28.04.2021 11:42 |

Aktuelle Studien:

„Saisonale“ Coronaviren schützen vor Covid-19

Der Erreger SARS-CoV-2 ist eines von mehreren Coronaviren, die sich in der Menschheit etabliert haben. Vier andere „humane“ Coronaviren verursachen - saisonal gehäuft - weltweit harmlose Infektionen der oberen Atemwege. Eine solche durchgemachte Infektion mit einem dieser Viren dürfte vor einer schweren Covid-19-Erkrankung zumindest teilweise schützen, haben jetzt Wissenschaftler der Universität Münster in Deutschland in zwei Studien herausgefunden.

„Covid-19 verhindern kann sie nicht, aber sie hat nach aktuellen Erkenntnissen eines Forscherteams der Medizinischen Fakultät der Universität Münster (...) einen protektiven (schützenden; Anm.) Effekt: Eine frühere Infektion mit dem saisonalen Coronavirus OC43 (HCoV-OC43; Anm.)“, teilte die Universität mit. Insgesamt zirkulieren weltweit vier Coronaviren beim Menschen: HCoV-229E, HCoV-NL63, HCoV-HKU1 und HCoV-OC43. Sie rufen zumeist zwischen November und April harmlose Infekte - eben klassische „Verkühlungen“ - hervor.

Auch Schutz vor schwerem Verlauf
Allerdings dürften Antikörper nach einer solchen Infektion einen schweren Verlauf von Covid-19 verhindern können. „Unsere daraus abgeleitete Empfehlung ist, dass OC43-Antikörper bei stationär aufgenommenen Covid-19-Patienten gemessen und als Teil der Risikobewertung betrachtet werden“, wird Hartmut Schmidt, Direktor der Medizinischen Klinik B an der Universitätsklinik Münster, in einer Aussendung zitiert.

„Beide Studien belegen, dass im Vergleich zu anderen Covid-19-Patienten vor allem jene Patienten kritisch erkrankten, bei denen sich keine Antikörper gegen das sogenannte Nukleokapsid-Protein von HCoV OC43 nachweisen ließen“, erklärte Martin Dugas, Direktor des Instituts für Medizinische Informatik der Universität.

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Beide Studien belegen, dass im Vergleich zu anderen Covid-19-Patienten vor allem jene Patienten kritisch erkrankten, bei denen sich keine Antikörper gegen das sogenannte Nukleokapsid-Protein von HCoV-OC43 nachweisen ließen.

Martin Dugas, Direktor des Instituts für Medizinische Informatik der Universität Münster

Die Covid-19-Pilotstudie aus Münster mit 60 Patienten zur Bedeutung von früheren Infektionen mit saisonalen Coronaviren auf den Krankheitsverlauf wurde im „International Journal of Infectious Diseases“ publiziert. Die Ergebnisse konnten in einer Studie mit knapp 300 Patienten aus Deutschland und Frankreich bestätigt werden, die im „Journal of Clinical Virology“ veröffentlicht wurde. Der Test auf OC43-Antikörper ist mittels eines preiswerten kommerziellen Testes zuverlässig möglich.

Kontakt zu kleineren Kindern als „Schutzschirm“?
Die Idee, vorangegangenen Infektionen auf den Grund zu gehen, stammte unter anderem aus den Ergebnissen einer im Frühjahr 2020 initiierten Corona-Plasma-Studie der Universitätsklinik mit 4010 Teilnehmern aus ganz Deutschland. „Unter den Personen mit mildem Covid-19-Verlauf hatten sehr viel Kontakt zu Kindern unter zehn Jahren“, erklärte Studienleiter Schmidt.

Daraus sei die Hypothese entstanden, dass mit Kindern in Verbindung stehende Infektionen, also zum Beispiel eine Erkältung, mit denen Eltern oder Lehrpersonal oft angesteckt werden, einen schützenden Effekt vor Covid-19 haben könnte. Die mögliche Kreuz-Immunität HCoV-OC43/SARS-CoV-2 könnte auch für die Impfstoffforschung interessant sein. 

Die bisher in Europa und den USA zugelassenen Covid-19-Vakzine haben ausschließlich das Spike-Protein an der Virusoberfläche als Antigen, gegen das der Körper Antikörper und einen zellulären Schutz bilden soll. Das SARS-CoV2-Nukleokapsid-Protein wäre hingegen zusätzlich in derzeit in Entwicklung stehenden Totimpfstoffen mit abgetöteten SARS-CoV-2-Erregern als Antigen enthalten.

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