08.07.2019 07:00 |

„Krone“-Interview

Katie Melua: „Österreicher haben mehr Gefühl“

Als ihr Debütalbum „Call Off The Search“ 2003 Doppelplatin einheimste, in England auf Platz eins ging und sie zum Weltstar machte, war Katie Melua gerade 19 Jahre jung. Eineinhalb Dekaden später gehört sie zu den profiliertesten Stimmen im breit gefassten Jazz- und Folk-Kosmos. Dass es nicht immer leicht war, am Boden zu bleiben und wie sehr ihre Heimat Georgien sie bis heute prägt, das erzählte sie uns im ausgiebigen Gespräch.

„Krone“: Katie, bis zu deinem Auftritt im November 2018 warst du fünf lange Jahre nicht mehr in Wien, obwohl du davor Stammgast warst. Gibt es zwischen dir und Wien eine besondere Beziehung?
Katie Melua:
Eine meiner allerältesten und besten Freundinnen lebt in Wien. Wir haben als Kinder Tür an Tür gewohnt, im Schlamm gespielt, Konzerte besucht, Taschengeld verdient, wie wir vor unseren Eltern gesungen haben, sind auf Bäume gekraxelt und waren wirklich täglich zusammen, bevor ich nach Georgien zog. Vor etwa 20 Jahren zog sie nach Wien und unser Leben hat sehr unterschiedliche Richtungen genommen. Sie hat an der Uni Politik studiert und ist mittlerweile zweifache Mutter. Ich hatte einen freien Tag in Bregenz und sie kam mich mit dem Zug besuchen - wir hatten eine sehr tolle Zeit. Sie hat mir wirklich viel von Wien gezeigt. Wir besuchen etwa immer einen brillanten kubanischen Klub, wo wir schon oft Party gemacht haben oder waren im MuseumsQuartier unterwegs.

Nun spielst du bei der „Klassik am Dom“-Reihe vor der Linzer Domkirche erneut bei uns. Ist die österreichische Musikgeschichte mit all ihren großen Komponisten eine Inspirationsquelle für dich selbst?
Wenn ein Land eine so große Musikkultur hat wie Österreich, dann spiegelt sich das auch in der Öffentlichkeit wider. Es ist so einfach sich zu beschweren, dass das Mainstreampublikum keine Ahnung von guter Musik hat - zumindest in England ist das so. Die Österreicher haben da wohl mehr Gefühl dafür. Mein Bassist und mein Bruder, der wiederum Gitarrist in meiner Band ist, haben die Bücher von Arnold Schönberg studiert und haben auch sein Geburtshaus besucht. Für mich ist es eine großartige Sache, dass die Leute meine Musik mögen. Ich bin darüber sehr begeistert.

In Linz wirst du vor einer großen Kirche spielen - bereitet man sich auf so einzigartige Gigs anders vor, als wenn man in normalen Hallen oder Arenen spielt?
Es ist alles etwas anderes. Die letzte Tour beinhaltete den 16-köpfigen georgischen „Gori Women’s Choir“ und wir haben Band-, als auch Chorsongs im Repertoire. Wir zelebrierten damit den Winter, im Sommer wäre das mit dem Chor nicht möglich. Mit der Band kreieren wir hingegen eine Art Sommermenü und auch die Songs werden eine spezielle Atmosphäre haben. Zudem spielen wir im Freien, was der Musik eine ganz andere Energie gibt. Wir haben wirklich hart an dieser Chor-Show gearbeitet und uns stark darauf konzentriert, dass wir auch nach neun Wochen Tour jeden Abend Frische verspüren und versprühen.

