05.07.2019 06:00 |

Mächtige Milizen

Nordirak: Die „Krone“ im Reich der Kommandanten

Seit dem militärischen Erfolg über den IS ist der Nordirak zersplittert. Zahlreiche Milizen kontrollieren das Land. Von ihrer Laune hängt ein Vorwärtskommen ab. Ein teures Spiel.

Der Weg von Mossul (siehe dazu auch den ersten und zweiten Teil der Irak-Reportage der „Krone“) nach Kirkuk führt über Tikrit. Ein Umweg von vier Stunden. Die direkte Straßenverbindung ist zu unsicher. Wir stoppen in einem der zahlreichen Miliz-Camps. Man bietet Tee und Gebäck und ein sauberes WC. Der Kommandant erzählt, sie seien Teil der irakischen Armee. „Wir alle kommen hier aus der Gegend. Wir wissen, wer beim IS war und wer nicht.“ Die Regierung ist auf sie angewiesen.

An der Wand des WC-Containers steht UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Wenige Meter daneben steht ein Stromgenerator von der UNHCR, der UN-Flüchtlingshilfe. Das Foto, heimlich geknipst. Was die Hilfsgüter in einem Miliz-Camp zu suchen haben? Willkommen im Reich der Kommandanten.

Die Milizen sind Fluch und Segen
Ihr Reich ist oft klein. Sechs Meter breit, doppelt so lang. Über eine zweispurige Straße. Ein kleines Kabuff, daneben steht ein Pick-up mit aufmontiertem Maschinengewehr. Je nachdem, welche Miliz gerade im Gebiet vorherrscht, kontrolliert sie den Checkpoint. Von der Laune des Befehlshabers ist ein Weiterkommen abhängig. Denn auf diesem Flecken Erde ist der Kommandant Gott.

Wir kommen zu einem Checkpoint, auf halbem Weg zwischen Tikrit und Kirkuk. Der Kommandant hier hat schlechte Laune. Die Schulterklappen verraten den Rang eines Majors. Welche Miliz? Warum ich das wissen wolle, schnauzt er und blickt in den österreichischen Reisepass. Über das irakische Visum blättert er drüber, sieht eine leere Seite: „Da fehlt etwas. Sie können nicht weiter.“ Ich blättere nach vor, zeige das Visum und die Durchfahrtsberechtigung. Er blättert wieder auf die leere Seite. „Hier fehlt etwas!“

Weiterfahrt erst nach 50-Dollar-„Spende“ möglich
Der Ton wird lauter, ungeduldiger. Als ein 50-Dollar-Schein in der leeren Seite des österreichischen Reisepasses liegt, ist plötzlich alles in Ordnung. Der Kommandant lächelt, wünscht eine gute Fahrt. Alltag bei den quer über den ganzen Irak verteilten Checkpoints. Und insbesondere in den ehemaligen IS-Gebieten. Gefühlt alle hundert Meter hat eine andere Miliz das Sagen. Sie sind Segen und Fluch zugleich.

Im Kampf gegen den IS rief der irakisch-schiitische Ayatollah Al-Sistani 2014 alle jungen Schiiten zu den Waffen. Tausende meldeten sich. Allerdings nicht für die reguläre Armee, sondern für die sogenannten Volksmobilisierungseinheiten. Und diese wurden großteils von den iranischen Revolutionsgarden ausgebildet und finanziert.

Muqtada al-Sadrs Einfluss ist immens
Als größte Gruppierung gelten die al-Badr-Milizen und jene von Muqtada al-Sadr. Ein irakischer Nationalist, der letztes Jahr die Parlamentswahlen gewann. Regieren überlässt er anderen, aber sein Einfluss ist immens.

Die Milizen kontrollieren beispielweise die Baiji-Raffinerie, die größte des Irak. Ja, die Milizen waren wichtig im Kampf gegen den IS.

Video: Irak erklärt Sieg über IS im befreiten Mossul

Aber Teile der Badr-Milizen haben nach den Rückeroberungen der IS-Gebiete unfassbare Gräuel in der sunnitischen Bevölkerung durchgeführt. Al-Sadr und Co. teilen das Land unter sich auf.

Clemens Zavarsky, Kronen Zeitung

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