03.12.2019 01:21 |

Ausverkaufte Arena

Voodoo Jürgens: Der Triumphzug des G‘scherten

Vom Gasthaus-Liedermacher zum hippen Massenphänomen. Voodoo Jürgens füllt dieser Tage gleich zweimal die Wiener Arena und überzeugt mit authentischen Geschichten, einer perfekt eingespielten Band und seiner mystischen Wirkung auf ein junges Publikum, das in seinen Texten gar nicht wirklich angesprochen wird.

Es war in Zürich, vor etwa zwei Jahren. Anstatt als Musikredakteur Tina Turner in ihrer Wahlbehausung aufzusuchen oder zumindest ein Naturschnitzel mit Beatrice Egli zu teilen, bekam ich die seltene Möglichkeit, aus den üblichen Pfaden auszuscheren. Keine außenpolitische Aufdeckergeschichte, aber immerhin die Blue Man Group. Deren Musik ist die Stille und seit John Cage wissen wir: das geht sich aus. Mimik und Gestik lautmalen dafür eh mit Eifer. Abends an der Hotelbar. Der freundliche und profunde Kollege einer großen Frankfurter Zeitung ergötzt sich fast an einer kürzlich gemachten Entdeckung. „Also euer Voodoo Jürgens. Fantastisch. Der hat letztens in der Gegend einen ordentlichen Club gefüllt. Es hat zwar keiner ein Wort verstanden, aber es war großartig.“ Unbewusst wurde damit ein großer Teil des Erfolgsgeheimnisses aufgedeckt. Musik ist in erster Linie Emotion und nicht Verstand. Und ein großer Geschichtenerzähler malt seine Bilder auch im Dialekt verständlich. Da reicht auch die Imagination des gemeinen Hessen über das „G’scherte“ hinaus.

Bildhafter Kosmos
Drei Jahre nach seinem Überraschungserfolgsdebüt „Ansa Woar“ ist Voodoo längst im heimischen Spitzenfeld angekommen. Die Wiener Arena verkauft er gleich zweimal mühelos aus. Dass es nicht noch öfter so gekommen ist, lag einzig und allein an der Terminisierung. Das Phänomen Voodoo lässt sich vom Deutschen eigentlich genausogut ins Urbane tragen. Das hippe und zuweilen junge Publikum muss sich bei manchen Textpassagen schon ordentlich strecken, wenn es akkurat mitsingen will. Viele der Anwesenden kennen die Jugendgeschichten des Frontmanns nämlich nicht aus erster Hand und reden außerdem viel zu sauberes Wiener Deutsch. Wenn Voodoo von seiner liebhassten Heimat Tulln erzählt, von den Ausflügen aufs Land und den Ecken im Nirgendwo, dann hat das der in Wien Aufgewachsene so nie erlebt. Aber darum geht es nicht. Voodoo Jürgens evoziert mit seiner authentischen, niemals geschönten Textsprache nämlich einen bildhaften Kosmos, in dem jeder Platz findet, der möchte. Man muss im Sommer nicht selbst das Stroh gefahren oder die Vorstadt-„Scheidungsleichn“ mit ihren vorgefertigten Ikea-Bausatz-Existenzen selbst erlebt haben, um zu wissen, worum es geht.

Zurecht kann man sich darüber mokieren, dass die sanften Texte des Liedermachers hier im Vergleich zur Intimität eines Weinhaus Sittl untergehen, und dass er zu den zwei großen „Heimspielen“ weder Jazz Gitti noch Louie Austen oder den Nino aus Wien zur Verstärkung auf die Bühne holt, mag auch befremdlich sein, aber eine gute Geschichte erzählt sich auch im einfachen Rahmen akkurat. Gerade bei den Songs seines famosen neuen Albums „‘s klane Glücksspiel“ spürt man die Wirkkraft des Kollektivs stark. Seine Band, die Ansa Panier, war tatkräftig am Songwriting beteiligt und begleitet Voodoo nicht nur, sie führt ihn mit präzisem und meist filigranem Spiel regelrecht an. Mit zusätzlichen Streicher- und Bläsereinsätzen verstärkt, gewinnen die melancholischeren Momente des Sets damit noch etwas mehr an Dramatik. Voodoo selbst gibt es den nötigen Raum selbst musikalisch etwas zurückzustecken und mehr die Bühnensau rauszulassen.

Bewusste Ignoranz
Immer wieder changiert er geschickt zwischen vermeintlich harmlosen Nostalgiebekundungen wie die Tullner Eislaufdisco oder die ersten Tschick bei der heimischen Busstation, vergisst aber niemals, auch die Schwere seines Daseins und Humanpolitik („Angst haums“) in der Show zu verquicken. Nicht alles ist Autobiografisch, aber Lokalkolorit das Nonplusultra. Durch die instrumentale Verstärkung kommt unweigerlich feierliches Balkan-Feeling auf, was den schmähbehafteten Dialektgeschichten eine besonders feine Farbe verleiht. „3 Gschichtn ausn Cafe Fesch“, der unweigerliche Hit „Heite grob ma Tote aus“ oder der einlullende „Ohrwaschlkräuler“ sind die Höhepunkte einer an Höhepunkten nicht armen Vorstellung. Das Rauchverbot ignoriert Voodoo auf der Arena-Bühne ebenso gekonnt, wie er sich bewusst nicht schubladisieren lässt.

Der heimische Tom Waits wäre er, aufgrund seiner ehrlichen Geschichten. Oder doch ein Kurt Cobain, weil blond, schnoddrig und immer mit Tschick? Naja vielleicht Bob Dylan, wenn er am Set-Ende beim Solopart Akustikgitarre und Fotzhobel gleichermaßen bedient. Voodoo Jürgens ist aber vielmehr als das - er ist bei sich selbst. Das merkt man vor allem bei einer wirkungsvollen Nummer wie der tragikomischen Lebensballade „Tulln“, die wie kaum ein anderer Song eine Kindheit im zweifelhaften Milieu beschreibt. Das ist ein Soundtrack für alle Peitscherlbuam und solche, die sich in ihrer kindlichen Welt gerne in deren Identität flüchten. Es bleibt Voodoo zu wünschen, dass er sich selbst und seine Authentizität bei steigendem Rummel möglichst echt belassen kann. Denn dann hören die Deutschen auch weiterhin genau - und vergeblich - zu.

Weiter geht‘s
Heute Abend (3. Dezember) gibt es Voodoo Jürgens nochmal in der Wiener Arena zu sehen, doch auch diese Show ist bereits restlos ausverkauft. In den nächsten Tagen tingelt der Barde mit seiner Ansa Panier aber noch quer durchs Land. Alle Termine und verfügbare Kartenkontingente sind unter www.voodoojuergens.com einsehbar.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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