25.10.2010 08:17 |

"Obama von Piran"

Slowenien bekommt ersten schwarzen Bürgermeister

Die Wahl von Barack Obama zum ersten dunkelhäutigen US-Präsidenten galt als historisch, doch die wahre Sensation hat jetzt der slowenische Arzt Peter Bossman geschafft. Anders als Obama ist der 54-Jährige gebürtiger Schwarzafrikaner, und im Gegensatz zum Rhetorik-Genie im Weißen Haus hat er nur mäßige Kenntnisse der Landessprache. Dennoch wählten ihn die Bürger der slowenischen Küstenstadt Piran am Sonntag zu ihrem neuen Stadtchef. Mit 51,4 Prozent der Stimmen besiegte der ghanesische Einwanderer das bisherige Stadtoberhaupt Tomaz Gantar.

Die Wahl Bossmans zum ersten schwarzen Bürgermeister Sloweniens und wohl auch ganz Mittel- und Osteuropas wurde in der Wahlnacht geradezu euphorisch kommentiert. "Er ist ein slowenischer Star", jubelte die Tageszeitung "Delo". Der Politikexperte Miha Kovac sprach von einem Beispiel für gelungene Integration. Sie zeige, dass Einwanderer es auch an die politische Spitze schaffen können. "Mich freut diese Wahl sehr", sagte Kovac. Der Soziologe Vlado Miheljak sprach von einem "Sieg Sloweniens über sich selbst, seine Gefangenheit in Stereotypen und Vorurteilen".

Schwarzafrikaner sind in Slowenien nach wie vor Exoten
Bossman selbst sagte, dass seine Wahl "den hohen Grad der Demokratie hier in Slowenien" zeige. Schließlich könne man "kaum sagen, dass ich ein durchschnittlicher slowenischer Bürger bin". Anders als in vielen westeuropäischen Staaten sind Schwarzafrikaner nämlich in Slowenien immer noch ein äußerst exotischer Anblick. Gleichwohl betonte Bossman, dass er in den vergangenen Jahren keine rassistischen Vorurteile mehr verspürt habe: "Ich glaube, die Menschen sehen meine Hautfarbe nicht mehr, wenn sie mich sehen."

Der am 2. November 1955 in Ghana geborene Bossman kam im Jahr 1977 als Medizinstudent nach Ljubljana. Eigentlich wollte er nach dem Studium wieder in sein Heimatland zurückkehren, doch verliebte er sich in eine kroatische Studienkollegin und zog mit ihr an die Küste. In Piran eröffnete er eine Ordination und musste sich als Zugewanderter erst das Vertrauen der Einheimischen erarbeiten. Mittlerweile gilt er als der beliebteste Arzt im malerischen Küstenstädtchen. "Morgen gehe ich wieder in die Ordination", versprach Bossman seinen Patienten noch am Wahlabend. Allerdings wird er künftig nur noch einmal wöchentlich Sprechstunde halten können.

Das Bürgermeisteramt der 18.000-Einwohner-Gemeinde, zu der auch das Tourismuszentrum Portoroz gehört, sieht Bossman als "große Veränderung" für sein Leben. Doch zeige sein bisheriger Lebensweg, dass er es mit Herausforderungen aufnehmen könne. "Ich bin es gewohnt zu arbeiten. Als Arzt bin ich in der Früh immer der erste in der Ordination, und bleibe zehn Stunden lang", betonte der Vater zweier erwachsener Töchter.

"Mag keine Konflikte, kann aber auch sehr entschlossen sein"
Als Bürgermeister will er sich vor allem der Verkehrsprobleme in der mediterranen Stadt annehmen, die an drei Seiten vom Meer umgeben ist. Der abgewählte Bürgermeister Gantar hatte den Individualverkehr aus der Stadt verbannt, dabei aber auf den Ausbau des öffentlichen Verkehrs vergessen. Bossman will dies nun nachholen und auch Elektroautos fördern. "Ich mag zwar keine Konflikte, kann aber auch sehr entschlossen sein", richtet er Kritikern, die ihn als politisches Leichtgewicht schmähen, aus.

Bescheidenheit, Ehrlichkeit und Sachorientierung sind die Erfolgsgeheimnisse des neuen Stars am slowenischen Polithimmel. Detailverliebt setzte er sich in einem Dutzend Youtube-Videos mit kommunalpolitischen Themen auseinander, von der illegalen Mülldeponie über einen verparkten Betonstrand bis zum Gratis-Internetzugang im Stadtgebiet. "Im Wahlkampf war ich immer ehrlich. Ich habe den Leuten gesagt, was ich ihnen anbieten kann, und nicht mehr. Sie haben gespürt, dass sie mir vertrauen können", sagte Bossman.

"Obama von Piran" nimmt jetzt Nachhilfe in Slowenisch
So passt es auch ins Bild, dass er sich sogar am Abend seines größten Triumphs selbstkritisch zeigte. Zur niedrigen Wahlbeteiligung von 44 Prozent sagte er etwa: "Vielleicht waren wir zwei nicht die besten Kandidaten." Auch räumte er ein, dass er in den vergangenen 33 Jahren sein Slowenisch "etwas vernachlässigt" habe. Für einen Arzt seien perfekte Sprachkenntnisse eben nicht dringlich. "Nun, da ich Bürgermeister bin, ist das natürlich ganz anders. Eine Freundin ist Slawistin, sie hat mir schon Nachhilfe angeboten."

Kommentare
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).