06.11.2020 06:00 |

„Krone“-Interview

Wanda: Von Radlern, Aschenbechern und Gitarren

Inmitten der Corona-Krise veröffentlichten die österreichischen Popstars Wanda mit „Jurassic Park“ eine neue Erfolgssingle. Im Interview erzählte uns Frontmann Marco Wanda, wie er die ersten Corona-Monate überstand, warum er stets von Selbstzweifeln geplagt wird und weshalb es auch mal ein paar Monate ohne Applaus und Publikumszuneigung geht.

„Krone“: Marco, wir sind seit fast einem dreiviertel Jahr durch die Corona-Pandemie in einem Ausnahmezustand. Wie geht es dir damit und wie haben sich die Monate für dich entwickelt?
Marco Wanda:
Ich bin eine Art Fatalist und nehme die Dinge so, wie sie kommen. Für mich ist diese Corona-Krise ein bedeutsames und historisches Schicksal. Ich habe die Quarantäne als etwas sehr Bizarres, aber auch Magisches erlebt. Das ist ein Moment, den erleben wir alle weltweit fast auf dieselbe Weise. Das ist ein sehr besonderes und spannendes Momentum für unsere Generation. Ich habe versucht mich darauf zu konzentrieren, was mich mit anderen Menschen verbindet. Ich will nicht sagen, dass ich etwas Positives herauslesen will, denn am liebsten würde man das Virus langsam zur Tür bitten. Dennoch war es irgendwie magisch.

Ein positiver Aspekt war vielleicht, Zeit zur Reflektion zu kriegen und gewisse Dinge neu einordnen zu können. Gerade für eine Band wie euch, die seit sechs Jahren quasi unentwegt unterwegs ist war so eine zwangsverordnete Pause vielleicht gar nicht so schlecht.
Die letzten Jahre waren so ereignisreich und wild, die reflektiere ich zu Lebzeiten nicht mehr. Ich bräuchte wohl einige Lockdowns, damit ich überhaupt das Jahr 2014 ganz verarbeite. (lacht) In unseren Leben ist sehr viel sehr schnell passiert und obwohl ich mich jetzt schon wie ein überalterter Veteranen-Rockstar fühle, ist diese Karriere am Blatt noch wahnsinnig jung. Wir haben Dinge erlebt, die manche Bands in ihrer ganzen Karriere nicht erfahren werden. Auf der anderen Seite trage ich einen schönen Erinnerungsschatz mit mir herum, der mir sicher bis nächstes Jahr Kraft gibt, bis es wieder weitergeht.

Hat sich durch den erzwungenen Stopp für dich einiges in deinem Leben verändert?
Nicht wirklich. Ich bin als Fatalist durchaus mit allem einverstanden, womit mich das Schicksal herausfordert.

Das Corona-Virus kämpft gegen all das an, wofür Wanda stehen: Liebe, Amore, Zwischenmenschlichkeit und Humanismus. Verändert so eine Situation in gewisser Weise das Gesicht der Band?
Deshalb haben wir jetzt mit „Jurassic Park“ eine Single rausgebracht. Das ist die einzige Art, wie wir etwas Positives zu dieser Zeit beitragen können. Auf Instagram lässt sich nur in mäßigem Umfang Liebe und Zusammenhalt prägen, aber die Musik bringt die Menschen zusammen.

Wie geht es dir persönlich mit Social Distancing?
Ich persönlich habe keine Angst vor der Angst. Angst ist ein wichtiger Mechanismus und sie verhindert, dass ich mich so weit aus dem Fenster lehne, bis ich rausfalle. (lacht) Insofern habe ich damit kein großes Problem.

Ist in „Jurassic Park“ eine Metapher auf die Coronazeit vorhanden?
Das weiß ich nicht. Es würde sich zumindest meiner Kenntnis entziehen. Man kann es vielleicht in zehn Jahren beurteilen, wenn es mich oder irgendjemand anderen noch interessiert. Grundsätzlich habe ich schon geschaut, dass ich mich frei von diesem Zustand mache. Der Wanda-Kosmos und die Wanda-Texte haben sich nur sehr selten und wenn dann sehr verschlüsselt mit dem Zeitgeist oder aktuellen Geschehnissen oder der Politik auseinandergesetzt. Uns interessiert nach wie vor, jeder Regung der Seele auf den Grund zu gehen.

Fiel es dir aber vielleicht doch schwerer, nicht zeitgeistig zu texten, wenn so ein großes Thema so wuchtig über der ganzen Welt hängt? Die Situation ist ja doch sehr anders als jede andere.
Mir fällt das Liederschreiben immer schwer und immer schwerer. (lacht) Diese Drei-Minuten-Popsongs zu schreiben, die alles sagen wollen, das war immer ein großes Problem.

