03.07.2019 07:00 |

„Krone“-Interview

Chilly Gonzales: Zu 100 Prozent im Team Wien

Jason Beck studiert Jazz-Piano in Montreal, findet aber relativ schnell in die magische Welt von Pop- und Rapmusik. Als Chilly Gonzales fand er 2004 mit „Solo Piano“ wieder zum Jazz zurück und begründete für den gebürtigen Kanadier eine erfolgreiche Karriere, die vor allem in Europa ihre Früchte abwirft. Im Zuge seiner FM4-Radiosession trafen wir den 47-Jährigen zum launigen Gespräch, in dem es durchaus auch um Politik, die Zukunft der klassischen Musik und österreichische Rapper ging.

„Krone“: Chilly, in deinem Film „Shut Up And Play The Piano“ sagst du den Satz „Wer dich liebt, sollte dich auch hassen“. Reflektiert dieses Zitat deine Persönlichkeit auf die authentischste Art und Weise?
Chilly Gonzales:
Als ich dieses Zitat rund um das Jahr 2000 sagte, war es wohl weniger provokativ gemeint, als es heute klingt. Ich habe von den Rappern schon damals gelernt, dass man sich als Künstler nicht immer im schmeichelhaften Licht präsentieren, sondern auch das innere Monster rauslassen und problematische Teile von sich selbst zeigen sollte. Menschen wie David Bowie, Prince und viele Rapper machen das. Ich habe mich oft als Super-Bösewicht inszeniert, aber damit wollte ich den Menschen einfach zeigen, wie wir alle ticken - mit allen Widersprüchen und Komplikationen. Wenn du die dunkleren Seiten deines Selbst mit der Öffentlichkeit teilst, kommt auch positives Feedback zurück. Du verwendest etwas Negatives und verwandelst es in gute Energie, weil sich die Leute dir näher fühlen. Ich bin sehr vorsichtig, was ich mit der Öffentlichkeit teile. Die meisten wollen sich nur gut darstellen, um als Held oder Opfer gesehen zu werden. Als Künstler hast du aber auch die Verantwortung, die andere Seite zu zeigen, die jeder in sich trägt. Man kann sich nur mit jemanden identifizieren, der dieselben Mängel und Fehler hat wie du selbst.

Lässt du dein extrovertiertes Selbst auf der Bühne raus, weil du abseits davon eher introvertiert bist?
Bestehst du aus zwei verschiedenen Persönlichkeiten? Wahrscheinlich nicht. Natürlich bist du in einer Interviewsituation anders, als mit deiner Freundin, deinen Kindern oder deinen Eltern. Wir beide kennen uns nicht und genießen das Gefühl einer Performance, die wir beide verspüren und ausüben. Aber deshalb bist du dennoch derselbe. Es ist so, wie wenn Wasser verdampft - es ist immer noch Wasser, aber hat sich verwandelt. So ist das auch, wenn ich auf die Bühne gehe.

Bist du süchtig nach Applaus und Anerkennung seitens des Publikums?
In den früheren Tagen gab es Momente, wo der Applaus für mich so wichtig war wie Essen für einen Hungernden. Mittlerweile ist es nicht mehr ganz so arg, auch wenn ich es immer noch schätze. Der Applaus ist für mich kein Ersatz mehr für persönliche Beziehungen, was anfangs wahrscheinlich schon mein Gedanke war. Ich hatte das Gefühl, dass der Applaus ausreichen würde, um mich erfolgreich durchs Leben zu tragen. Es war ein Lernprozess zu sehen, dass es nicht so ist. Aber jeder liebt den Applaus und bei der FM4-Session letztens haben mir 200 Leute applaudiert. Das bedeutet, dass sie glücklich sind und das ist doch für alle schön.

Und es gab eine Menge Humor, der für dich ja schon gewohnt ist. Wie wichtig sind Humor und vor allem Selbstironie, die viele Künstler überhaupt nicht in sich tragen?
Ironie ist wichtig und der Humor ist bei mir ehrlich. Ich habe einen jüdischen Background und Humor war immer schon eine Art, mich gegen den Tod und all die schweren Dinge, die da mitschwingen, zu verteidigen. Die meisten großen Comedians in den USA sind entweder schwarz, schwul, jüdisch oder Frauen. Das hat einen Grund, denn sie alle haben es nicht so leicht und müssen sich eine Verteidigungsmaßnahme überlegen, die der Humor ist. Wenn jemand lacht, ist man offen, denn das kann man nicht fälschen. Wenn du jemandem zum Lachen bringst, öffnest du ihn und die Musik wird dadurch kraftvoller. Humor unterstützt die Musik schon seit jeher. Ich bin ein Musiker, der lustig sein kann und kein Comedian, der zufällig Musik spielt - das ist wichtig. Ich habe realisiert, dass ich sehr viel ehrliches Feedback bekam, denn wenn die Leute nicht lachen, muss ich härter arbeiten und andere Wege finden. Applaus können die Menschen aus Höflichkeit fälschen, nicht aber das herzhafte Lachen.

