28.08.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Liebe durch dick und dünn - auch beim Sex!

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller darüber, ob man mit ein paar Kilo mehr auf der Waage noch begehrenswert ist. 

Fast jeder Zweite hat im letzten Jahr Gewicht zugenommen, und wenn, dann im Durchschnitt gleich fünf Kilo. Das schlägt sich auf den Selbstwert. Wer mit seinem Körper unzufrieden ist, sollte das ernst nehmen. Denn die Forschung zeigt, dass Menschen mit negativem Körperbild sexuelle Aktivitäten vermeiden. Wer sich für seinen Körper schämt, fühlt sich oft nicht gut beim Sex, beobachtet etwa ständig die Bewegungen der Fettröllchen anstatt die sexuelle Energie im Moment zu spüren. Das lenkt ab und sorgt für eine geringe sexuelle Zufriedenheit.

Vor allem heterosexuelle Frauen fürchten schnell, dass sie für Männer nur dann als sexuelle oder romantische Partnerinnen interessant werden, wenn sie im klassischen Sinne „attraktiv“ sind. Also schlank und jung. Heterosexuelle Männer fühlen sich umgekehrt mit mehr Gewicht und höherem Alter noch immer sexy genug - und bekommen das auch von Frauen rückgemeldet, die nicht so hohe Ansprüche an die Attraktivität von Männern stellen. Zumindest war das lange Zeit so.

Die Zeiten ändern sich allerdings. Denn Zweifel an der eigenen Attraktivität befallen zunehmend auch Männer. Und das kann sich auf ihre Sexualität auswirken. Eine Studie von Nikola Komlenac und Margarethe Hochleitner an der Universität Innsbruck hat gerade herausgefunden, dass Männer sexuelle Probleme bekommen, wenn sie viele Pornos schauen und sich mit den fitten Männerkörpern der Pornodarsteller vergleichen. So weit, so ungünstig für alle Freunde der visuellen Blasmusik. Zum Glück war das nicht bei allen Studienteilnehmern der Fall. Sondern nur bei jenen Männern, die ein sehr traditionelles Männerbild (und vermutlich auch Frauenbild) haben. Traditionelle Männer träumen davon, dominant und mächtig zu sein, damit sie hilflose und dankbare Frauen beeindrucken können. Wenn diese Wanna-be-your-hero-Männer mit ihrem Körper unzufrieden sind, haben sie laut der Innsbrucker Studie am häufigsten Stress beim Sex, zum Beispiel Probleme eine Erektion zu halten, zu früh zu kommen oder beim Orgasmus nicht so viel zu spüren.

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Kurz: Wer sich im Vergleich zur muskulösen Konkurrenz unattraktiv findet, aber glaubt, als Mann dominant sein zu müssen, bekommt sexuell die Krise. Was kann man da machen? Die Studienautoren empfehlen, überzogene Männlichkeitsideale zu hinterfragen, wenn Männer wegen Sexualstörungen Hilfe suchen. Sie müssen für sich also zu einem anderen Bild davon kommen, was einen attraktiven, einen interessanten, einen guten Mann ausmacht. Das ist eine Empfehlung, die auch Frauen beherzigen können, die sich mit plus fünf Kilo im Sommer fragen, ob sie noch begehrenswert sind.

Für den Spaß am Sex ist das aktuelle Gewicht auf der Waage eigentlich nebensächlich. Relevant ist vielmehr, wie man sich in seinem Körper fühlt. Es gibt übergewichtige Menschen, die mit ihrem Körper genauso wie er ist, zufrieden sind - und das auch ausstrahlen. Allerdings hängt dieses positive Körperbild oft mit der Jugendzeit zusammen, die das spätere Leben maßgeblich prägt. Norwegische Forscherinnen haben die sexuelle Entwicklung von Jugendlichen bis ins Erwachsenenalter verfolgt und herausgefunden, dass die Freude am Sex von dem Körperbild abhing, das die Befragten als Jugendliche in den 1990er Jahren hatten. Das Körpergewicht war für die sexuelle Zufriedenheit der Erwachsenen hingegen egal. Sich so wie man ist begehrenswert zu fühlen, ist also eine Generationen-Aufgabe: Vermitteln wir jungen Mädchen und Burschen heute ein positives Körperbild, helfen wir ihnen später, als Erwachsene, ihre Lust am Sex zu halten, selbst wenn sich ihre Körper verändern.

Für jene, die heute erwachsen sind, ist aber noch nicht alles verloren. Wer sagt, dass man nur als muskulöser Mann oder zierliche Frau Spaß im Bett haben kann? Traditionelle Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit sowie unrealistische Körperideale können wir alle verändern. Warum nicht gleich beim nächsten Tinder-Wisch-und-Weg damit beginnen?

Barbara Rothmüller
Barbara Rothmüller
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