28.06.2022 06:00 |

Bald live im WUK

Thievery Corporation: „Limitation ist kein Thema“

Rob Garza und Eric Hilton kommen aus völlig verschiedenen musikalischen Ecken, finden 1996 aber die gemeinsame Liebe zum Grenzenlosen und Austreibenden. Daraus entsteht die Thievery Corporation, die sich irgendwo zwischen Dub, Bossa Nova, Elektronik, Downtempo, Chill-Out, Lounge und Trip-Hop-Klängen bewegt. Am 6. Juli kommen die alten Kumpel von Kruder & Dorfmeister für eine Show ins Wiener WUK, die bereits restlos ausverkauft ist. Rob Garza erklärte uns einst, was es mit der breiten Auffassung seiner Band zu tun hat, wie sehr ihn Österreich prägte und warum man selbst im Thievery-Corporation-Camp irgendwann an seine Grenzen stößt.

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„Krone“: Rob, du hast ja in erster Linie durchaus gute Erinnerungen mit Österreich.
Rob Garza: Völlig richtig. Musik ist ein wichtiger Teil der österreichischen Kultur. Wir sind seit vielen Jahren sehr gut mit Kruder & Dorfmeister befreundet. 1996 waren wir gemeinsam auf einer Musikkonferenz und die Jungs haben als DJs in Miamis „The Marlin Hotel“ fungiert, das dem Musikproduzenten Chris Blackwell gehörte. Ich ging zu ihm und sagte, ich wäre ein großer Fan von ihnen und Kruder packte plötzlich unsere erste, in diesem Jahr erschienene Platte „Sounds From The Thievery Hi-Fi“ heraus und sagte, er wäre ein großer Fan von uns. (lacht) Ein paar Monate später holte er uns zu seinen DJ Kicks Records und so wurden wir auch in Europa bekannt - das verdanken wir den zwei Österreichern. Danach unterschrieben wir für 4AD und haben unsere eigenen DJ-Kicks veranstaltet. 1999 war ich das erste Mal in Österreich und seitdem immer wieder oft und gerne hier.

Als jemand, der nicht nur mit seiner Band zwischen allen Stilen umherspringt, sondern auch selbst großer Fan unterschiedlichster Musik ist - bist du auch mit Klassik aus Österreich bewandert?
1984 muss das gewesen sein, da war ich 14, war ich in einer Klasse für elektronische Musik und habe mit Synthesizer, Samples und Drum-Machines in der High School zu experimentieren begonnen. Ich wollte aber nicht nur die Instrumente beherrschen, sondern auch die Historie dahinter verstehen. Also habe ich einen Kurs besucht, in dem ich klassisches Piano spielte und wir hatten einen Lehrer, der uns die Klassik näherbrachte. Ich kenne die Traditionen der österreichischen Klassik sehr gut und sie haben mich immer begeistert. Ich denke oft darüber nach, wie das gewesen sein muss, zu dieser Zeit altmodisch durch die Städte zu touren und auch noch Zeuge dieser Architektur geworden zu sein. Das Klavier muss damals das Videospiel seiner Zeit gewesen sein. Die Kids standen darauf und wurden süchtig danach. Mozart war wohl sowas wie das „Call Of Duty“ von heute.

Heute gibt es einen großen Trend Richtung Synthwave, wo Künstler mit elektronischen Behelfsmitteln 80er-Synthie-Pop mit klassischen Versatzstücken kombinieren.
Ich weiß, ich liebe diesen Sound. Diese 80er-Sounds sind für mich immer sehr nostalgisch, auch wenn sie oft etwas cheesy klingen. Die Künstler stehlen natürlich, aber das machen sie sehr gut. Ich habe einmal einer brasilianischen Tageszeitung ein Interview gegeben und der Redakteur fand es genial, dass wir auf ihre musikalischen Stärken zurückgriffen. Bossa Nova ist für die Brasilianer selbst nicht cool, das ist für sie wie Motown für die Amerikaner. Man schätzt es, aber von den Jungen gibt es keiner zu. Wir haben diesen Sound dann mit unserem Klang vermischt und das fanden dann doch alle irgendwie lässig. Die Musik ist doch wie ein großer Müllkübel. Jeder wirft alles Mögliche rein, aber wenn du dir die Mühe machst, darin zu wühlen, findest du Juwele und kannst was Großartiges daraus basteln. Man kann das Rad nicht neu erfinden, aber bekannte Musik völlig neu interpretieren.

