23.11.2019 18:14 |

„Krone“-Wahlreportage

Das Herz der Grünen Mark verändert sich

Der letzte Teil der „Krone“-Reportagen aus den steirischen Regionen: Graz und seine Umlandgemeinden „explodieren“, viele Menschen „flüchten“ vom Land in die Stadt, viele Flächen werden zubetoniert.

„Pensionisten, alleinerziehende Frauen, Jungfamilien, natürlich auch viele Ausländer - es gibt immer mehr Leute, die mit ihrem Geld nicht auskommen“, sagt Heidi Anderhuber bei einer Tasse Tee im Operncafé. Das schicke - manche würden sagen, schickimicki - Kaffeehaus an der Grazer Ringstraße ist nicht ganz ihre Welt.

Es war im Jahr 2004, als das Kaufhaus Kirchsteiger in der Rochelgasse zusperrte und der Grazer Armenpfarrer Wolfgang Pucher kurzerhand beschloss, den Greißler zu übernehmen und daraus einen Sozialmarkt zu machen. Anderhuber hat ihn 14 Jahre lang geleitet. Sie weiß also, wovon sie spricht.

„Das Problem ist, dass die Wohn- und Energiekosten so steigen“, meint sie. Weil das Geschäftslokal zu klein geworden war, übersiedelte der Vinzimarkt vor vier Jahren auf den Hofbauerplatz. „Dort ist doppelt so viel Platz - und trotzdem zu wenig“, sagt sie händeringend.

„Ich bin nicht bei der Kirche“, erzählt die 64-Jährige. Sie kommt aus einer alteingesessenen Eggenberger Arbeiterfamilie - und lebt bis heute dort. Der Bezirk im Grazer Westen hat sich in den letzten Jahren stark verändert. „Es wird alles zugebaut“, sagt sie mit Wehmut. „Die Leute brauchen Wohnungen, das sehe ich schon ein. Aber man könnte das feinfühliger machen...“

„Wertvolle Flächen für Landwirtschaft sichern“
Wer die Landeshauptstadt in Richtung Süden verlässt, kommt in eine Region, die sich derzeit auch stark verändert: Der Zuzug ist groß, von Bewohnern und Firmen. Hallen, Bürogebäude, Siedlungen, Supermärkte und Schulen werden in den Gemeinden entlang der A 9 aus dem Boden gestampft.

Die Gegend ist aber auch agrarisch geprägt. Einer der engagiertesten Landwirte ist Markus Hillebrand aus Zettling: „Im Grazer Raum leben bis zu 500.000 Menschen. Ihre Versorgungssicherheit ist wichtig. Es wäre notwendig, Flächen für die landwirtschaftliche Produktion zu sichern.“

Die Bauern der Region stehen vor Herausforderungen, nicht zuletzt durch eine strenge Trinkwasserschutzverordnung („der eine oder andere hat deswegen seine Grundstücke verkauft“) und die deutlichen Klimaveränderungen: „Heuer im Sommer hat es beispielsweise fast gar nicht geregnet.“

Hillebrand treibt derzeit vor allem zwei Projekte voran: Im ersten wird der Bevölkerung gezeigt, wie Landwirtschaft funktioniert, etwa der Humusaufbau. Und da immer öfter außer Haus gegessen wird, engagiert sich Hillebrand, dass in Großküchen regionale Lebensmittel verwendet werden.

„Wir tun uns schwer qualifizierte Mitarbeiter zu finden“
Einer, der davon lebt, dass die Leute essen (und einen trinken) gehen, ist Günther Leben. Der Vollblutgastronom leitet in zweiter Generation das Traditionsgasthaus „Thomahan“ in Friesach bei Peggau. Richtig müsste es heißen, geleitet hat - mit 1. November hat er offiziell an Tochter Elisabeth übergeben. „Das ist nicht selbstverständlich, viele namhafte Betriebe in der Region haben schon schließen müssen - auch weil sich kein Nachfolger findet. Dazu wird in der Gastronomie ja alles schlechtgeredet und von allen Seiten draufgehaut. Auch wir tun uns schwer, qualifizierte Mitarbeiter zu finden.“

Dabei sei die Region nördlich der Landeshauptstadt ja im Vergleich zu anderen nahezu ein gelobtes Land. „Wir haben eine fast perfekte Infrastruktur, haben Top-Firmen, die ihr Geld auch in der Region lassen. Nur der Fachkräftemangel ist eben eklatant - und das in allen Bereichen. Da braucht es endlich ein Umdenken und eine Aufwertung der Lehre.“

Ernst Grabenwarter
Ernst Grabenwarter
Jakob Traby
Jakob Traby
Marcus Stoimaier
Marcus Stoimaier
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