12.07.2022 00:00 |

Kamera & Radar im Heck

Piaggio MP3: Abgefahrener Hightech-Super-Roller

Piaggio bringt die durch und durch neue dritte Generation des Dreirad-Rollers MP3 auf den Markt, und der ist in seiner Topversion nicht nur kräftiger als sein Vorgänger, sondern auch ein Hightech-Bike mit 7-Zoll-Display samt Rückfahrkamera (!) und sogar einem Radar-Sensor an Bord. Auch sonst erinnert mehr denn je an ein Auto - passenderweise braucht man nicht einmal einen Motorradführerschein. Klasse B reicht.

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Für die ersten Testfahrten mit dem Piaggio MP3 530 hpe (und dem etwas schwächer motorisierten und ausgestatteten Bruder 400 hpe) lud Piaggio nach Paris, wo die MP3s geradezu in Massen durch die berüchtigten Staus der Stadt zischen. 50 Stück verkaufen sie dort derzeit pro Tag, jubeln die Italiener. Insgesamt waren es weltweit 230.000 Stück, seit sie vor 16 Jahren das Segment erfunden haben.

In Paris sind die Strecken lang, man wohnt weit außerhalb des Zentrums und muss richtig Kilometer machen, um zur Arbeit zu kommen. Der MP3 ist hier das ideale Vehikel für das ganze Jahr. Er bietet hervorragenden Wind- und Wetterschutz (okay, ein Dach hat er nicht) und dank des doppelten Vorderrades ist die Sturzgefahr minimiert. Selbst auf nassem, rutschigem Kopfsteinpflaster kippt das Dreirad nicht um wie ein normaler Roller, wenn man ins Rutschen kommt. Stattdessen versetzen die Vorderräder wie bei einem Auto. Das gibt Sicherheit. Auch im Fall einer Vollbremsung.

Nie mehr die Füße auf den Boden?
Im Prinzip braucht man mit etwas Übung und Aufmerksamkeit nie die Füße auf den Boden setzen. Beim Anhalten drückt man einfach am rechten Lenkergriff einen Knopf zur Seite, dann wird die Kinematik gesperrt und der MP3 bleibt aufrecht stehen. Dazu muss man aber darauf achten, dass man sich nicht in einer leichten Schräglage befindet oder die letzten Meter im Bogen fährt. Leider ist der entsprechende Knopf nicht sehr intelligent platziert. Um ihn mit dem Daumen zu erreichen, muss man den Gasgriff loslassen - unpraktisch!

Zum Anfahren braucht man den Knopf nicht zu drücken, die Sperre wird automatisch gelöst, wenn man Gas gibt. Ist es abschüssig, zieht man einfach den gut erreichbaren Handbremshebel.

Das Fahrverhalten ist sonst aber wie bei einem Zweirad, man ist nach kurzer Gewöhnung praktisch genauso wendig unterwegs und fährt ganz normale Schräglagen, nur mit einem sichereren Gefühl. Man ist entspannt und souverän unterwegs, auf einem komfortablen Sitz, in entspannter Sitzposition und selbst große Gewachsene haben viel Platz für die Beine.

Der neue MP3 ist ein paar Kilogramm leichter als sein Vorgänger und das Trittbrett sitzt 20 mm tiefer. Das Gewicht von 280 kg spürt man natürlich trotzdem, wenn man Slalom fährt, aber immerhin wird einem das Rangieren leicht gemacht: Der Piaggio MP3 hat einen Rückwärtsgang. Einfach per Schalter aktivieren, dann fährt man elektrisch rückwärts, solange man den Anlasser drückt.

Rückfahrkamera und Totwinkelwarner
Wohin man rollt, sieht man am Display, denn eine Rückfahrkamera zeigt ein gestochen scharfes Bild. Die Leitlinien sind zwar wenig hilfreich und die Perspektive verzerrt ein wenig und macht es schwer, Abstände einzuschätzen, aber das Bild ist eine echte Unterstützung und man kann sich Verrenkungen sparen.

Es gibt noch mehr, was man den Augen des Rollers überlassen kann: Der hinten angebrachte Radarsensor ist das Herzstück von Totwinkel- und Spurwechselassistent. Fährt ein Fahrzeug im toten Winkel, leuchtet ein großes gelbes Dreieck am Display. Ebenso wenn sich jemand von hinten nähert, das Radar kann 30 Meter weit blicken. Das funktioniert vor allem nachts gut, aber tagsüber wäre es sinnvoller, wenn sich das Warnlicht (wie bei der Ducati Multistrada V4) am Rückspiegel befinden würde - eben dort, wo man sich in der Regel während der Fahrt orientiert.