In der Single geht es um Fehler in einer Beziehung und bevor das Lied ausklingt, singst du „wir machen alles falsch“. Mit dem Jurassic Park, wie wir ihn kennen, hat der Song aber nur rudimentär zu tun…
Ich habe immer das Gefühl, dass ein Song viel intelligenter und bewusster als sein Autor ist. Ich kann wenig dazu sagen, aber ein Thema in dem Song ist sicher, dass zwei Menschen aneinander vorbeileben und das beide bedauern. Das ultraverschlüsselte Lied ist es dieses Mal nicht, da habe ich in der Vergangenheit schon blödsinnigeres Zeug geschrieben. (lacht)

Abseits der Single - bist du persönlich auch ein Fan des Films „Jurassic Park“?
Absolut. Der Film hat uns damals das allererste Mal eine so glaubhafte und realistische Welt ins Wohnzimmer getragen. Es war ein Erweckungsmoment für die ganze Generation, die erstmals so realistisch Dinosaurier gesehen hat. Der Film hat einen sehr großen geschichtlichen Horizont geöffnet, was dem „A-Team“ oder „Knight Rider“ nicht gelang. „Jurassic Park“ ist eine Romanverfilmung und das Buch ist hochwissenschaftlich, setzt sich extrem intensiv mit der Chaostheorie auseinander. Der Roman dazu hat einen sehr ideologischen Anspruch.

Der Film entfacht sehr viele Bilder im Kopf, was wiederum auch eure Songs bei den Hörern zu tun vermögen. Bist du ein bildlicher Songwriter? Jemand, der eine gesehene Vision hat, wenn er textet?
Ich brauche einen Radler, einen Aschenbecher und eine verstimmte Gitarre. (lacht) Das Musikschreiben erlebe ich schon bildlich, aber mehr so, dass ich Melodien folge. Das ist sehr schwierig zu beschreiben. Melodien sind etwas Visuelles beim Schreiben und die Texte steigen dann so auf. Meistens weiß ich nicht wirklich, wovon ich schreibe, aber irgendwann macht es dann doch Sinn.

Musikgeschmäcker ändern sich genauso wie der Zugang zur Musik, wenn man selbst Songs schreibt. Musst du manchmal aufpassen, nicht zu sehr aus dem Wanda-Kanon auszuscheren, wenn dir neue Ideen kommen?
Zum Glück besteht die Gefahr kaum, dass Wanda nicht nach Wanda klingt, weil ich und wir alle durchaus positiv sehr limitiert in unserem Handwerk sind. (lacht) Ich könnte nicht wirklich kompliziertere Musik als unsere schreiben. Ich komme aus dem Rock’n’Roll und dem Blues, diese Pfade habe ich nie verlassen. Manche musikalischen Strömungen, die jetzt passieren, finde ich sehr interessant. Ich kann aber nicht beurteilen, ob sie in meine Songs Eingang finden. Jedenfalls höre ich nicht mehr jeden Tag die Beatles, wie das vor zwei Jahren noch der Fall war. Unser letztes Album „Ciao!“ hat schon sehr wie sie geklungen und davon möchte ich wieder etwas wegkommen.

Nicht nur textlich, auch musikalisch versucht ihr nicht auf einen Trendzug aufzuspringen und zeitgeistig zu sein. Auch das stelle ich mir schwer vor, wenn man immer wieder bewusst und unbewusst von unterschiedlichsten Ecken beeinflusst wird.
Ich könnte diese neue Musik gar nicht produzieren, denn dafür bräuchte ich Musikprogramme am Computer, die ich gar nicht habe. (lacht) Das Beat-Zeug sind meist drei vorgefertigte Layer, die man zusammenstellt und dann rappt jemand drüber. Das ist ein interessanter Ansatz und kann Spaß machen, aber selbst wenn ich wollte, könnte ich das nicht.

Plant ihr jetzt ein neues Album, kommen weitere Singles? Was sind so die Pläne für die nächste Zeit?
Wir freuen uns sehr auf die Konzertersatztermine nächstes Jahr und hoffen, dass sie so stattfinden können. Das Ziel ist immer ein Album, aber wir sehen jetzt weder sonderlichen Druck, noch Zwang in diese Richtung. Wir wollen aufnehmen was wir haben und Stück für Stück veröffentlichen. Schauen wir mal, wie das wird und hoffen wir, dass es auf dem Weg irgendjemandem irgendwas bringt. (lacht)

Ihr habt also schon mehr Songs geschrieben?
Es gibt schon ein paar fertige Songs oder solche, die kurz davor sind, fertig zu werden. Ich schreibe immer 1000 Lieder im Jahr, aber die sind alle scheiße. Aus 1000 Songskizzen kommen dann vielleicht zwei gute Lieder heraus.

Wie geht es dir damit, den ganzen Applaus und die Zuneigung des Publikums gezwungenermaßen nicht spüren zu dürfen?
Ich bin jahrelang wie eine Made in den Gebieten Applaus, Zuneigung und Anerkennung unterwegs gewesen. (lacht) Ich bin über und über satt und brauche das im Moment nicht unbedingt. Ich habe auch kein Loch in meiner Seele, das ich mit Applaus füllen müsste. Ich mache all das, weil ich das wirklich machen will und weil ich gar nichts anderes kann.

