13.08.2020 06:00 |

Neues Album „Whoosh!“

Deep Purple: Am Zenit ihrer Progressivität

52 Jahre nach dem ersten Album sind die britischen Rock-Urgesteine Deep Purple unaufhaltsam kreativ und erfolgreich. „Whoosh!“ ist das dritte Album mit Produzent Bob Ezrin und knüpft nahtlos an die Bestleistungen der letzten Jahre an. Drummer Ian Paice und Bassist Roger Glover haben uns mehr darüber erzählt.

Manchmal ist das Musikbusiness ein einziges Paradoxon. Deep Purple haben zwar niemals die lichten Popularitätshöhen von Bands wie Led Zeppelin oder Pink Floyd erreicht, haben aber den Hard Rock seit Ende der 60er-Jahre wie keine zweite Band geprägt und gelten zurecht als eine der großen Urväter des Heavy Metal. „Deep Purple In Rock“ (1970), „Fireball“ (1971) und „Machine Head“ (1972) werden noch heute als „Heiliger Gral“ des britischen Kollektivs angesehen, die kommerziell größten Erfolge feiern Purple aber in der Gegenwart. Nach einer längeren künstlerischen Irrfahrt gelang 2013 mit „Now What?!“ ein fulminantes Comeback. Starkes Songwriting, eine hörbar motivierte Mannschaft und vor allem Bob Ezrin an den Reglern. Der kanadische Produzent hat die Essenz von Deep Purple wiedergefunden und das auf „inFinite“ (2017) und nun auch auf „Whoosh!“ wiederholen können. Was manche scherzhalber als „vierten Frühling“ der Band bezeichnen, ist auch kommerziell die ergiebigste Phase der Bandgeschichte.

Neuer Glanz
„Wir können auf jeden Fall auf eine sehr diverse Karriere zurückblicken“, lacht Bassist Roger Glover beim „Krone“-Interview ins Telefon, „dabei hat sich gar nicht viel verändert. Früher musstest du live spielen, um wirklich Geld zu verdienen. Heute ist das in Zeiten der Streamingplattformen noch wichtiger. Und als wichtigste Faustregel: Willst du wirklich Geld verdienen, dann werde um Gottes Willen kein Musiker.“ Diese sorgen haben Glover und Co. freilich nicht. Neben dem kommerziellen Höhenflug mit tollen Chartplatzierungen und hohen Einnahmen funktioniert auch der künstlerische. Nachdem Tod von Keyboarder Jon Lord ist die Band mit Don Airey nun seit 2002 beständig - fast schon 20 Jahre. Eine sehr lange Zeit, die auch von langjährigen Fans oftmals unterschätzt wird. Doch gerade die Beständigkeit und eine gewisse Form von Altersmilde lassen Deep Purple schon länger in neuem Glanz erstrahlen.

„Die Freundschaft macht sicher 75 Prozent des Erfolgs aus“, ist sich Drummer und Gründungsmitglied Ian Paice sicher, „wir müssen bei Politik, Religion oder Gesellschaftsthemen nicht übereinstimmen. Wir müssen aber Toleranz zeigen und notfalls die Klappe halten, bevor wir gegenseitig anecken. Nach mehr als 50 Jahren Bandkarriere und fast 20 im gleichen Line-Up wissen wir längst, wann wir lieber ruhig sind.“ Eine nette Anekdote hat Paice aber doch in Erinnerung. „Immer klappt das natürlich nicht. Don Airey und ich sind mal in einem Pub gelandet und haben nach einiger Zeit lauthals über Politisches gestritten. Wir waren aber so betrunken, dass wir am nächsten Tag nichts mehr davon wussten - Glück gehabt.“ Auch Glover sieht das Gemeinsame als entscheidenden Baustein. „Für diese Band war immer die Musik die Basis, nicht das Scheckheft. Wir sind immer unseren Instinkten gefolgt und wollte nie Erfolg haben. Als Band kannst du noch so viel Geld in PR-Kampagnen stecken, wenn die Musik nicht passt, dann wirst du nie davon leben können.“

Kein Ende in Sicht
Dass „Whoosh!“, das mittlerweile 21. Studioalbum der Legenden, überhaupt erschien, war lange nicht klar. „inFinite“ sollte vor drei Jahren schon der Schlusspunkt sein, aber durch die ständig steigende Popularität, zahlreiche Live- und Festivalauftritte und nicht zuletzt das starke Studiomaterial sehen Deep Purple auch keinen Grund, vorzeitig die Segel zu streichen. „Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen als zu sagen, dass es das endgültig“, erzählt Paice, „es wird natürlich der Punkt kommen, wo zwei oder drei von uns rein physisch nicht mehr so viel reisen und auftreten können, aber solange wir das gerne machen und erfolgreich sind, gibt es keinen Grund für ein Ende.“ Wenn Deep Purple heute an einem Album arbeiten, funktioniert das wie eine gediegene Altherrentruppe. Man trifft sich für ein paar Wochen im Studio, ordnet die Songideen und lässt den Tag mit einem guten Essen und einem Glas Wein ausklingen. „Und wenn nichts dabei rauskommt, dann haben wir ein paar Pfund verloren, hatten aber eine gute Zeit miteinander.“

