Blutbad in Libyen
Sunniten-Führer ruft Armee zur Desertation auf
Mit ihren Fatwas (religiöse Rechtsgutachten) bestimmt Al-Azhar maßgeblich soziale und ethische Belange von einer Milliarde Sunniten (in Libyen sind 97% der Bevölkerung sunnitische Muslime). Die um 970 gegründete Al-Azhar-Universität ("Die Blühende") in Kairo ist die angesehenste Bildungsinstitution der islamischen Welt. Ihr Name ist von "al-Zahraa" abgeleitet, einem Beinamen von Fatima, der Tochter des Propheten Mohammed.
Reguläre Armee längst in Auflösung?
Glaubt man dem "Center for Strategic and International Studies" (CSIS) in Washington, so befindet sich die reguläre Armee, die bereits vor dem Aufstand in einem kläglichen Zustand gewesen sei, allerdings ohnehin längst in Auflösung. Rund 119.000 Mann betrage die Gesamtstärke der libyschen Streitkräfte, schreibt die Forschungsstelle des US-Kongresses in einem Bericht. 50.000 Mann dienten in der regulären Armee, 18.000 in der Luftwaffe und 3.000 in Spezialeinheiten. Der Ausbildungsstand von Soldaten wie Militärführung sei schlecht. Viele moderne Waffensysteme könnten überhaupt nicht bedient werden, weil ausgebildetes Personal fehle.
Gadafi setzt verstärkt auf Söldner
Gerade auch deshalb setzt Gadafi im Kampf gegen das eigene Volk nun verstärkt auf seine Spezialeinheiten mit einem großen Anteil Söldner. Und er bezahlt offenbar gut für den Blutrausch der angeheuerten ausländischen Soldaten: Während der seit eineinhalb Wochen andauernden Proteste gegen das Regime soll den Söldnern 12.000 US-Dollar (8.700 Euro) für jeden getöteten Gadafi-Gegner geboten worden sein.
Seit den frühen 70er-Jahren hat das gut zahlende Ölland Söldner unter Waffen. Als selbst ernannter Führer der arabischen Welt ließ Gadafi 1972 eine "Islamische Legion" aufstellen. Ihre Soldaten wurden vor allem in den Sahelstaaten Mali, Niger, Tschad und Sudan sowie in Pakistan rekrutiert. Später sollen auch Söldner aus Nigeria, Liberia, Äthiopien, Somalia, Indien und anderen Staaten gekommen sein. Die aktuelle Stärke der "Legion" wird auf 2.500 Mann geschätzt. Ihre Mitglieder fackeln nicht lange, wenn es darum geht, ihre Waffen gegen das libysche Volk zu richten.
Söldner greifen Trauerfeier an
In der Stadt Misrata, rund 150 Kilometer östlich von der Hauptstadt Tripolis gelegen, sollen Schergen des 68-jährigen Machthabers am Samstag das Feuer auf Teilnehmer einer Beerdigung eröffnet haben. Ein Augenzeuge sagte in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AFP, zwei Helikopter hätten "Söldner auf der Baustelle der Sportarena im Viertel Merbat" abgesetzt. Von dort hätten sie auf Trauergäste vor einer Moschee geschossen, die an der Beerdigung von Opfern der blutigen Niederschlagung der Proteste teilnahmen.
Nach Angaben des Augenzeugen, der sich der Opposition zurechnet, schossen die Söldner auch auf das Gebäude des örtlichen Radiosenders. "Wir haben kaum Waffen und sind eingeschlossen von zwei regimetreuen Städten, Slitana und Sirte", berichtete der Mann.
In der Hauptstadt Tripolis stürmten die Killerkommandos sogar Krankenhäuser, um die dort liegenden Verletzten zu erschießen.











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