„Krone“-Interview

Christian Fetish: „Das Böse scheint omnipräsent“

Musik
06.04.2026 05:00

Den gebürtigen Steirer Christian Fuchs kennt man als umtriebigen Filmjournalisten und Sänger in unterschiedlichen Combo wie Black Palms Orchestra, Bunny Lake oder Die Buben im Pelz. Mit seinem Alter Ego Christian Fetish und dem Album „Aura Nera“ lässt er seine Anfänge mit der Industrial-Rockband Fetish 69 wiederaufleben, bleibt nicht in der Nostalgiefalle hängen. Der „Krone“ erzählt er vom Drang, Musik zu erschaffen, von der Nähe zum Nihilismus und warum trotz der vielen Dunkelheit alles sehr poppig klingt.

kmm

„Krone“: Christian, du bist ein Mann, der in seinem Brotjob vom Musikjournalismus in den Bereich Filmjournalismus gewechselt ist und sehr offen damit umgeht, dass er sich dort in allen Belangen wohler fühlt. Warum dann trotzdem noch so viel Leidenschaft für Musik, dass du in unterschiedlichen Projekten tätig bist?
Christian Fuchs:
 Film ist eine Art Lebensmittel für mich. Ich genieße es dabei besonders, dass ich nur in der Konsumentenrolle bin. Dass ich mich passiv in den Kinosessel lehnen kann, um dann in fremde Welten einzutauchen. Musik dagegen sehe ich immer auch aus der Produktionsperspektive. Ich analysiere automatisch die Instrumentierung, die Message. Schließlich habe ich schon mit sehr vielen Genres geflirtet, ich kann weder Industrial Rock, noch Electropop oder Neues Wienerlied unschuldig hören. Das stresst manchmal. Die Leidenschaft für das eigene Musikschaffen hat unter dieser Krise aber nicht gelitten. Da geht es auch um Katharsis und Therapie, um das Ausleben drastischer Emotionen in einem Songkontext, um die kreative Kommunikation mit tollen Talenten vor allem. Das kann mir der Film nicht geben.

Man kann aber zumindest sagen, dass das visuell Reale, aber auch visuell Imaginäre eine große Rolle spielen. Gab es die Bilder im Kopf vor den ersten Klangideen von „Aura Nera“ und wenn ja, welche waren das?
Wenn, dann waren das sehr diffuse Bilder. Die eher meinen unruhigen Träumen entstammten als irgendwelchen Filmen oder Serien. Erst wenn ein Song richtig Gestalt angenommen hatte, wenn wir den fast fertigen Mix im Studio hörten, kamen die Bilder von selbst. Zu jedem Track manifestierte sich sofort ein ganzer Videoclip oder gar eine Idee für einen Spielfilm. Dabei blieb der visuelle Auftritt von Christian Fetish dennoch lange unklar. Die Zusammenarbeit mit dem New Yorker Künstler OxydeNoir erwies sich dann als Geschenk. Er kreierte mit dem Cover und dazugehörigen Animationen eine ganz eigene Noir-Welt. In der ich mich wie eine existentialistische Comicfigur fühle, herrlich.

Wofür steht „Aura Nera“ als Überbegriff des Albums in deinem Fall? Wie fasst es dieses düstere, industrielle Werk am besten zusammen?
Der Begriff stammt aus Dantes „Inferno“. In dieser berühmten Beschreibung der Hölle dominieren lange dämonische Kreaturen aus Fleisch und Blut. Aber irgendwann kommt die schwarze Luft ins Spiel. Nicht mehr irgendwelche Wesenheiten, sondern der Wind, der Regen und der Sturm sind plötzlich böse. Die ganze „Aura Nera“ ist vom Bösen erfüllt. Das ist für mich eine perfekte Metapher auf die Gegenwart der Hooligan-Politik und asozialen Medien. Das Böse scheint derzeit omnipräsent, es liegt in der Luft, wir atmen es täglich ein.