Ist es manchmal nicht stressig, immer nach einem Weg zu suchen, etwas komplett Neues und Einzigartiges zu erschaffen, wo doch oft alles gesagt und getan scheint?
Nicht wirklich. Diesen Druck legen wir uns aber auch nicht auf. Man kann nicht immer allen gefallen und je eher man das kapiert, umso leichter lebt man. Als wir mit Thievery Corporation begannen und erstmals in England waren, erzählte man uns, Downtempo wäre am Ende und Drum&Bass wäre der neue Soul. All die Bands von damals existieren heute aber nicht mehr so, wie sie damals klangen, weil der Trend ein Ablaufdatum hatte. Man darf nie in so einen Wettbewerb gehen, weil man da unweigerlich verliert. Versucht nicht immer cooler und hipper als die anderen zu sein, denn diesen Kampf gewinnt ihr nie. Man verlässt sich und seine Authentizität damit. Hätten wir uns zum Beispiel von Anfang an mit Kruder & Dorfmeister verglichen, wäre das garantiert in die Hose gegangen. Sie hatten auch den Vorteil, nicht aus London oder Berlin zu stammen und gerade deshalb ihren Sound kultivieren zu können. Sie konnten sich ohne die Einflüsse und den Druck von außen entwickeln, was in New York, London oder Miami nie möglich gewesen wäre.

Ist die Nostalgie ein wichtiger Teil zur Erschaffung eures eigenen Sounds?
Ich bin keine nostalgische Person und nicht wirklich jemand, der gerne zurückblickt. Ich bewundere aber viele Künstler aus der Vergangenheit und kann deren Werke schätzen und verehren. Es gibt da so einen portugiesischen Spruch, der übersetzt so viel heißt wie „sei nostalgisch bezüglich der Zukunft“. Das ist ein sehr interessantes Konzept in meinen Augen. Es ist so leicht zurückzuschauen und zu glauben, früher wäre alles besser gewesen, aber in so einer Falle will ich nicht existieren. Ich habe selbst einen Sohn und will ihm das Feuer und den Optimismus des Lebens vermitteln und nicht immer vergangenen Tagen hinterherhecheln. Nostalgie ist etwas Gefährliches, denn viele Leute bleiben stecken und hören nur mehr die Musik, die sie spätestens mit 20 gehört haben. Es findet keine Weiterentwicklung mehr statt.

Man muss dabei natürlich zugeben, dass die Musik, die man als Teenager hört, auf immer einen prägenden Eindruck hinterlässt und man sich beim Hören solcher Lieder schnell wieder in eine wohlige Zeit zurückversetzt fühlt. Das kann auch tröstlich und schön sein.
Exakt, das ist natürlich richtig. Freilich hast du bestimmte Kreuzungen im Leben, die dir immer schön in Erinnerung bleiben und einen gewissen Soundtrack mitliefern. Das Schöne an heute ist, dass du durch das Netz die Möglichkeit hast, mit wenigen Klicks die ganze Historie der Musik zu erleben. Ich weiß nicht, ob so eine Nostalgie, wie wir sie kennen, dann überhaupt noch möglich ist.

Interessant ist es trotzdem, wie die Thievery Corporation zu ihrem Sound gekommen ist, der aus Dub, Trip-Hop, Chillwave, Lounge, Downtempo und Elektronik besteht. Du warst ein Riesenfan der Pixies, dein Partner Eric Hilton kommt aus dem Punkrock. Ihr seid also sehr weit ausgeschert.
Die Pixies und all diese Bands haben mich in der Jugend geprägt. Mein Vater hat viel Soul gehört, Sam Cooke oder auch Harry Belafonte waren da dabei. Belafonte war einer der ersten farbigen Künstler, die verschiedene Stile vermischt haben und dann gab es natürlich auch Folk mit Bob Dylan oder Mariachi-Musik. Punk Rock hat mir von der Attitüde her gefallen, es ging dabei um jugendliche Rebellion. Als ich Eric kennenlernte sind wir schnell ausgeschert, haben auch Jazz-Alben gehört oder den Klang einer Sitar zu schätzen gelernt. Auch die Beatles haben mit fernöstlicher Musik gearbeitet und die Drogen haben zu diesem Interesse beigetragen. Die 60er-Jahren waren sehr bekannt für das Vermischen unterschiedlichster Stile. Dort begann es, dass Künstler die Angst vor der Vermischung verloren. Für uns war das inspirierend, denn wir haben einfach die Einflüsse unserer eigenen Plattensammlung verwoben. Alles konnte passieren und das war spannend. Eine Band wie De La Soul klang schon in den 90er-Jahren wie eine Mischung aus Folk, Hip-Hop und Johnny Cash. Uns hat das immer fasziniert und in diese Richtung wollten wir auch gehen. Einfach offen sein für alles und nichts von vornherein ausschließen.

