22.03.2021 10:27 |

Frühling und Corona

Mutationen könnten positive Effekte „auffressen“

Werden die Neuinfektionen mit dem Coronavirus - ähnlich wie im vergangenen Jahr - sinken, wenn es mit den Temperaturen aufwärts geht? Experten gehen zwar davon aus, dass sich der Erreger schlechter verbreitet, wenn es wärmer ist. Eine Entwarnung könnte man dennoch nicht geben: Dieser positive Effekt könnte von den neuen, infektiöseren Mutationen zunichtegemacht werden.

Grippe, Erkältung - diese Krankheiten nehmen mit Frühlingsbeginn bekanntlich ab. Ob das auch beim Coronavirus der Fall sein wird, darüber zerbrechen sich Experten derzeit den Kopf. „Die Saisonalität von Viren, die über die Atemwege verbreitet werden, ist ungeheuer komplex und lässt sich nicht an einzelnen Faktoren festmachen“, erklärte Direktor des Instituts für Virologie des Uniklinikums Essen, Ulf Dittmer. Denn auch das Verhalten der Menschen spielt eine große, unberechenbare Rolle. Eine eindeutige Prognose ist daher schwierig.

In Spanien wütete Pandemie auch im Sommer 2020
Das Robert Koch-Institut (RKI) geht davon aus, dass sich Sars-CoV-2 im Sommer tendenziell abschwächt. Der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, hält das heuer allerdings für unwahrscheinlich. „Dass wir 2020 einen so entspannten Sommer hatten, hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass unsere Fallzahlen im Frühjahr unter einer kritischen Schwelle geblieben sind. Das ist inzwischen aber nicht mehr so“, sagte er kürzlich dem „Spiegel“. In Spanien etwa seien im Sommer die Fallzahlen nach einem Lockdown wieder gestiegen - trotz Hitze.

Umwelteinflüsse können die Stabilität von Coronaviren beeinflussen. Sonnenstrahlen etwa - insbesondere UV-Strahlung - schädigen die genetische Information des Virus. „Ganz grob kann man sagen, dass UV-Strahlung in der Lage ist, das Virus zu inaktivieren, indem die virale Nukleinsäure angegriffen wird“, sagt Virologin Pfänder. Die Viren seien dann nicht mehr infektiös. Wenn sich das Leben verstärkt wieder draußen an der frischen Luft abspielt, sei das zudem positiv.

Weitere saisonale Faktoren, die Einfluss auf das Pandemie-Geschehen nehmen können, sind laut Experten auch die Temperatur, die Luftfeuchte und der Zustand des Immunsystems. Viele dieser Faktoren verbesserten sich im Frühjahr und Sommer, fasst Virologe Dittmer zusammen. Es gebe also saisonale Effekte. Doch wie stark das Wetter Einfluss auf das Pandemie-Geschehen nehme, dazu fehlten noch konkrete Erkenntnisse.

„Wir wissen von Coronaviren, dass der R-Wert, also die Reproduktionsrate des Virus, aufgrund dieser Faktoren im Frühjahr und Sommer deutlich sinkt. Also mindestens um den Faktor 0,5, vielleicht sogar noch mehr. Und das ist schon relativ viel“, erklärt Dittmer. Das vergangene Jahr habe aber auch gezeigt, dass die saisonalen Effekte nicht zu einem kompletten Verschwinden führten.

Mutationen „ein Faktor, der unberechenbar ist“
Nun kommt den Experten zufolge noch eine weitere Unbekannte dazu: Virusmutationen. Der gewonnene Vorteil durch die saisonalen Effekte könnte von den infektiöseren Mutanten quasi „aufgefressen“ werden, beschreibt Virologe Dittmer die Gefahr mit Blick auf die kommenden Monate. Die saisonalen Effekte könnten dann nicht dafür ausreichen, dass die Pandemie abflaut. Virologin Pfänder geht davon aus, dass die wärmere Jahreszeit grundsätzlich schon dazu beitragen könne, die Übertragungsdynamik abzubremsen. Ungewissheit sieht auch sie bei den Mutanten. „Das Auftreten und die Verbreitung von Mutanten ist tatsächlich ein Faktor, der unberechenbar ist.“

Quelle: APA/dpa

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