Das neueste und momentan wichtigste Projekt trägt den Namen Christian Fetish und geht nicht nur deshalb zurück zu deiner Urband Fetish 69, die vor allem in den 90ern ihre Duftmarken setzte. Ist dieses Projekt nun gleichermaßen nostalgische Rückbesinnung wie notwendig dystopischer Ausblick?
Ja, das trifft es gut. Eigentlich hatte ich Studiozeit für mein cinematisches Bandprojekt Black Palms Orchestra gebucht. Aber dann trieb es meine Musikerfreude und mich in ganz andere Richtungen. Wir folgten dem Flow. Und landeten plötzlich bei Songs, die an die Ära des Industrial Rock erinnerten. Und es fühlte sich richtig an. Einerseits machte der Umgang mit brachialen Sounds wieder großen Spaß. Zum anderen hatte ich ein Ventil für dringliche Gefühle. Nur einen Namen gab es zunächst nicht. Ich wollte etwas, das die autobiografisch angehauchten Songs widerspiegelt, aber auch wie eine düstere Band klingt. Irgendwann kam mir mein Jugendpseudonym Christian Fetish in den Sinn. Und damit begann ein Dialog zwischen meinem einstigen und dem jetzigen Ich. Anstatt mich mit Nostalgie zu begnügen, wollte ich Vergangenes mit Gegenwärtigem konfrontieren.

Fetish 69 lebten nicht zuletzt von der Dekonstruktion und einer kräftigen Portion Desillusionierung. Ist das bei Christian Fetish wieder der Fall und kann man grob umrissen sagen: Die Sorgen und Nöte der Welt sind dieselben wie vor 30 Jahren? Nur noch intensiver und beklemmender?
Die 1990er-Jahre waren, im Vergleich mit dem Hier und Jetzt, ja eine ziemlich relaxte Zeit, deswegen werden sie auch von der GenZ verklärt. Gerade diese Saturiertheit ermöglichte eine Popkultur, die das Extrem feierte. Grunge, Industrial, Serienkillerfilme und Splattercomics boomten. Fetish 69 passte perfekt hinein. Die relativ intakte politische Realität erlaubte damals künstlerische Abgründe ungestört zu erforschen. Heute stehen wir dagegen alle mit dem Rücken zur Wand, bedroht von unzähligen Schreckensszenarien. Die Lage ist ernst, da geht sich eine Koketterie mit der Apokalypse nicht mehr aus. Ganz privat kommt noch dazu: Während der junge Christian Fetish wenig Berührung mit Tod, Verlust, Trennung hatte, blicke ich längst auf viele traurige Erinnerungen zurück. Diese Melancholie im Inneren ist zusammen mit der Bedrohung durch das Äußere prägend für „Aura Nera“ gewesen.

Ist Christian Fetish nach Bunny Lake, Black Palms Orchestra und die Buben im Pelz, allen anderen mehr oder weniger aktiven Projekten, auch die endgültige Rückkehr zur absoluten Dunkelheit? Und welche Erlebnisse bzw. Momente haben die Suche nach dieser Dunkelheit ausgelöst?
Auch wenn mir manchmal unterstellt wird, dass ich hauptsächlich von Filmen beeinflusst bin oder mit Zitaten herumwerfe: Für mich ist mein Zugang zur Musik seit jeher zutiefst persönlich. Der Eskapismus bei Bunny Lake oder der romantische Nihilismus des Black Palms Orchestra spiegelten Lebensphasen wider. Als ich an „Aura Nera“ zu arbeiten begann, verstarb mein Bruder viel zu jung. Dieser Schock konfrontierte mich schroff mit der Endlichkeit, färbte auf die Songs ab. Es ist aber auch etwas anderes passiert. Jahrzehntelang war ich der absoluten Dunkelheit in meiner Musik ausgewichen, aus Angst in so einer Gothic-Pose zu erstarren. Dann kamen aber junge Leute in meinem Umfeld, die mich ermutigten, zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Und jetzt fühle ich mich in der Nosferatu-Rolle richtig wohl. (lacht)

Du bist für die Aufnahmen zum Album in deine alte südsteirische Heimat gefahren, oder? Hat diese Örtlichkeit für dich in vielerlei Hinsicht eine spezielle Bedeutung, die Sound und finalem Produkt noch einmal eine andere, spezielle Farbe geben?
Ich bin ja in der oststeirischen Austropop-Metropole Fürstenfeld aufgewachsen, aber seit mehr als 20 Jahren arbeite ich jetzt mit Produzent Bernd Heinrauch zusammen. Sein Studio liegt im südsteirischen Örtchen Schwarzau, quasi mitten in der Natur, ein fast mythischer Ort für mich. Bernd ist nicht nur ein hervorragender Multi-Instrumentalist. Er schafft es auch meine Ideen und Visionen, egal in welcher musikalischen Richtung, zu realisieren. Ich selber spiele ja kein Instrument, kann keine Noten. Diese magischen Momente in seinem Studio, wenn spätnachts plötzlich ein Song Gestalt annimmt, draußen die klare Sternennacht, das macht durchaus süchtig.

