01.09.2019 10:00 |

„Krone“ vor Ort

Handy-Hölle von Sodom: Unser Müll in Afrika

Willkommen in der Handy-Hölle von Sodom! Ein Lokalaugenschein der „Krone“ in Ghana auf dem berüchtigtsten Elektroschrottplatz der Welt.

Pechschwarze Rauchwalzen rollen wie Spiralen über das verkohlte Areal und läuten das Morgengrauen ein. Der Ruß von brennenden Plastikhaufen dringt in die Lunge ein, das Atmen fällt schwer. Drückend feuchter Wind facht die giftige Glut an und macht die Endzeitstimmung komplett. Die Operation Feuerball beginnt in Accra jeden Tag bei Sonnenaufgang – und am Ende gibt es keine Sieger.

Wie in Teufels Küche
Der berüchtigtste Schrottplatz der Welt hat viele Namen: Agbogbloshie, Old Fadama oder Sikkens. Doch im Gedächtnis der Einheimischen hat sich ein anderer Begriff für die Hölle auf Erden eingebrannt, und er stammt aus der Bibel. Sie sagen: „Welcome to Sodom.“

Der Moloch in der ghanaischen Metropole ist sechsmal so groß wie die Wiener City. Umschlungen wird er von einer Lagune, die längst zur Kloake verkommen ist. Batteriesäure hat das Gewässer verseucht. Es blubbert wie in Teufels Küche.

Hier herrschen apokalyptische Zustände
Einem Bienenstock gleich schwärmen Menschen rund um die Uhr ein und aus. Doch trotz der apokalyptischen Zustände sind die Abläufe auf dieser Insel des Grauens strikt organisiert. Das unterste Glied der Kette sind die „Boys“. Sie grasen die Hauptstadt nach Elektrogeräten ab. Handys, Kühlschränke, alte Röhrenfernseher oder Videorekorder, die niemand mehr braucht: Alles wird bei den sogenannten Masters abgeliefert. Diese Zwischenhändler verteilen die Altwaren, die noch viele wertvolle Stoffe wie Kupfer oder im besten Fall Gold enthalten, an Abwracker weiter.

Zum Schluss landen die entfernten Kabel verschnürt und in Form eines bunten Geflechts, das an überdimensionale Wollknäuel erinnert, bei den „Burners“. Sie fackeln die Plastikhüllen ab und lösen das zurückbleibende Metall heraus. An der Spitze des korrupten Systems stehen „Chiefs“, nach Stammesstrukturen organisierte Häuptlinge, die den Weiterverkauf überwachen.

Der Schmelztiegel platzt seit den Neunzigern aus allen Nähten. Damals hat ein Bürgerkrieg den Norden entvölkert und eine Flüchtlingswelle verursacht. Auslöser des Konflikts war der Legende nach der Streit um ein Perlhuhn. In Wirklichkeit ging es um Landrechte in der Region nahe zur Sahelzone. Der Klimawandel lässt grüßen ...

Woher stammen die herangeschafften Geräte? Genau nachverfolgen lässt sich das kaum. Gesammelt werden sie in der Umgebung. Ein Großteil der Produkte war davor aber in Europa im Einsatz und ist im Zuge eines Teufelskreises aus Wegwerf-Wahn und Secondhand-Handel oder über illegale Kanäle auf den Schwarzen Kontinent gelangt.

Es ist Mittag in Agbogbloshie: Die Sonne brennt auf die Bretterbuden herab, die oft nur mehr durch Lackfarbe zusammengehalten werden. Es wird gehämmert, geschraubt, Glas zersplittert. Alle paar Meter löst eine Geruchswolke die andere ab. Irgendwo wird Trockenfisch verkocht, eine Ziegenherde stöbert zwischen Reifen nach Futter. Es gibt genau eine öffentliche Toilette, und die Kanäle sind allesamt mit Plastikmüll verstopft.

Nur ein Ziel: Weg von hier!
Ortskundig führt Guide Nathan beim „Krone“-Lokalaugenschein über Trampelpfade, die nach der letzten Überflutung mit Mulch aus Kokosnussschalen aufgeschüttet wurden. Wir versinken dennoch im Morast, als sich ein Bursche in einem blauen Sportdress zu erkennen gibt. Gideon ist knapp unter 20. Sein genaues Alter wolle er nicht in der Zeitung lesen, das sei Privatsache. Aber sonst ist er redselig - und vor allem auch vif.

„Überall lauern selbst ernannte Anführer und wollen abkassieren“, verrät der Student hinter vorgehaltener Hand, „sie sind extrem aggressiv.“ Der Teenager hat 13 Geschwister, sein Vater drei Frauen, und er will nur eines: weg von hier! Der Traum: Profi-Fußballer werden und als Außenstürmer bei einem Verein erfolgreich sein. Gideons zweites Hobby ist die Malerei. Er zeichnet abstrakte Bilder und prangert darin soziale Missstände an.

