09.05.2020 13:55 |

Anfang und Ende 1945

Wie man Krieg beendet - ohne neuen auszulösen

Die Sieger beendeten in Europa den ewigen Kreislauf von Kriegen. Sie zogen die Lehren aus dem Diktatfrieden von Versailles 1919 - ein „Krone“-Rückblick.

Als Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel (wegen seiner Unterwürfigkeit zu Hitler „Lakeitel“ genannt) am 9. Mai 1945 im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst seine Unterschrift unter das Kapitulationsdokument setzte, war der Krieg in Europa heute vor 75 Jahren offiziell beendet. Im Gegensatz zur deutschen Niederlage 1918 schufen die Sieger, zumindest die im Westen, in den folgenden Jahren eine Nachkriegsordnung, die nicht zur Quelle des nächsten Kriegs werden sollte. Man hatte aus dem Versagen nach 1918 gelernt und mit dem neuen Krieg bitteres Lehrgeld zahlen müssen. Europa hatte sich in zwei Bürgerkriegen zerstört.

Die USA waren schon 1919/1920 voll Skepsis zum Versailler Diktatfrieden gestanden. Die Demütigung der Besiegten schuf nachfolgend ein Klima der Revanche (wie jenes der Franzosen nach 1870) und führte im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise zum Aufstieg Hitlers.

Was sollte also diesmal anders werden?

  • Keine Kollektivschuld, (aber Kollektivverantwortung). Aburteilung der Schuldigen in regulären Justizverfahren.
  • Bedingungslose Kapitulation. Oft kritisiert, war sie nur die Antwort auf die verhängnisvolle „Dolchstoßlegende“ nach 1918 gewesen, wonach die Armee unbesiegt im Ausland gestanden sei, während die Politiker kapitulierten. In Wahrheit: Die Armeeführung hatte in der ausweglosen Situation die politische Führung in Berlin dringend gebeten, einen Waffenstillstand herbeizuführen – und somit die Verantwortung für die Niederlage abgeschoben.

1945 sollte die Niederlage sternenklar sein sowie das Regime in Berlin gänzlich verschwinden. Deutschland blieb als Staat bestehen, wohl aber wurde Preußen als politischer Faktor von der Landkarte getilgt und die Armee aufgelöst.

  • Reparationen. Die bis 1918 geltende Tradition, dass der Besiegte den Krieg zu zahlen hat, galt jetzt nur mit Einschränkung. Die Idee, Deutschland zu „ent-industrialisieren“, war schon in den Ansätzen verworfen worden.

So geschah ein historisches Wunder. Statt zu zahlen erhielten die Besiegten Geschenke: Die „Marshallplan“ genannte Wiederaufbauhilfe gewaltigen Ausmaßes an Europa war der leider letzte politische Geniestreich der USA; vielleicht nur vergleichbar mit Fürst Bismarck, der nach dem Sieg von 1866 über Österreich anschließend im Machtkampf mit seinem König den Habsburgerstaat verschonte und zum Verbündeten machte.

Im Osten endeten die Kriegsfolgen erst 1989
Eng verbunden mit dem Marshallplan war die Einführung der D-Mark. Mit ihr begann das Wirtschaftswunder. Wohlstand kann Kriege vergessen machen.

Einen anderen Nachkriegsweg schlug der sowjetische Machtbereich in Osteuropa ein. Dieser Teil des Kontinents hatte auf Befehl von Stalin nicht nur die Marshallplanhilfe ablehnen müssen, er litt auch an den sowjetischen Demontagen.

  • Kalter Krieg: Der Samen dazu wurde schon im Februar 1945 gelegt auf der Konferenz der drei Alliierten in Jalta. Die Zeitbombe lag in der „polnischen Frage“ verpackt. Die polnische Exilregierung saß in London, aber Stalin hatte für Warschau eine eigene Regierung.

Dahinter steckte die Absicht des Kremlchefs, als Pufferzone einen Bogen von Satellitenstaaten zu etablieren, damit nie wieder ein Feind direkt an der sowjetischen (russischen) Grenze stünde. Das war die Antwort auf den - mehr oder weniger - Überraschungsangriff Nazideutschlands, nachdem durch die Teilung Polens im Hitler-Stalin-Pakt eine unmittelbare deutsch-sowjetische Grenze entstanden war.