Was sind die größten Schwierigkeiten, wenn du mit einer so großen Mannschaft wie dem Chor auf Tour bist?
Die Frauen im Chor sind grandios und so dankbar, das machen zu dürfen. In Georgien sind sie Legenden und ich habe von ihnen mit Sicherheit mehr gelernt, als sie es von mir jemals könnten. Sie haben jetzt die Chance, ganz Europa zu sehen. Wir hatten einen freien Tag in Amsterdam und ein Chormitglied gab mir eine Riesenumarmung und bedankte sich, weil sie die Möglichkeit bekam, Van-Gogh-Werke zu sehen, die sie als Hobbyzeichnerin in Georgien in der Universität nachzeichnete und auf ihrem Smartphone hat. Das sind bewegende Momente und sie hat auch den „Kuss“ von Klimt gesehen. Für mich ist es wohl am Härtesten, mit allen genug Zeit zu verbringen, denn insgesamt sind wir eine 38-Personen-Crew. Das ist schon ordentlich viel. Ich liebe die soziale Seite des Tourens und die gemeinsamen Höhepunkte nach einer Show.

Ist diese Art des Tourens auch wieder erfrischend für dich? Du hast ja doch schon sehr viele Erfahrungen damit gemacht und eine gewisse Routine daraus gewonnen.
Ich ziehe so viele Inspirationen daraus. Ich bin seit meinem 19. Lebensjahr unterwegs und ich würde lügen, wenn ich nicht schon oft keine Lust darauf gehabt hätte. Ich musste mir selbst immer wieder mal einen Stoß geben, um zu verstehen, dass ich etwas ganz Spezielles erfahre und erlebe. Das muss man einfach fühlen. Mit diesen Frauen zu arbeiten und zu sehen, wie detailliert und aufmerksam sie arbeiten, hat mir wieder vor Augen geführt, was wirklich wichtig ist. Viele Künstler sind sehr jung und ganz alleine sehr weit gekommen - ich habe großen Respekt davor. Meine Geschichte ist etwas anders. Ich hatte am Anfang einen sehr ambitionierten Kollaborateur, der in seinen 50ern war und nach dem kommerziellen Erfolg suchte. Es passierte, aber es war dennoch wirklich harte Arbeit, die viele Verrücktheiten nach sich zog. Irgendwann wirst du das alles gewohnt und heute sind meine größten Herausforderungen, mich daran zurückzuerinnern, wie früh ich diesen großen Erfolg hatte und mir vor Augen zu führen, was er eigentlich bedeutet. Es ist nicht immer einfach, in der schieren Wucht des Erfolgs die Liebe zur Musik, die Motivation und die Frische nicht zu verlieren.

Es gab ein Interview, in welchem du zugegeben hast, in einer bestimmten Phase deines Lebens ziemlich arrogant und biestig gewesen zu sein. Wie hast du diese Zeit überstanden?
Wenn du 19 bist und plötzlich in den britischen Charts ein Nummer-eins-Album hast und mit 21 schon sechs Millionen Alben verkauft hast, ist das nicht so einfach zu verarbeiten. Es gibt viel Politik im Team, es geht um Führungsansprüche und daraus resultieren Probleme. Ich war einfach ein Kind und wollte das Team führen, aber es war einfach zu früh. Ich war damals auch in kreativer Hinsicht sehr schnell frustriert und dann kommen solche negativen Charakteristika zum Vorschein. Der Erfolg machte mich auch glauben, ich wäre unbesiegbar. So wurde ich arrogant. Du wirst süchtig nach Erfolg und süchtig danach, Geld zu verdienen und dann wird es sehr gefährlich.

Heute hast du einen wesentlich ruhigeren Zugang zum gesamten Musikbusiness?
Ich habe ein neues Team, einen tollen neuen Manager und sie priorisieren in erster Linie mich und meine Kreativität, was mir früher oft fehlte. Vom finanziellen Standpunkt aus geht es auch darum, etwas mit Bestand zu erschaffen und mehr auf Sicherheit zu geben. Es ist mir nicht möglich, ein Album aufzunehmen, es zu bewerben, zu veröffentlichen, ewig damit zu touren und dann wieder von vorne zu beginnen. Das tut weder Herz, noch Seele gut und heute nehmen wir uns ausreichend Zeit für alle Schritte.