Slum als Lebensraum für 150.000 Menschen
Trotz der tristen Umstände wäre es unfair, diesen Platz völlig zu verdammen. Sodom ist ein Krake, der alles in sich verschlingt. Aber dieses Ungetüm schafft auch Arbeitsplätze, und der Slum rundherum ist Lebensraum für rund 150.000 Menschen. Auf dem Markt wird der afrikanische Alltag gelebt. Händler verkaufen Yamswurzeln und Aschantinüsse. Eine Frau jongliert mit Kartons mit Hühnereiern auf dem Kopf um einen Lautsprecher, aus dem Dancehall-Musik dröhnt, die örtliche Variante des Reggaes. Kinder führen ihre Schuluniformen aus. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit in der Dritten Welt.

Zwei Gesichter stehen sinnbildlich für den erhofften Aufbruch. Das erste stammt interessanterweise aus Gmunden. Markus Spitzbart (52) ist zweifacher Familienvater und lebt seit 2017 in Accra. Seine Biografie liest sich wie ein Abenteuerroman: Boku-Studium, dann Übersiedlung nach Brasilien, wo er in einer Favela lebte und für Horizont 3000 ein Biomüll-Projekt etablierte. Er leitete das Demontage- und Recycling-Zentrum in Wien und hielt Vorträge zum Thema in Kambodscha und Tansania.

Jetzt ist der Oberösterreicher für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit im Einsatz. Er leitet das bilaterale Elektroschrott-Projekt. Mit deutscher Gründlichkeit konnte eine Vorzeigeinitiative für Entwicklungshilfe umgesetzt werden. Im GIZ-Komplex wurden u. a. eine ambulante Klinik und ein Fußballplatz errichtet. Aber viel wichtiger: Man setzt auf nachhaltige Veränderung der gesundheits- und umweltschädlichen Abläufe. „Wir arbeiten mit Anreizsystemen, damit die Menschen ihr Verhalten von sich aus ändern“, erläutert Spitzbart.

Wenn der Experte davon spricht, „Fraktionen aus dem informellen Sektor herauszulösen“, heißt das in der Praxis einfach: Man bietet den Sammlern einen Preis für Kabel an, der es für sie attraktiv macht, diese nicht abzufackeln. Vielmehr wird das Material getrennt und Wiederverwertungseinrichtungen zugeführt. Pro Monat werden so schon sechs Tonnen Material aus dem Verkehr gezogen.

„City of God“
In seiner Kapelle entzündet Pater Subash indes eine Kerze. Der Geistliche hat für den Orden Missionare der Nächstenliebe – und unterstützt durch die Caritas – eine Enklave des Friedens in den Ruinen geschaffen. „City of God“ nennt sich dieser Hort. Hier wird ein Kindergarten betrieben, es gibt Nähkurse. Ein Tropfen auf den heißen Stein? Vielleicht. Der Inder hat die Seelsorge aber zu seiner Lebensaufgabe gemacht: „Ich will den Menschen etwas zurückgeben.“ Dann schreitet er in der ärgsten Nachmittagshitze zum Gebet.

Veränderungen vor Ort
Szenenwechsel innerhalb von Accra, und der Kontrast könnte größer kaum sein. Die Klimaanlage surrt, alles ist picobello sortiert im Büro im 3. Stock des Umweltministeriums. Doch die Aircondition hat auch ihre Tücken. Kabinettschefin Levina Owusu zieht kurz am Nasenspray und wickelt sich ein Seidentuch um den Hals, ehe sie zum Interview empfängt. Doch Verkühlung hin oder her. Die Spitzenbeamtin nimmt sich kein Blatt vor den Mund, wenn es um ihre Themen geht. Die Regierung habe die Probleme erkannt. Ein möglicher Plan, mit dem Bulldozer einzurücken, sei mittlerweile eingefroren. Niemand wolle einen Aufstand. Vielmehr gelte es, vor Ort Veränderungen herbeizuführen.

Ihr Ziel: ein Entsorgungssystem wie in der EU, bei dem die Hersteller durch eine Abgabe am Ende auch für das Recycling zahlen. Eine Herkulesaufgabe, aber notwendige Gesetze seien verabschiedet. Und tatsächlich gilt Ghana in Afrika als Pionier, wenn es um Elektroschrott geht. Das Thema Klimawandel nimmt Owusu persönlich: „Wir sehen die Folgen. Dürre und Flut im Norden verursachen Fluchtbewegungen. Das wollen wir unterbinden.“

Ein tropisches Paradies auf Erden wird Sodom so bald nicht mehr. Aber die ersten Weichen für eine Exit-Strategie sind gestellt. Nun, zwischen den Regenzeiten, keimt in Accra wieder Hoffnung auf, dass vielleicht auch die Probleme des Landes mit dem Monsun hinweggespült werden.

Pünktlich zur kurzen Abenddämmerung in Äquatornähe ist endlich wieder einmal ein Reiher im Sumpfgebiet gelandet - auf einer Insel aus Plastikmüll.

Gregor Brandl, Kronen Zeitung

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