17.09.2021 06:00 |

Ischgl-Prozess startet

Hat man Corona nicht ernst genug genommen?

Wieder steht der Tiroler Skiort Ischgl im Fokus internationaler Berichterstattung: Im Wiener Landesgericht für Zivilrechtssachen beginnt der erste Prozess um Schadenersatz für Angehörige.

Der erste Prozess in der „Causa Ischgl“ ist für Ulrich Schopf Erlösung und Belastung zugleich. Denn er und seine Mutter sind Kläger. Der Vater und Ehemann – Journalist Hannes Schopf – starb nach seinem Kurzurlaub im Tiroler Skiort an Corona.

„Wir haben noch telefoniert, dann war er nicht mehr erreichbar“
„Wir haben noch telefoniert. Alle müssten sofort raus, hat mein Vater gesagt. Und dass sie in Busse einsteigen sollen, weil die bestellten Taxis nicht mehr kommen“, erinnert sich Ulrich Schopf, 36-jähriger Lehrer aus NÖ, im „Krone“-Gespräch: „Mein Vater begab sich sofort in Quarantäne, vier Tage später kamen die Symptome, extrem hohes Fieber, Apathie.“ Hannes Schopf kam ins Krankenhaus nach Hollabrunn, der Sohn gab noch ein Handy-Ladegerät ab. „Gegen 17 Uhr haben wir noch kurz telefoniert, dann war er für uns nicht mehr erreichbar. Er war auf die Intensiv verlegt worden.“ Es war das letzte Mal, dass Ulrich Schopf seinen Vater hören sollte – der Journalist, alles andere als ein Après-Ski-Partygänger, verstarb genau zwei Wochen später.

Jetzt beginnt die gerichtliche Aufarbeitung der Vorfälle um die überstürzte „Ausweisung“ aus dem Wintersport-Ort, über den Quarantäne verhängt wurde. „Zu spät“, wie Schopf jr. meint. „Man hätte die Gäste nie ausreisen lassen dürfen. Wenn mein Vater dann trotzdem vor Ort gestorben wäre, wäre es auch tragisch, aber vielleicht sein Schicksal gewesen. Aber so gibt es für mich eindeutig Schuldige, die versagt haben.“

Angehörige wollen Gerechtigkeit
Für Ulrich Schopf ist es klar, dass er vor Ort in Wien sein wird: „Das bin ich nicht nur meinem Vater schuldig. Da geht es um Präsenz auch für diejenigen, die sie nicht mehr zeigen können.“ Was er sich vom Prozess erwartet? „Gerechtigkeit. Wenn ich einen Fehler mache, und das kann jedem passieren, dann stehe ich dazu! Das lehre ich auch meine Schüler!“

Kein Kommentar aus Ischgl
„Es ist ein Prozess gegen den Staat Österreich, deshalb haben wir vereinbart, keinen Kommentar im Vorfeld abzugeben“, teilt Tourismus-Verbandsobmann Alexander von der Thannen mit. Er - selbst Hotelier - und die Touristikerkollegen warten auf die Regeln, die im Winter gelten werden. Möglichst streng sollten sie sein. „Am liebsten zwei oder ein G“, sagt der oberste Touristiker. Die Sommersaison sei gut gelaufen, die Buchungsnachfrage für den Winter stark. Rund 90 Prozent der Ischgler Gäste seien ohnedies geimpft. Eine 3G-Regel mit über 3000 Tests in Summe, die lediglich 24 Stunden gelten, sei praktisch nicht anwendbar.

Dass die Bestimmungen zudem noch mit denen der Schweiz kompatibel sein müssen, erschwert die Situation. Doch: Eine weitere Nullsaison könne man sich nicht leisten. Die Rückendeckung des Landeshauptmannes ist jedenfalls da.

„Bis heute keine Antwort“
Man kann’s vielleicht auch ein wenig verstehen, dass die Republik in Gestalt der Finanzprokuratur den Gerichtsweg gehen will. Zu viel steht auf dem Spiel - und damit ist nicht nur Geld gemeint, sondern vor allem auch politische Ämter. Aber der fast schon schnoddrig zu nennende Ton der Klagebeantwortung durch die oberste Behörde trifft die Angehörigen von Opfern, die entweder starben oder bis heute an Folgen ihrer Corona-Infektion laborieren. Die sie sich, so sind sich alle sicher, im Skiurlaub in Ischgl bzw. bei der überstürzten, unkoordinierten Abreise „geholt“ haben.

Für die Finanzprokuratur steht nämlich zumindest beim ersten Prozess ein „Allein- bzw. Mitverschulden des Verstorbenen“ fest. Er habe nämlich vom Virus gewusst und sogar von Todesfällen in Italien und habe sich „bewusst entschieden, die Reise anzutreten“. Nach Ischgl, wohlgemerkt. Und die Verwandten hätten sich auch um einen günstigeren Grabstein umsehen können. Dass es überhaupt so weit kommen musste, bedauert VSV-Obmann Peter Kolba: „Wir haben wirklich sämtliche Entscheidungsträger der Republik zu einem runden Tisch geladen. Wir haben nicht mal Antwort bekommen, bis heute nicht.“ Nun drohen bis zu 3000 Klagen.

Gabriela Gödel
Gabriela Gödel
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