Die Inhalte der Texte scheinen sich in viele Bereiche auszudehnen. Introspektives, toxische Männlichkeit, dystopischer Pessimismus, Surreales. Was war dir dabei besonders wichtig und welche Themenbereiche wolltest du unbedingt anstreifen, weil sie perfekt zum Projekt passen?
Jeder Song hat seine eigene Geschichte. Es beginnt meistens mit einem Demo, das mir Freundinnen und Freunde aus der Musikszene schicken. Davon lasse ich mich inspirieren, auf meinen Laptop ist auch eine Sammlung mit Textnotizen und Ideen. Als mir etwa Wolfgang Schlögl von den Sofa Surfers einen Track mit dem Arbeitstitel „Minus Man“ schickte, löste das eine Kette von Assoziationen aus. Und ich beschloss eine Abrechnung mit den einsamen maskulinen Wölfen zu schreiben, die früher durch die Lyrics von Fetish 69 geisterten. Generell verbindet die Songs ein möglichst persönlicher Ansatz. Grundsätzlich wissen nur engste Menschen um mich, was wirklich in mir vorgeht. Jetzt entblöße ich mich ein ganzes Album lang, versteckt hinter Horrorbildern und brachialen Sounds zugegeben, damit es mir nicht zu peinlich wird. (lacht)

Ich glaube über die wichtigsten musikalischen Säulenheiligen und Inspirationsquellen zu „Aura Nera“ brauchen wir nicht allzu viele Gedanken in den Raum werfen – aber sag mir vielleicht trotzdem in deinen eigenen Worten, welche Acts oder Künstler dir den eigenen Weg hell erleuchteten?
Das soll jetzt nicht eitel klingen, aber: Was die Musik betrifft, ließ ich mich tatsächlich von meinem eigenen Schaffen inspirieren. Nach zirka 40 Tonträgern in verschiedensten Konstellationen gibt es ein großes Reservoir an Styles und Sounds. Es wimmelt vor Eigenzitaten auf „Aura Nera“. Die Stimmung prägte aber mein spiritueller Papa, David Lynch. Besonders sein Film „Lost Highway“. Wie Lynch darin persönliche Traumata in eine surreale Story verpackt, voller glamouröser Bilder und verstörender Industrialklänge, diesen Mix wollte ich auch. Eine ganz wichtige Inspiration für den Inhalt war der US-Philosoph Eugene Thacker, der den kosmischen Pessimismus vertritt. Er schreibt über ein kaltes, gottloses Universum, dem wir Menschen reichlich egal sind. Thacker ist aber kein verbitterter Untergangsprediger, der Typ hat auch Style, Humor und Bezüge zu Industrial und Black Metal.

Du hast auf dem Album auch einige Wegbegleiter und Gäste wie Sonja und Fazo von den Baits, Dead Richy Gein von den Bloodsucking Zombies From Outer Space, Medina Rekic von den White Miles oder Wolfgang Schlögl von den Sofa Surfers versammelt. Hast du gerufen und alle kamen? Und nach welchen Kriterien wurden welche Gastbeiträge wohin gewählt?
Der gute Vibe, der freundschaftliche Bezug war ganz wichtig, ich liebe ja alle diese beteiligten Menschen. Kommunikation und Kollaboration sind Triebfedern meines Schaffens, auch als Journalist moderiere ich am liebsten gemeinsam mit anderen. Jeder von den Gästen, die ich kontaktierte, hat seine speziellen Stärken. „Minus Man“ wurde als punkige Watschen gegen die Incel-Community viel effektiver mit Baits-Sonja und ihrer Attitude. „No Life In Outer Space“ schrie beinahe nach dem Richy. Mit ihm wurde es eine gottlose Hymne auf die Tatsache, dass wir eventuell ganz alleine im Universum sind. Die poppigsten Songs kamen ausgerechnet von meiner guten Freundin Medina, der Gitarrengöttin aus Tirol. „I Will Be Gone“ ist der desolateste Text auf dem Album, dank ihr in süßer Disco-Verpackung. Am Ende fühlte es sich wie eine virtuelle Band an, jeder Gastbeitrag machte mich glücklich.

