Sonderschule oder Inklusionsklasse. Das Land Tirol betont, dass Eltern und Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf immer die Wahl haben. In der Praxis stimmt das aber nicht. Ein Erfahrungsbericht aus dem Tiroler Oberland.
Schon früh wurde bei Poldi Autismus festgestellt. Der heute 10-Jährige spricht nicht und entwickelt sich langsamer als andere Kinder. In den vergangenen vier Jahren hat Poldi aber große Fortschritte gemacht. Er besuchte eine Inklusionsklasse der Volksschule. Im Herbst soll er in die Mittelschule wechseln.
Ohne Unterstützung geht es nicht.
Poldis Mutter Sonja
Doch das ist noch nicht fix. Es fehlt an Schulassistenten. „Ohne diese Unterstützung geht es nicht“, lautet der nüchterne Befund von Poldis Mutter Sonja. Die Oberländerin ist selbst Lehrerin und kennt beide Seiten.
Zwischen Recht der Kinder und Druck an Schulen
Als Mutter möchte sie, dass ihr Sohn mitten in der Gesellschaft aufwächst, sich mit Gleichaltrigen auseinandersetzt und das Gefühl hat, er gehört selbstverständlich dazu. Das ist auch das gesetzlich verbriefte Recht von Menschen mit Behinderung. Als Lehrerin weiß Sonja jedoch um den Druck im Schulsystem, „der nur Raum und Zeit für das Basisprogramm lässt“. Inklusion werde als Extra gesehen. „Vielerorts fehlen die Ressourcen“, konstatiert die Pädagogin, „unsere Gesellschaft hat einfach nicht verstanden, dass Inklusion zum Basisprogramm gehört.“
Es wundert die Oberländerin nicht, dass Tirol – wie berichtet – mit 53,5 Prozent eine beschämend geringe Inklusionsquote aufweist und Familien ihr Kind oft „gezwungenermaßen“ in eine Sonderschule schicken. „Dort kommt zum Beispiel der Logopäde regelmäßig ins Haus. Wenn ich das für Poldi möchte, ist das ein Spießrutenlauf“, erzählt die Mutter. Inklusion sei oft nur möglich, weil Schulleiter, Lehrer und Eltern viel zusätzliche Arbeit leisten.
Bis zuletzt Ringen um eine Schulassistentin
Diese Anstrengung ist nun wieder gefragt: Poldis Mama und die Schulleitung müssen in den Ferien Aufgaben stemmen, die ihnen erspart blieben, würde Poldi in die Sonderschule wechseln. Ein Schulassistent muss her! Nach Wochen des Wartens zeichnet sich seit wenigen Tagen eine Lösung ab. „Endlich hat sich eine Bewerberin gefunden. Fix zusagen konnte sie aber noch nicht“, berichtet Sonja. Woran es scheitern könnte? Am Geld! Assistentenstellen sind wenig attraktiv dotiert.
„Klappt es nicht, muss Poldi in eine Sonderschule wechseln. Dann haben wir keine andere Wahl mehr“, sagt die Mutter. Resignation schwingt in ihrer Stimme mit. Es wäre nicht der erste Rückschlag. Das Ansuchen um ein zusätzliches Volksschuljahr wurde abgelehnt. Rechtlich ist das Zusatzjahr möglich, in der Praxis ist es nur schwer durchsetzbar.
Schulweg bisher ein Wechselbad der Gefühle
Den bisherigen Schulweg ihres Sohnes beschreibt Sonja als „Wechselbad der Gefühle“. Sie ist froh, dass sich die Lehrer auf das Abenteuer eingelassen haben: „Ohne deren Engagement und viel Eigeninitiative hätte es nicht geklappt.“ Familien sollten jedoch nicht auf das Glück einer für Inklusion offenen Schule hoffen müssen. Die Tirolerin ist überzeugt: „Das System muss sich zuerst ändern, dann werden Familien Inklusion dankbar annehmen.“
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.