Hat sich der Zugang zum Musikmachen für euch stark verändert? Gerade in den ersten Monaten konntet ihr euch ja auch nicht wirklich treffen.
Neue Musik zu schreiben ist immer ein Abenteuer, das auf einem weißen Blatt beginnt, auf dem irgendwann etwas gekritzelt steht und dann wird es zu einem Song. Die Arbeit überrascht einen jedes Mal und ich bin gespannt, was jetzt kommt und was das alles mit mir macht. Ich genieße das sehr und bin dankbar, das so machen zu dürfen. Ich habe durch die Musik auch ein Ventil, denn sonst würde ich mich wohl nur volltschechern und Scheiße bauen. (lacht)

Auch zwischenmenschlich war 2020 ein hartes Jahr für Wanda. Begonnen hat es mit Keyboarder Christian Hummer, der im März während der Tour mit Herz-/Kreislaufproblemen ins Krankenhaus musste. Ist alles wieder in Ordnung?
Da ist wieder alles in Ordnung. Er ist fit und gesund und alles passt wieder.

Dann gab es noch den Abgang von Drummer Lukas Hasitschka, der erste Rüttler im festen Wanda-Bandgefüge. Wer spielt das Schlagzeug derzeit im Studio und dann bald auf Tour?
Wir sind in Verhandlungen mit Phil Collins und Ringo Starr und wir haben festgestellt, dass sie zumindest mithalten können. (lacht) Der von den Rolling Stones ist auch nicht so schlecht. Bis zur Tour werden wir uns schon entscheiden.

Fällt es dir mit Fortdauer deiner Karriere zunehmend schwerer, dich selbst zu überraschen?
Es fällt mir wahnsinnig leicht, mich im Negativen zu überraschen. Ich bin noch immer ein schräger und fauler Hund. (lacht) Meine Musik überrascht mich jedes Mal aufs Neue. Die Frage ist schwierig. Es geht immer um Geschichten, aber man glaubt gar nicht, wie viele Geschichten unerzählt sind. Ich entdecke zum Glück immer welche, die es wert sind, erzählt zu werden. In manchen Songs erzähle ich mehrere Geschichten auf einmal - das überrascht mich jedes Mal. Ich rechne eigentlich seit 2014 damit, dass mir nie wieder was gelingt und bin sehr dankbar dafür, dass es dann doch immer weitergeht.

Für deine negative Einstellung geht es mit Wanda aber ganz gut voran.
Pessimismus schützt auch in gewisser Weise. (lacht)

Wenn man sich deine Texte zu Gemüte führt kommt man nicht umhin zu erkennen, dass du auch von Literatur beeinflusst sein musst. Ist das bei dir stark ausgeprägt?
In meinen Wurzeln schon, aber ich habe jahrelang kein literarisches Buch mehr angerührt. Ich lese derzeit Biografien, etwa das Trump-Buch seiner Nichte. Derzeit lese ich auch Carl Gustav Jung oder Freud. Mein lyrisches Bewusstsein kommt von den Franzosen wie Arthur Rimbaud und von den Beat-Poeten wie Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Neal Cassady oder Gregory Corso. Literaturschreiben tut mir nicht gut, ich finde es gefährlich. Da stöbert man durch Dinge auf dem Grund einer Seele, die nicht nur schön sind. Das Leben eines Schriftstellers könnte ich nicht leben. Es ist auch ein sehr einsames und ich bin so froh, dass eine Band und eine Gang habe.

Wobei das Leben des Songwriters abseits einer Tour und des Studios auch sehr einsam sein kann.
Das ist es auch phasenweise. Irgendwann stehen wir dann aber auf der Bühne und dann ist es alles andere als einsam.

Wie geht es nun bei dir und bei euch unmittelbar weiter?
Wieder ein bisschen weniger trinken und fortgehen und mich etwas mehr aufs Heim besinnen. Ich habe eine große Vorfreude auf alles, was jetzt kommt. Ich habe nie ein Gefühl oder eine Vorahnung, wie ein Song angenommen wird und freue mich auf die Reaktionen für „Jurassic Park“. Ich wünsche mir auch, dass die Menschen weder Mut noch Hoffnung verlieren, denn jetzt kommen einige anspruchsvolle Monate auf uns zu.

Livetermine 2021
Mit etwas Glück können Wanda ihre anberaumten Konzerte hoffentlich 2021 nachholen. Geplant sind Auftritte am 4. Juni in der Innsbrucker Olympiahalle, am 18. und 19. Juni in der Wiener Stadthalle, am 9. Juli auf der Linzer Donaulände, am 17. Juli Open Air in Graz bei der Stadthalle und am 27. August im Klagenfurter Wörtherseestadion. Alle Infos und Tickets gibt es unter www.oeticket.com

Robert Fröwein
Robert Fröwein
Kommentare

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Montag, 30. November 2020
Wetter Symbol