13.10.2020 17:25 |

Corona-Verschärfungen

Gesichtsschildern droht jetzt ein Verbot

„Ein Gesichtsvisier ist eine geeignete und praktische Alternative zum Mund-Nasen-Schutz“, hatte Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ÖVP) im Mai noch mit Blick auf die damals aktuellen Empfehlungen des Gesundheitsministeriums klargestellt. Studien zufolge ist das aber längst nicht mehr so, da rund um die Plastikvisiere Flüssigkeiten entweichen können und so das Virus mehr Chancen auf Verbreitung hat. Neben mehreren Verschärfungen überlegt die Regierung deshalb, die Gesichtsschilder speziell in der Gastronomie und bei Jobs mit Kundenkontakt verbieten zu lassen. Wann dies geschehen soll, ist noch unklar.

Kaum ist die Wien-Wahl geschlagen, geht es auch schon wieder weiter mit etwaigen weiteren Verschärfungen der Corona-Maßnahmen. So ist seit Montag über ein mögliches österreichweites Verbot von den umstrittenen Mund- und Gesichtsschildern, wie sie vor allem in Dienstleistungs- und Gastronomiebetrieben zum Einsatz kommen, zu hören.

„Damit ist ein Gesichtsvisier auch eine gute Alternative zum Mund-Nasen-Schutz“: Mit diesen Worten war Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) Anfang Mai in einer gemeinsamen Aussendung mit Sozialministerin Aschbacher zitiert worden. Damals lautete die Empfehlung des Gesundheitsministeriums: „Auch ein Gesichtsvisier reduziert das Verbreiten von Tröpfchen. In vielen Fällen - vor allem bei körperlicher Arbeit - ist das Visier eine praktische Alternative, denn es sitzt stabiler und durchfeuchtet nicht. Grundsätzlich ist es Vereinbarungssache zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, ob das Tragen eines Schutzes verpflichtend ist. Davon ausgenommen sind zum Beispiel Bereiche mit Kundenkontakt wie beim Servicepersonal in der Gastronomie - hier muss ein Mund-Nasen-Schutz oder ein Gesichtsvisier getragen werden.“

Videodemonstration mit Puppe zeigt Unterschiede
Wie bereits Anfang September berichtet, wurde bei einer Untersuchung der Florida Atlantic University, bei der eine Puppe zum Einsatz kam (siehe Video unten), festgestellt, dass Gesichtsschilde weniger effektiv als Atemschutzmasken dem N95-Standard entsprechend sind - und selbst den weitverbreiteten Stoffmasken unterliegen. Die Forscher empfahlen daher, auf das Tragen von Gesichtsschilden - oder auch Ventil-Masken, die ebenfalls kein gutes Zeugnis ausgestellt bekamen - zu verzichten. Für die meisten Menschen sei eine Stoffmaske, die das Gesicht von der Nase bis unterhalb des Kinns bedeckt, die beste Option.

In der Studie ging es nicht um die Frage, ob Visiere (oder Schutzmasken mit Ventil) einen Menschen vor einer Ansteckung mit dem Virus schützen können. Es ging vielmehr um die Frage, ob sie eine Verbreitung des Virus durch einen Infizierten verhindern können. Den US-Wissenschaftlern ging es in ihrer Studie vor allem darum, die Öffentlichkeit für das Problem zu sensibilisieren. Viele Menschen würden Visiere (und Schutzmasken mit Ventil) tragen, weil diese komfortabler seien als Masken ohne Ventil. Das könne aber die Bemühungen zur Eindämmung des Virus unterlaufen, warnen die Forscher.

Heimische Experten mehrheitlich gegen Klarsichtvisiere
Wobei die Meinungen der zahlreichen Experten wie bei so vielen Corona-Maßnahmen hier auseinandergehen. So hatte neben Arbeitsministerin Aschbacher etwa auch Prof. Dr. Hans-Peter Hutter, Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie aus Wien, noch im Mai die Gesichtsschilder als brauchbaren Schutz vergleichbar mit dem Mund-Nasen-Schutz betrachtet - ja der Plexiglas-Variante gar einen Vorteil bei längeren Arbeiten attestiert, „da man einfach mehr Luft bekommt“. Seither sind rund fünf Corona-Monate ins Land gezogen, in denen die Gesichtsschilder ihr „Renommee“ verloren haben.

Auch die Experten der Österreichischen Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin (ÖGHMP) stellten den Gesichtsschildern kein gutes Zeugnis aus und sprachen sich im vergangenen Sommer in einem Schreiben gegen die sogenannten Klarsichtvisiere (KLV) aus. Demnach bilden KLV zwar eine mechanische Barriere für größere Tröpfchen, da diese, wenn sie direkt auf die Scheibe auftreffen, aufgefangen werden. Schwebefähige Kleinstpartikel werden hingegen fast ungehindert an die Umgebung abgegeben, weil ein KLV die Ein- und Ausatemluft lediglich umlenkt.

Das Urteil der österreichischen Experten: „Aufgrund der derzeitigen wissenschaftlichen Evidenz können wir den Einsatz von Klarsichtvisieren nicht als gleichwertige Alternative zum Mund-Nasen-Schutz ansehen. Ein KLV kann eine Alternative für Personen sein, die aus medizinischen Gründen keinen MNS tragen können. Sie erreichen damit einen gewissen Selbstschutz und leisten gleichzeitig einen zumutbaren, wenn auch geringen Beitrag zu den derzeit getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mit SARS-CoV-2.“

Auch die deutsche Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin rät von Visieren ab, da sie nicht vor erregerhaltigen Aerosolen schützten. Diese könnten durch den Spalt zwischen Gesicht und Visier ungehindert in die Raumluft gelangen.

Kommt jetzt ein landesweites Verbot für die Gesichtsschilder, dann gilt es neben der Umstellung auf Mund-Nasen-Schutz in Tausenden Betrieben übrigens auch die Ausschüttung diverser Fördergelder zu überdenken. Denn etwa das Land Niederösterreich förderte im Zuge von Präventitionsmaßnahmen auch die Anschaffung von Gesichtsvisieren.

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