05.09.2020 07:02 |

Formel-1-Legende

„War ein Mythos“: Vor 50 Jahren starb Jochen Rindt

Eine Zigarette im Mundwinkel, eine auffällige Nase, die Sonnenbrille, ein verschmitztes Lächeln, ein schlaksiger Gang: lässig, selbstbewusst, charismatisch kam Jochen Rindt daher. Ein Typ, der auf- und gefiel. Ein Draufgänger, sobald er in einem Rennwagen saß. Am 5. September 1970 wurde ihm diese Leidenschaft zum Verhängnis, Rindt verunglückte im Training in Monza tödlich.

„Er ist mit seinem ganzen Auftreten herausgeragt aus der Masse“, erinnerte sich sein Schulfreund und heutiger Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko Anfang Juli am Rande des Grand Prix von Österreich. Für den 77-jährigen Steirer ist Rindt viel mehr als eine Formel-1-Legende. „Egal wann man hinkommt, sind auch 50 Jahre nach seinem Tod immer Blumen und Kerzen an seinem Grab. Wir sind eine Skination, aber ich glaube, Jochen ist der populärste Sportler, den Österreich je hatte. (...) Er war ein Mythos“, betonte Marko am Montagabend in der ServusTV-Sendung „Sport und Talk aus dem Hangar-7“.

Jochen Rindt verfolgte in seiner Karriere ein Ziel: Er wollte unbedingt Formel-1-Weltmeister werden. Als Nina Rindt die von ihrem Mann ersehnte WM-Trophäe entgegennahm, war er aber schon seit zwei Monaten tot. „Es war seine Leidenschaft. Er hat das gemacht, was er liebte“, sagt die Finnin in der ARD-Dokumentation „Jochen Rindts letzter Sommer“ aus dem Jahr 2010.

Die Ursache für das Drama
Vor 50 Jahren kam es im Training zum Grand Prix von Italien zum Unglück: In der Parabolica krachte Rindt mit seinem Lotus 72 in die Leitschienen. Ursache war eine gebrochene Bremswelle vorne rechts. Rindt wurde nur 28 Jahre alt und zum bisher einzigen Piloten, der posthum Formel-1-Weltmeister wurde. Die Bilder sind unvergesslich. Ehefrau Nina auf einem Barhocker in der Lotus-Box sitzend, mit bangem Blick, eine Stoppuhr in der Hand. Sie wartete auf ihren Mann, während alle anderen Fahrer zurück von der Strecke kamen. Es wurde immer ruhiger. Jackie Stewart, Rindts Rivale und enger Freund, kam zu ihr, sagte, was geschehen war. Bernie Ecclestone, späterer Formel-1-Boss, hatte den blutverschmierten Helm seines Freundes in Händen.

Die Erschütterung in und außerhalb der Motorsport-Welt über Rindts Tod war groß, vergleichbar nur mit den Unfall-Tragödien des Briten Jim Clark 1968 in einem Formel-2-Rennen auf dem Hockenheimring und des Brasilianers Ayrton Senna 1994 in Imola. 30.000 Menschen gaben Rindt in Graz sechs Tage nach dessen Tod das letzte Geleit. Rennfahrer-Kollege Joakim Bonnier sagte in seiner Trauerrede: „Und egal, was in den nächsten Wochen noch passiert: Für uns ist Jochen der Weltmeister.“

Laut Marko ist es „dem kleinen Österreich gelungen, einen Weltstar in der Formel 1 hervorzubringen“. Dabei war Rindt gar kein Österreicher. Geboren wurde er am 18. April 1942 in Mainz. Sein Vater war Deutscher, seine Mutter Österreicherin. Sie besaßen eine Gewürzmühle. Als seine Eltern 1943 bei einem Bombenangriff in Hamburg ums Leben kamen, nahmen ihn seine Großeltern in Österreich zu sich. Er blieb Deutscher, doch fuhr er mit österreichischer Rennfahrerlizenz. „Ich fühle mich als Europäer“, sagte er einmal bei einem TV-Auftritt.

Seinen Entschluss, Rennfahrer zu werden, traf er 1961 bei einer Reise zum Nürburgring mit seinem Jugendfreund Marko. Er ging nach England, um Anschluss an die internationale Szene zu finden. „Unser Schulenglisch hat ja grad mal gereicht, um etwas zu essen zu bestellen. Da brauchst du Mut, eine Vision. Und viel Selbstvertrauen“, erinnerte sich Marko im Juli im „Red-Bull-Bulletin“.

Hier im Video: Helmut Marko über seine „wilde Zeit“ mit Jochen Rindt!

Schneller Aufstieg zum Star
Rindt stieg schnell zum Star auf und gewann bereits 1965 den 24-Stunden-Klassiker in Le Mans. Seine TV-Sendung „Motorama“ wurde Kult. Er moderierte im Pelzmantel oder interviewte seine Formel-1-Kollegen. In Wien veranstaltete er 1965 erstmals die Jochen-Rindt-Show. Privat fand er sein Glück in Nina. Sie heirateten 1967, 1968 kam Tochter Natascha.

„Bei Lotus kann ich Weltmeister werden oder sterben“
In der Formel 1 fehlte ihm lange ein siegfähiges Auto. 1964 bestritt er sein erstes von 60 Rennen. Erst 1969 kam die große Chance: Lotus-Chef Colin Chapman wollte ihn als Clark-Ersatz. Der Brite galt als genialer, aber rücksichtsloser Konstrukteur. „Bei Lotus kann ich Weltmeister werden oder sterben“, sagte Rindt vor seiner Vertragsunterzeichnung. Die Beziehung war von Beginn weg schwierig. „Ich habe zu Lotus noch nie ein Vertrauen gehabt“, schimpfte Rindt, nachdem in Barcelona ein Flügel an seinem Wagen gebrochen und er verunfallt war. Doch im vorletzten Rennen der Saison in Watkins Glen feierte er doch noch den ersten Sieg.

Im Jahr darauf triumphierte Rindt in Monaco nach einer Aufholjagd durch die engen Straßen des Fürstentums. In Zandvoort startete er eine Siegesserie. Doch der Feuertod seines Freundes Piers Courage überschattete das Rennen. Es folgten erste Plätze in Clermont-Ferrand, Brands Hatch und beim Formel-1-Debüt des Hockenheimrings. Bei seinem Heimatrennen auf dem Österreichring schied er zwar aus. Dennoch hatte er mit 45 Punkten als Führender alle Chancen auf den Titel.

Dann kam die Monza-Tragödie. Bis zum vorletzten Rennen hatte Ferrari-Pilot Jacky Ickx die Chance, seinen toten Rivalen noch abzufangen. Ein Defekt und Platz vier in Watkins Glen verhinderten das. Der Belgier war erleichtert, wie er Jahre später gestand: „Das Schönste war zu erleben, wie der Weltmeistertitel dann doch noch an Jochen ging.“

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