05.10.2021 07:35 |

„Krone“-Kolumne

Empörendes Cybermobbing in der Schule

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über einen seltenen Fall von Cybermobbing und was wir daraus lernen können.

Empörung ist eine starke und politisch mächtige Emotion, die es vermag, ganze Gesellschaften zu verändern oder sogar Kriege zu rechtfertigen. Empörung kann aber auch gezielt fehlgeleitet und instrumentalisiert werden. Und kaum etwas eignet sich dafür besser als Gewaltvorwürfe. Historisch wurden beispielsweise in den USA schwarze Menschen von einem empörten Mob gejagt und ermordet, wenn jemand Gerüchte streute darüber, dass eine weiße Frau belästigt oder vergewaltigt worden sei. Vor den Lynchmorden wurde oft ein brennendes Kreuz aufgestellt. Es ist bis heute ein Symbol geblieben, mit dem schwarze Menschen terrorisiert werden. Und bis heute zirkulieren in der Bevölkerung auch Gerüchte darüber, dass bestimmte gesellschaftliche Minderheiten gewalttätiger wären als andere, die eine empörte Stimmung anheizen.

Wie schwierig es ist, im Zustand der Empörung Gerüchte von Fakten zu unterscheiden, hat ein aktueller Fall von Verleumdung an einer Schule in Vorarlberg deutlich gemacht. Ein Mädchen erhielt über die Plattform Instagram Beleidigungen bis hin zu Vergewaltigungsdrohungen. Sie beschuldigte ein migrantisches Mädchen aus ihrer Klasse, die Nachrichten geschrieben zu haben, die Mutter erstattete Anzeige wegen Cybermobbing, das beschuldigte Mädchen wurde vom Unterricht suspendiert und musste die Klasse wechseln. Danach begann eine „Hexenjagd“: Die migrantische Familie wurde bedroht und vor ihrer Wohnung eine Matratze angezündet. Dabei hatte das beschuldigte Mädchen die Nachrichten gar nicht geschrieben. Aufgrund der Gerüchte wurden sie und ihre Familie selbst zum Opfer von Gewalt.

Zum Glück ist es ein rechtsstaatliches Grundprinzip, dass unabhängig von der Person ermittelt wird und vor Gericht belastende ebenso wie entlastende Indizien gewürdigt werden. Im vermeintlichen Fall von Cybermobbing wurde durch die Nachforschungen der Justiz belegt, dass das migrantische Mädchen gar nicht Urheberin der Nachrichten sein konnte, sondern das betroffene Mädchen unglaublicherweise sich selbst diese Nachrichten geschrieben hatte. Erklärungen dafür gibt es außer Rassismus bislang keine.

Der Fall zeigt, dass man mit überschießender Empörung vorsichtig sein sollte. Manchmal werden Gewaltvorfälle erfunden, um Menschen fertig zu machen. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen: Es handelt sich dabei um Einzelfälle. Die meisten Fälle von Cybermobbing sind leider wahr. Eine Studie in Deutschland zeigte 2020, dass fast ein Drittel der befragten Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren bereits beleidigende Hassnachrichten erhalten haben. Tendenz in der Pandemie steigend.

Ohne Panik und Aktionismus frühzeitig auf Mobbingvorwürfe zu reagieren, wird in Zukunft noch eine große Herausforderung für Lehrer, Schulleitungen, Schulpsychologen und Sozialarbeiter sein. Denn bei konkreten Vorwürfen kann man nie wissen, ob man es gerade mit einem unwahrscheinlichen Einzelfall von Verleumdung zu tun hat oder nicht. Die meisten Menschen können froh sein, dass sie selbst nicht über solche Vorwürfe entscheiden müssen. Das können - und müssen sie sogar - unabhängigen Gerichten anvertrauen, die im Fall von Cybermobbing tätig werden. Das einzige, was man tun kann, ist sich mit Gewalt als Reaktion auf Gewalt zurückzuhalten. Und dadurch die Gewaltspirale zu durchbrechen, die typisch ist für Mobbing und Cybermobbing.

Lesen Sie HIER weitere Kolumnen!

Barbara Rothmüller
Barbara Rothmüller
Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Dienstag, 26. Oktober 2021
Wetter Symbol
(Bild: stock.adobe.com, Krone KREATIV)