Das Ergebnis von Jalta war ein Kompromiss: Die polnisch-sowjetische Regierung in Warschau sollte auch Minister jener aus London erhalten, aber diese Koalition hatte – wörtlich – kein langes Leben. Stalin dachte nicht daran, Abkommen einzuhalten. So mussten alle Bemühungen, die Demokratie in Osteuropa zu retten, an der normativen Kraft des Faktischen scheitern, den sowjetischen Truppen vor Ort.

Längste Friedenszeit in Europa ab 1945
Erst mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion lösten sich auch die Satellitenregime in Osteuropa auf, so dass für diese Völker die Kriegsfolgen erst 1989 endeten. Mit dementsprechender Verspätung begann dann der demokratische Lernprozess. Die Vergangenheit ist eine schwere Last.

Wie auch immer: Der ewige Kreislauf von Kriegen wurde in Europa durchbrochen. Der Kontinent erlebte in den letzten 75 Jahren die längste Periode ohne Kriege zwischen Staaten, unterbrochen nur vom Jugoslawienzerfallskrieg. Sogar die Sowjetunion zog sich friedlich aus Osteuropa zurück, nachdem sie in den Jahrzehnten davor den Freiheitswillen der Völker mit Panzern niedergehalten hatte.

Video: Russlands Präsident Putin gedenkt den Opfern des Zweiten Weltkriegs:

Schonung für den Tenno
Szenenwechsel zum asiatischen Kriegsschauplatz: Erst am 2. September kapitulierte Japan bedingungslos. Damit war der Zweite Weltkrieg auch in Asien beendet. Über das Schicksal des Kaisers entzündete sich in den USA eine rege Debatte. Während die Öffentlichkeit in dem Tenno den Hauptkriegsverbrecher, ja den asiatischen Hitler, sah und ihn hängen sehen wollte, setzte General MacArthur einen erstaunlich innovativen Kurs durch. Er erkannte in dem Kaiser nicht den eigentlichen Kriegstreiber, sondern die Fassade eines Systems, in welchem der gottgleiche Tenno als die „Essenz alles Japanischen“ fungiert. Das wollte Besatzungschef MacArthur nutzen. Er setzte den Tenno als Stabilisator für den schwierigen Aufbau eines Nachkriegs-Japans ein. Und Kaiser Hirohito spielte mit.

Nahost: Wie man einen Krieg nicht beenden soll
Als Paradebeispiel für politisches Versagen nach einem siegreichen Krieg steht nicht nur der Diktatfrieden von Versailles für Europa, sondern stehen auch die Orient-Konferenzen nach der Niederlage und dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches. Die beiden Siegermächte Großbritannien und Frankreich leisteten sich einen historischen Verrat, der dem Nahen Osten bis heute eine Kettenreaktion von Nachfolgekriegen beschert hat.

London und Paris hatten dem Scherifen von Mekka ein Königreich in den arabischen Provinzen (Kolonien?) des Osmanischen Reiches versprochen, wenn er sich an die Spitze der von Großbritannien („Lawrence of Arabia“) unterstützten Arabischen Revolte stellt. Nach dem Krieg teilten London und Paris diese Provinzen aber in ihre kolonialen Einflusssphären auf.

Die arabische Wunde schwärt bis heute und macht den Nahen und Mittleren Osten zur konfliktreichsten Region der Welt. Nicht zufällig hat der „Islamische Staat“ (IS) demonstrativ die Grenze zwischen dem ex-französischen Syrien und dem ex-britischen Irak niedergerissen. IS-Führer Bagdadi rief sich zum Kalifen (Führer der sunnitischen Moslems) aus – ein Amt, das mit dem letzten osmanischen Sultan erlosch, denn die Sehnsucht nach einem einigenden Kalifen ist in der sunnitischen Welt nicht gänzlich ausgeträumt.

Kurt Seinitz, Kronen Zeitung

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