Literatur und bildnerischer Kunst abbringen ließ. Mithilfe von Mutter Dawn, Schwester Julie und seinen einstigen Freunden und Bandmitgliedern wie Mick Harvey, Simon Bonney oder Phill Calvert zeichnet Mordue detailliert das Wesen des großgewachsenen und charismatischen Künstlers nach, der sein fehlendes Gen als geborener Popstar mit unheimlich viel Fleiß, Ausdauer und auch Kompromisslosigkeit wegmachte. Stets in den Kontext seiner schwierigen Vater-Sohn-Beziehung setzend, verzichtet Mordue angenehmerweise auf eine unkritische Lobhudelei, sondern geht mithilfe vieler Wegbegleiter durchaus hart mit dem Superstar ins Gericht.

Cave war vor allem in seinen Sturm-und-Drang-Jahren ein hochnäsiger Geck, der Narzissmus und Perfektionismus auf eine Stufe stellte und sich nach dem Erreichen jeweiliger Ziele ohne Umschweife von Mitstreitern getrennt hat, um die nächste Stufe hochzuklettern. Er konnte ungemein innig und gleichermaßen gefühlskalt vorgehen. Er war zerrissen von seinen Einflüssen zwischen Leonard Cohen, Queen und Roxy Music, Nabokov, Dostojewskij und Egon Schiele. Wie viele geniale Geister hatte Cave - unter tatkräftiger Unterstützung von Bandkollegen aus dem Umfeld seiner ersten Band The Boys Next Door - einen ausgeprägten zum Vandalismus, zu harten und weichen Drogen und zur schnellen Liebe. Ein Leben auf der Überholspur in einer Zeit des musikalischen Aufbruchs, wo seine seelischen Narben und persönliche Unsicherheiten in beständiger Arbeit und der vollen Hingabe zur Kunst aufgelöst wurden.

Mit all seinen Schwächen
Mordue arbeitete mehr als zehn Jahre an diesem Werk und gibt im Buch freimütig zu, zwischendurch fast den Verstand verloren zu haben. Cave selbst sprach ihm schlussendlich gut zu und ermutigte ihn zum Fertigwerden. Besonders herausragend sind die Beschreibungen der wilden Spät-70er-Erfahrungen in Melbournes In-Club „Crystal Ballroom“, einzelne Rückschauen über Caves On-Off-Beziehung mit seiner ersten großen Muse Anita Lane und über den gockelhaften Kampf zwischen Cave und Teilzeit-Bandmitglied Rowland S. Howard, der mit nur wenigen Entscheidungen („Shivers“) aus dem Einen einen Welt-Superstar und aus dem Anderen eine krachend gescheiterte Künstlerexistenz machen sollte. In seiner präzisen und nahezu lückenlosen Aufklärung bringt Mordue auch Cave-Insidern einen garantierten Mehrwert. Viele Bücher über Musiker schimpfen sich Biografien oder Enzyklopädien, so rund, umfassend und spannend wie „Jugendfeuer“ sind aber nur die Wenigsten verfasst. Wer Nick Cave abseits seines Gottstatus kennen lernen will, ist hier goldrichtig.

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