18.11.2019 08:00 |

„Krone“ in der Region

Kampf gegen das Sterben der Ennstaler Ortskerne

Teil zwei der „Krone“-Regionaltour vor der Wahl: Wir haben eine 98-jährige ehemalige Sennerin, einen Stadtbauern mitten in Liezen und einen Pizzabäcker besucht, bei dem die Tagesgäste ausbleiben.

Sie ist eine Ennstaler Legende und als ehemals älteste Sennerin Österreichs bis weit über die Gebietsgrenzen ihrer geliebten Bärenfeuchtenalm bekannt. Als „Sennerin“ würde sich Cilli Kerschbaumer allerdings selbst nie bezeichnen, denn bis zu ihrem 96. Lebensjahr war sie eine flotte „Prendlerin“, die in ihrem Leben viel mehr erlebt hat, als zum Schreiben Platz wäre. Ihr Mann hatte Milchkühe auf der idyllischen Alm hoch über Wörschach, nach seinem Tod im Jahr 1992 übernahm sie die Wirtschaft.

„Da oben sind die Leute anders, und man ist selbst auch anders“, lacht die 98-Jährige mit einem besonderen Funkeln in den Augen. „Ich lache gern, denn ich bin eine Frohnatur und lachen ist gesund!“ Grantig kann sie nur werden, wenn man sie auf Politik anspricht, denn mit der hat sie gar nichts am Hut: „Da will ich nicht hineingezogen werden!“

Kaltes Brunnenwasser für die Morgentoilette
Die Gäste kamen zur Cilli von nah und fern, Wanderer, Mountainbiker, alte und junge Leute. „Vor allem die jungen Leute haben sich bei mir oft das Herz ausgeschüttet, wenn sie etwa Liebeskummer und keinen anderen zum Reden hatten“, sagt die noch immer rüstige Ennstalerin.

Was das Geheimnis ihres langen Lebens ist? „Vielleicht, dass ich mich noch bis zuletzt mit kaltem Brunnenwasser vor meiner Hütte gewaschen habe“, lacht Kerschbaumer wieder. Seit kurzem lebt sie in einem Pflegeheim in Irdning, wo es ihr wunderbar geht. „Nur manchmal weint sie in der Früh, wenn sie vom Zimmer aus ihre Bärenfeuchtenalm sieht. Dann tut ihr das Herz ein bisserl weh“, sagt Cillis Sohn Fred Kerschbaumer.

Ein Vollerwerbsbauernhof, nur eine Gehminute von der Kirche entfernt
Als nächste Station unserer „Steirerkrone“-Regionaltour haben wir Liezen gewählt. In der beliebten Einkaufs- und Bezirksstadt gibt es ein besonderes Kuriosum, das Ländlichkeit und Ruhe in das Herz einer Stadt des Wachstums und der Geschäftigkeit bringt: einen Vollerwerbsbauernhof, nur eine Gehminute von der Pfarrkirche entfernt, mitten im Zentrum.

„Ich bin der letzte Landwirt, der noch da ist, die anderen sind schon weggezogen“, sagt Günter Gschwandner, der uns in die gute Stube seines Bauernhauses eingeladen hat. Sein Glück war, dass er einen Laufstall für die 20 Kühe errichten hatte können. Ein weitere Erweiterung der Landwirtschaft im Stadtgebiet wäre aber nicht möglich - aus Platzgründen.

Ein Milchautomat zur Selbstbedienung
Gschwandner war einer der ersten Bauern, der die eigene Milch aus einem Selbstbedienungsautomaten ab Hof anbot. Das war in den 1990ern. „Die Leute - vor allem junge - kommen mit ihrem eigenen Geschirr und gehen mit naturbelassener, frischer Milch wieder nach Hause.“

Problematisch sei, dass der Milchpreis in letzter Zeit stark gesunken und auch der Holzpreis im Keller sei. „Dafür haben wir jetzt eine EU-Förderung, die es früher nicht gab.“  Der Liezener Stadtbauer geht in acht Jahren in Pension, dann sei Schluss. „So rosig ist die Situation in der Landwirtschaft nämlich nicht“, sagt Gschwandner.

Rottenmanner Innenstadt kaum belebt
Wenig erfreulich ist auch die Situation für Hasan Görgün, einem Pizzeria-Inhaber in Rottenmann. Weil die Innenstadt zunehmend aussterbe und große Einkaufszentren auswärts Kundschaft abziehe, bleiben am Tag die Lokalgäste aus. „Auch das Abendgeschäft geht zurück, weil die Leute keine Lust zum Fortgehen haben“, klagt Görgün, der vor 19 Jahren von der Türkei nach Österreich gekommen ist.

Nur der Sonntag halte den Gastrobetrieb am Leben: „Hier dominiert nämlich der Lieferservice“. In die Zukunft blickt er mit Sorgenfalten auf der Stirn.

Jörg Schwaiger
Jörg Schwaiger
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