Gibt es einen bestimmten Rat, den du mit dem Wissen von heute deinem 19-jährigen Selbst geben würdest?
Ich habe unlängst den Film „Colette“ mit Keira Knightley gesehen und am Ende des Films gibt es einen Untertitel, in dem steht: „Ich hatte das außergewöhnlichste Leben. Ich wünschte nur, ich hätte das früher gesehen“. Das trifft ziemlich genau auf mich zu. Sorge dich nicht so um Dinge, die passieren, sondern genieße das Leben einfach.

Unlängst hast du mit der „Ultimate Collection“ deine erste Best-Of veröffentlicht, auf der deine eigenen Songs, als auch Nummern deiner Favoriten gecovert zu hören sind. War es nach 15 Jahren Karriere wirklich schon Zeit, eine erste Retrospektive zu wagen?
Meine Plattenfirma hat mich schon vor einigen Jahren danach gefragt, aber es fühlte sich nicht richtig an. Seit ich das Album „In Winter“ gemacht habe, hat sich in mir aber einiges verändert. Nun schaue ich auf meine Frühwerke zurück, als wären sie von einer ganz anderen Person. Ich fühle heute den Stolz, dass ich in dem jungen Alter mit so vielen großartigen Künstlern schon so viel Erfolg haben durfte. Ich sehe meine Frühwerke heute mit wesentlich weniger Emotionen, denn es ist allgemein schwierig, über sich selbst in der Vergangenheit zu richten. Man braucht zeitlichen Abstand.

Du bist auch bekannt als passiver Musiknerd, der sich stundenlang über seine Lieblingskünstler und Lieblingsalben unterhalten kann. Gab es in deinem frühen Leben eigentlich einen speziellen Moment, der dich so tief in die Musik zog, dass du nie mehr wieder von dort rausgekommen bist?
Dass die Musik meine Gedanken und mein Herz bestimmt hat, war ehrlich gesagt wirklich immer der Fall. Die Kraft war so groß, dass ich immer hin und weg war. Der Umzug nach Großbritannien war aber entscheidend, denn dort war eine Karriere realistisch. In den 90er-Jahren war Georgien am Boden und du hättest dir dort nicht einmal irgendeine Karriere ausmalen können. Speziell als Frau konntest du eigentlich nur im Haushalt arbeiten. In England war mir klar, dass ich einen Job kriegen könnte und dass von dort die Beatles, Led Zeppelin und Queen kommen. Es war ein verrückter Gedanke, aber es hat funktioniert. (lacht)

Hast du deine Vorbildrolle für die Frauenwelt in Georgien in deiner Karriere auch richtig realisiert? Welche Botschaft und Kraft du für ein ganzes Volk ausstrahlst?
Ich weiß was du meinst, aber wenn ich mir die Frauen in Georgien so ansehe, sind sie wesentlich größere Vorbilder für mich. Sie sind sehr stark. Die stärksten Frauen, die ich kenne. Sie scheinen ihre Femininität richtig einschätzen und die Kräfte zur richtigen Zeit einsetzen zu können. Das ist sehr inspirierend.

Wenn man sich deine Schritte in deiner musikalischen Karriere so ansieht, warst du immer auf der Suche nach deinen georgischen Wurzeln und bist immer wieder dorthin zurückgegangen.
Jedes Mal, wenn ich dort bin, bin ich aufgeregt wie ein Kind und jedes Mal, wenn ich wieder fortgehe, weine ich im Flugzeug. Wenn ich dort im Schwarzen Meer schwimme, auf Bäume klettere oder die Zwetschken vom Baum pflücke und meine ganze Familie dort besuche oder die Sprache fühle, fühle ich mich wohl. Ich werde garantiert immer wieder zurückkommen.

Wo ist nun dein Zuhause und wie definiert es sich? Hat es noch zwingend mit Geografie zu tun?
Ich würde schon London als meine Heimat bezeichnen. Es geht aber eigentlich mehr um die Gefühle und Erinnerungen. Man fühlt sich immer dann wo zuhause, wenn man von daheim weg ist. Seit ich 19 bin, bin ich durch ganz Europa und die USA gereist und sogar davor, als wir Georgien verließen, habe ich dieses Land so schätzen gelernt. Wenn ich auf Tour bin wie jetzt, vermisse ich aber auch London, meine Eltern, meinen Ehemann und meinen kleinen Bruder. Es gibt verschiedene Arten von Zuhause, aber ich brauche beide Seiten der Münze. Sonst würde es langweilig werden.