Trotz all der Dunkelheit haben die meisten Songs einen sehr poppigen und zugänglichen Charakter. Ist da immer auch eine Liebe zur Leichtigkeit, die sich trotz all der allgemeinen Schwere ihren Weg bahnt?
Ja, definitiv. Ich bin mit den Beatles, ABBA und Boney M. aufgewachsen. Brutalen Rock und Avantgarde-Musik entdeckte ich erst spät im Leben. In früheren Bands gab es viele Streitereien, ich wurde oft als das Pop-Schweinderl abgetan, das immer auf klassische Songstrukturen beharrt. Jetzt lebe ich das rücksichtslos aus. (lacht) Ich liebe auch ganz allgemein stockdüstere Kunst, die leicht zugänglich ist, ich brauche Schönheit im Schrecken, da könnte ich stundenlang darüber reden.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Arbeit an diesem Album und gibt es einen Track, der dir besonders am Herzen liegt? Aus welchen Gründen?
Die größte Herausforderung war es, all diese Songs aus verschiedenen Quellen und mit vielen Gaststimmen wie ein einheitliches Album klingen zu lassen. Dank Bernd Heinrauch ist das gelungen, finde ich. Besonders am Herzen liegt mir „Ghost In The Machine“. Wolfgang Frisch, auch von den Sofa Surfers, schickte ein brachiales Demo, zu dem mir lange kein Text eingefallen ist. Dann beschloss ich mich dem absoluten Horror zu stellen. Die größte Angst in meiner Familie war immer, in einem künstlichen Koma zu landen, ohne Hoffnung auf Genesung. Und genau das ist meinen Eltern und meinem Bruder vor ihrem Tod widerfahren. Als ich den Song zu diesem Thema sang, war die Atmosphäre im Studio eisig. Ich zweifelte und zögerte. Dann kam der kraftvolle Bass von Christof Baumgartner. Und die engelsgleiche Stimme von Berit Gilma. Und ich wagte den Sprung. Möge die Kraft der Musik und der Katharsis ihre Wirkung entfalten.

Ist „White Line Fever“ eine Hommage an Lemmy von Motörhead oder geht es darin um etwas ganz anderes?
Das ist der eskapistischste Song auf dem Album. Keine Lemmy-Hommage (er möge in Frieden ruhen), sondern musikalisch eine Art Verbeugung vor meiner früheren Electropop-Band Bunny Lake. Ich bin auch ein Riesenfan von Roadmovies wie „Badlands“ oder „True Romance“, wo Pärchen auf der Flucht vor der Polizei die Autobahn entlangrasen. In dem Song, geschrieben von Medina Rekic, stelle ich mir eine Gruppe Vampire vor, die in einem alten Van unterwegs sind, angetrieben von Blut, Drogen und Rock‘n‘Roll. Und gut gelaunt in den Untergang fahren. Meine Art von Romantik. (lacht)

Welche Seite von Christian Fuchs erkennt man durch „Aura Nera“ von Christian Fetish? Was gräbst du damit in dir selbst frei?
Wie gesagt, es ist mein bisher persönlichstes Werk. Alle meine Widersprüche, zu denen ich mittlerweile stehe, sind darin in Songs verpackt. Und dazu gehört neben einer Liebe für die Dunkelheit auch ein Drang zum Licht hin. Wahrscheinlich stehe ich ja „Twilight“ näher als „Nosferatu“, haha. Jedenfalls hoffe ich, dass inmitten der schwarzen Luft auch ein Hauch von Optimismus aufblitzt. Den lasse ich mir definitiv nicht nehmen.

Live im Wiener Chelsea
Am 17. April stellt Christian Fetish sein Album „Aura Nera“ live im Wiener Chelsea vor. Unter www.chelsea.co.at gibt es weitere Informationen und die Tickets für das Konzert.

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