„Whoosh!“ ist für die Bandmitglieder kein neues Album mehr. Prinzipiell war es schon im Sommer 2019 fertig, wurde zuerst aus geschäftlichen und dann aus Corona-bedingten Gründen bis in den Sommer hinein verschoben. Die musikalische Vielseitigkeit lässt nicht umsonst an ein karriereumspannendes Werk denken. Der Opener „Throw My Bones“ bäumt sich als voranpreschendes Rock-Zitat auf, auf „Drop The Weapon“ solieren sich Gitarrist und Hauptsongwriter Steve Morse und Keyboarder Airey um die Wette, „What The What“ ist mit seinem Boogie-Piano völlig aus der Zeit gefallen, während „No Need To Shout“ eindeutig beweist, wo die großen Rockbands der 80er- und 90er ihre Inspiration herausgezogen haben. Über allen thront die famose Stimme von Ian Gillan, der sich in einer späten Hochblütephase seiner Karriere befindet. „Whoosh!“ ist zwar klanglich völlig aus der Zeit gefallen, wirft aber inhaltlich durchaus Zeitgeistiges auf.

Umweltbewusstsein
„Das Virus beweist doch, wie fragil unsere Gesellschaft ist“, wettert Paice, „der Mensch tut diesem Planeten nichts Gutes. Wir werfen Müll in die Ozeane und lassen ihn auf den Bergen liegen. Wir verpesten die Umwelt und vergessen Zwischenmenschlichkeit. Wir können das besser machen und Ian Gillans Texte spielen darauf an. Dass sie so gut in die Gegenwart passen ist reiner Zufall, denn als das Album fertig war, war Corona noch nicht einmal geboren.“ Was im Albumtitel nach einer defekten Toilettenspülung klingt, hat natürlich einen tieferen Sinn. „,Whoosh!‘ hat zwei Bedeutungen. Einerseits spiegelt er mit dem Klang wider, wie schnell die Zeit vergeht. Die Band gibt es seit 52 Jahren und ,whoosh‘, sind wir im Jahr 2020. Wie konnte das so schnell gehen? Wo sind alle die Jahre hin? Andererseits zeigen wir die Stellung des Menschen in der Weltgeschichte auf. Wir sind nur kleine, temporäre Partikel, die in einem Nichts von Zeit auf dieser Welt existieren und dann gleich wieder weg sind. Es tut manchmal gut, sich das zu vergegenwärtigen.“

Paice ist es auch zu verdanken, dass der Zusatz „Prog“ bei Deep Purple nicht nur ein Marketinggag ist. Auch vor sanften Ausflügen in den Jazz fürchten sich die Oldies nicht. „Schade nur, dass wir mit den Songs nicht auf Tour gehen können“, trauert Glover über die aktuelle Weltlage, „aber bei uns war ein neues Album noch nie entscheidend dafür, auf Tour zu gehen. Wir sind quasi immer unterwegs, das ist unsere Bestimmung. Es tut weh, dass wir das derzeit nicht können.“ Auch Paice macht sich große Sorgen. „Wir sind in einem Alter, wo es - je nachdem, wie das Corona-Thema verläuft - nicht mehr sicher ist, ob wir dann noch auf große Tour gehen können. Vor Mai 2021 haben wir nichts gebucht und auch das ist nicht sicher. Wir werden immer nicht mehr jünger, dieser Tatsache müssen wir uns Auge sehen.“

Bogen geschlagen
Auf „Whoosh!“ schlagen die Briten übrigens sogar den Bogen zur Frühzeit. Mit „And The Address“ gibt es einen Song, der 52 Jahre alt ist und aus den frühesten Bandtagen stammt. „Das war Ezrins Idee“, lacht Paice, „er meinte, wir könnten den ersten Song des ersten Albums als letzten Song des eventuell letztens Albums verwenden.“ Diese Idee passierte freilich vor der Pandemie und da auch die Deep Purple-Musiker zum Daheimsitzen gezwungen sind, gibt es durchaus Chancen auf ein weiteres Album. „Bevor alle Rollbalken runtergelassen wurden, dachten wir natürlich nicht an noch eine Platte. Wir haben jetzt aber gesamt ein Jahr nichts zu tun und Zeit, um zu komponieren. Der Gedanke, zusammenzufinden und etwas aufzunehmen ist natürlich da.“ Das bestätigt auch Roger Glover: „Geplant ist nichts, ausschließen werden wir aber auch nichts.“ Hoffen wir in erster Linie einmal darauf, dass die Band ihre neuen Songs beim „Lovely Days“ am 10. Juli in Eisenstadt präsentieren darf.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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