Fürchtest du als britische Musikerin die Auswirkungen und Entscheidungen des Brexit?
Es herrscht ein komplettes Chaos, wie in einem großen Dschungel. Angst habe ich keine, weil ich immer an das Gute in den Menschen glaube. Der Gemeinschaftsgedanke wird am Ende gewinnen. Die Leute werden herausfinden, was passiert, man kann es nicht vorhersagen. Die europäischen Länder und England sind sich sehr nahe. Es herrscht sehr viel Bürokratie und dort wird gerade viel getrennt, aber unter den Menschen selbst liebt doch jeder jeden. Daran glaube ich fest.

Ist es dir in harten und unruhigen Zeiten wie diesen dann umso wichtiger, mit deiner Musik Momente der Freude oder des Trostes zu spenden?
Das ist für mich allgemein der Sinn der Musik. Ich mache die Musik nicht, um mich auszudrücken oder meinen Schmerz zu teilen, sondern eher deshalb, damit ich eine Art von Schmerz abschütteln kann - falls das so Sinn macht. Ich will es auch gar nicht Eskapismus nennen, denn wenn du genau schaust, siehst du sehr viel Schönheit und Großzügigkeit auf dieser Welt. Genau das will ich auch mit der Musik vermitteln.

Du bist bekanntermaßen ein großer Queen-Fan - was hältst du vom Biopic „Bohemian Rhapsody“?
Ich habe den Film unglücklicherweise noch nicht gesehen. Als er rauskam, war ich noch auf Tour, da muss ich noch etwas warten. Dass Malek die Rolle sensationell spielt, habe ich aber schon vernommen.

Wer sollte dich in einem Biopic spielen, wenn die Zeit reif ist?
Gutes Stichwort - ich bin mir sicher, ich sollte noch einige Zeit altern, bis es wirklich soweit ist. Wenn ein Film über dich gemacht wird, musst du dir das wirklich verdienen. Ich kann es dir nicht sagen, aber würdest du mich fragen, wer meine liebsten Schauspieler sind, würde ich in erster Linie Cate Blanchett nennen. Als sie Bob Dylan spielte… das war einfach nur großartig. Ich glaube ja, dass diese Frage ein bisschen eine Falle ist, in der du mir entlocken möchtest, wie groß mein Ego ist. (lacht)

Wie sieht es eigentlich mit einem neuen Studioalbum aus. „In Winter“ liegt mittlerweile auch schon weit über zwei Jahre zurück.
2019 sollte sich das ausgehen. Ich versuche jeden Tag zu schreiben und bin sehr aktiv. Ein Album zu schreiben sollte eigentlich ähnlich verlaufen wie ein Film. Zuerst gibt es das Skript, denn kriegst du die Schauspieler und das Team und dann geht es los. Das ist bei der Musik heute nicht mehr ganz anders. Derzeit schreibe ich einfach über alles, was so passiert und ich habe ein paar Ideen, wie das Ergebnis aussehen könnte, aber es ist alles noch so unkonkret, dass es dumm von mir wäre, jetzt etwas Genaueres zu sagen.

Ist es dir ein besonderes Anliegen, zeitlose Musik zu kreieren?
Definitiv. Das ist eine der wichtigsten Dinge für mich und genau diese Art von Musik bewegt mich. Meine Arbeit hängt immer noch mit Popballaden zusammen und das klingt in erster Linie nicht nach Hochkultur und Zeitlosigkeit, aber es ist auf jeden Fall möglich. Ich will das auf jeden Fall beweisen.

Live in Linz
Im Zuge der „Klassik am Dom“-Reihe spielt Katie Melua am 12. Juli am Linzer Domplatz. Letzte Karten gibt es noch unter www.oeticket.com. 

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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