Connectivity in Serie
Das Display lässt sich leicht mit dem Handy verbinden, auf dem die kostenlose Piaggio-App installiert sein muss. Dann lassen sich über die Tasten am linken Lenkerende Telefon, Musik oder auch das Navigationssystem bedienen. Letzteres zeigt allerdings nur Pfeilhinweise an, keine Karte. Das hat die Navigation in Paris manchmal etwas schwierig und unübersichtlich gemacht, vor allem wenn ich zügig unterwegs war, weil das System teilweise auch etwas langsam agierte. Um das alles bedienen zu können, muss man sich Zeit nehmen, sich in die Menüführung einzuarbeiten. Es ist nicht selbsterklärend.

Viel Stauraum
Das Handy weilt während der Fahrt gut geschützt in einem Fach unterhalb der Scheibe, angeschlossen an eine USB-Buchse.

Alles Weitere passt in das beleuchtete Fach unter dem Sitz, das 48 Liter misst. Hier sollen sich zwei Integralhelme ausgehen. Eine Handtasche, einen Rucksack oder Ähnliches kann man an einem ausklappbaren Haken vor den Knien sichern. Als Zubehör kann man ein Topcase ordern, das in das Keyless-System integrierbar ist.

Der Motor ist kräftig
Das Topmodell verfügt über einen fast völlig neuen, 530 ccm großen Einzylindermotor, im Wesentlichen ist nur der Block vom 500er übernommen worden. Der Neue ist leiser, sparsamer - und stärker: Er leistet 44 PS leistet und schiebt bei 5250/min. mit 50 Nm an. Schaltet die Ampel um, kommt man zügig weg und hat sogar Chancen, gegen andere Zweiräder Ampelsprints zu gewinnen, das ebenfalls neue CVT-Getriebe verzögert nicht. Gasbefehle werden beim Topmodell per Ride-by-Wire übertragen. Dadurch wird auch ein serienmäßiger Tempomat möglich, der über einen kleinen Hebel links am Lenker bedient wird. Ein kurzer Druck auf den Startknopf bei laufendem Motor wechselt den Fahrmodus.

Gebremst wird entweder mit den beiden Handbremshebeln am Lenker oder per Fußbremse. Das Pedal steuert kombiniert sowohl die vorderen Bremsen (2x258 mm), als auch die hintere (240 mm) an. Das klingt, als würde es einem Autofahrer die Umgewöhnung erleichtern, dem ist aber nicht so. Das Bremspedal steht leider nicht frei genug, daher muss man mit den Zehenspitzen drauftreten, was unpraktisch ist und zu Fehlbedienungen führen kann. Daher wird man grundsätzlich die Handhebel ziehen. Die Bremsen an sich stammen übrigens von Brembo-Ableger Bybre und packen gut dosierbar und kräftig zu.

Als Verbrauch gibt Piaggio 4,0 l/100 km an, das reicht theoretisch bei 13,7 Liter Tankvolumen für mehr als 340 Kilometer.

Abgespeckter kleiner Bruder
Parallel zum 530er wird der 400er angeboten, der seinen Motor aus dem Vorgänger bzw. der Beverly übernimmt. Er ist mit 260 kg spürbar leichter, liefert aber nur 35 PS und 38 Nm. Den Unterschied merkt man, aber auch der Kleine ist absolut ausreichend motorisiert und vor allem im Single-Betrieb in der Stadt vermisst man die Mehrleistung nicht. Als Höchsttempo gibt Piaggio 135 statt 145 km/h an, dafür ist der 400er um 0,2 l/100 km sparsamer. Die Ausstattung ist deutlich geringer, umfasst aber Integral-ABS, LED-Leuchten, Keyless-System und das 7-Zoll-TFT-Display. Die Handy-Connectivity Piaggio MIA kostet extra, ist aber im Gegensatz zu Radar, Rückwärtsgang & Co erhältlich.

Die Preise
Der nur vollausgestattet mit dem Beinamen Exclusive erhältliche Piaggio MP3 530 hpe kostet samt den ganzen Hightech-Schmankerln 13.599 Euro. Das Einstiegsmodell ist ab 10.799 Euro zu haben. Der 400 Sport um 11.299 Euro bringt Connectivity mit. Heckradar, Tempomat, Rückfahrkamera etc. sind hier nicht erhältlich.

Unterm Strich
„Was für ein Auto!“ könnte man sagen. Wer keinen A-Schein hat, aber dennoch Motorradfeeling erleben möchte, ist hier richtig, denn B reicht. Trotzdem braucht es Übung, denn das Fahren entspricht (bis auf das Sicherheitsplus) einem Zweirad. Für die Fortbewegung in der Stadt und drum herum ist der MP3 eine Idealbesetzung. Nicht nur in Paris.

Warum?
Guter Kompromiss zwischen Auto und Zweirad
Tolle Ausstattung
Sicherer als Zweiräder

Warum nicht?
Es gibt schon Autos um das Geld

Oder vielleicht …
… Dreiradroller gibt es auch von Peugeot und Yamaha

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