Gibt es für eure Musik auch Grenzen, die ihr niemals übertreten würdet?
Ich habe mich mal an einem Country-Song versucht, aber das wurde eher nichts. Ich mag den Old-School-Country von Hank Williams, Johnny Cash oder Patsy Kline sehr, aber bei uns funktioniert das nicht wirklich. Ich glaube, in diese Richtung würden wir nicht wirklich gehen. Auch Punk Rock oder Metal, den wir früher gerne hörten, würde ich bei uns nicht zwingend sehen. Man muss sich aber immer alle Formen und Farben freigeben, denn Limitation war bei uns niemals ein großes Thema.

Wie wichtig sind für euer Songwriting eigentlich die kulturellen Eindrücke, die ihr auf Tour und Reisen aufsaugt? Fließt das direkt in die Thievery Corporation ein?
Die Einflüsse kommen mehr von der Musik, die wir hören. Die Reisen beeinflussen mich eher persönlich, denn als Musiker. Die Leute glauben immer, sie wären so anders und unterschiedlich, aber je mehr du reist und unterwegs bist, umso mehr bemerkst du, dass es ungemein viele Gemeinsamkeiten gibt. Mehr als die Leute denken, dass es sie gibt. Die Leute lieben alle Musik, sie wollen Spaß haben, eine Familie und ein gutes Leben - das ist überall gleich und das sind die Grundpfeiler des Seins. Die Musik ist das Werkzeug, das einer Zeitmaschine am nächsten kommt. Du kannst ein Punkrock-Album hören und befindest dich geistig in London 1977. Du kannst brasilianische Musik hören und beamst dich damit nach Rio de Janeiro 1965. Geistig kannst du dich sofort in all diese Gegenden fantasieren und die Musik ist der Schlüssel dazu. Das Reisen an sich ist schön, weil du sehr viel von deiner Fantasie siehst bzw. du es dann in den Vergleich stellen kannst. Aber das Reisen im Kopf kommt immer zuerst und das entsteht durch die Musik.

Ihr seid auch eine dezidiert politische Band, die sich immer wieder mal sehr klar artikuliert. Ist es dir sehr wichtig, mit der Musik eine Botschaft zu vermitteln?
Wir wollen nicht tagespolitisch sein oder eine Partei unterstützen. Es geht eher darum, dass wir ein Gesellschaftsbewusstsein haben und sehr stark über die Dinge reden, die mit Zwischenmenschlichkeit zu tun haben. Ich will, dass dich die Musik zum Nachdenken anregt, aber ich will dir nicht sagen, was du denken sollst. Wenn du deinen Geist öffnen kannst, dann haben wir unser Ziel erreicht. Wir stehen nicht für etwas Bestimmtes, denn wir wollen auch nicht anecken oder Leute verpeilen. Wir haben live mit Loulou Ghelichkhani eine iranische Sängerin und die Mischung aus Iran und den USA ist etwas, das politisch bekanntlich nur sehr leidlich funktioniert. Aber die Musik hat die Kraft zu verbinden, denn auf der Bühne ist den Leuten die Nationalität meist egal.

Mit den vielen Nationalitäten und Kulturen auf eurer Bühne visualisiert ihr im Endeffekt eine Einheit und den Zusammenhalt.
Wir sind sicher ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man global denken sollte. Ich bin kein Insider der amerikanischen Politik, aber ich schätze es zum Beispiel sehr, dass wir so multikulturell sind. Jeder ist in diesem Land kann sich wohlfühlen. Wir wollen dieses Gefühl als Band widerspiegeln. Wie viele Bands haben so viele Leute aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen? Wir repräsentieren diesen Zusammenhalt und wollen das Gefühl von Gemeinschaft und Freude vermitteln. Wir können alle Freunde sein und zusammen etwas machen. Für das Spalten sind die politisch orientierten Rapper oder Punk Rock verantwortlich. Bei uns geht es darum, dass jeder willkommen ist. In gewisser Weise sind wir eine Band für alle und jeden und das ist auch gut so.

Live im WUK
Am 6. Juli kommt die Thievery Corporation für eine exklusive Österreich-Show ins Wiener WUK. Das Konzert ist leider bereits restlos ausverkauft.

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