„Der Zeit“ hast du ein Interview gegeben, in dem du sagtest, dass das Piano dich durch die harten Zeiten in Kanada trug, als es auch familiär nicht immer rund lief. Hat sich die Beziehung zu diesem Instrument über die Jahre verändert oder gar verstärkt?
Ich sehe mich in einer Beziehung mit Musik und das Piano ermöglicht mir diese Beziehung. Musik ist meine Leidenschaft und Profession. Ich spiele auch andere Instrumente in Jamsessions mit Freunden und dann merke ich immer, dass ich kein Pianist bin, sondern ein Musiker, der Piano spielt. Ich habe keine fetischistische Beziehung zum Piano und denke auch wenig darüber nach. Es war einfach mein ganzes Leben lang da, mein künstlerischer Output und meine ganze Karriere basieren darauf, aber es ist im Endeffekt mein Werkzeug. Ich spiele verschiedene und kann daher keine so spezielle Beziehung ausbauen. Ein neues Piano bringt immer etwas Neues in mir hervor, aber B.B. King war seiner Gitarre sicher näher als ich meinem Piano. Er hat seiner Gitarre einen Namen gegeben, das ist bei mir nicht der Fall.

Du bist auch niemand, der zum Komponieren die totale Einsamkeit braucht. Bei dir passiert immer wieder mal etwas auf Tour oder mit anderen Musikern.
Es gibt Leute, die müssen Kerzen anzünden, sich Bilder ihrer wichtigsten Inspirationsquellen ansehen und eine Art von Ehrwürdigkeit verspüren, aber dazu zähle ich nicht. Für mich ist das Komponieren wie Essen, Schlafen oder auf die Toilette rennen. An manchen Tagen läuft es besser, an anderen nicht. Ich mache es einfach täglich und über die Zeit merkst du, was hilfreich ist.

Bevor du zum Jazz-Pianisten mutiert bist, warst du bekanntermaßen Rapper. Siehst du deine musikalische Karriere in verschiedene Kapitel aufgeteilt, oder ist all das Unterschiedliche eine große, zusammenlaufende Geschichte?
Oh Gott, es ist einfach das Ergebnis aus täglichen, mikroskopischen Entscheidungen. Ich hatte nie einen Masterplan und wusste nie, wo mich all das hinbringen würde. Manchmal trifft man Leute, die einen woanders hinführen oder man sitzt im Studio und experimentiert plötzlich mit elektronischer Musik oder man hast plötzlich ein Streicherquartett vor einem und will ein Album für das Quartett schreiben. Diese Arbeit ist viel spontaner und unmittelbarer als die meisten wohl glauben. Mein Freund Thomas Bangalter von Daft Punk, der am Konservatorium Gastlehrer war, sagte zu den Studenten immer: „Die Leute bewundern uns immer dafür, dass wir die Regeln brechen und etwas revolutionieren. Die Wahrheit ist aber, dass wir meist zu schlecht für etwas waren, das wir nachahmen wollten. Wir waren verängstigt und unsicher und deshalb spielten wir nie live. Wir haben uns die Masken aufgesetzt, weil wir uns vor der Öffentlichkeit fürchteten - da war nie ein ausgeklügelter Masterplan dahinter.“ Jeder Tag war eine Herausforderung für sie und jeder von uns trifft tausende von Entscheidungen, die dann zufällig zu einer Karriere führen. Es geht viel um Zufälle. Als ich 2004 „Solo Piano“ aufnahm, war das ein reiner Zufall. Ich hatte eine harte Zeit, das Piano stand herum und ich setzte mich hin und spielte. Ich arbeitete an einem Projekt, das ich nicht mochte und plötzlich entstand daraus dieses Album. Wäre ich irgendwo anders gewesen, hätte ich das Album nie gemacht. Es ist ziemlich erschreckend, wenn man das so reflektiert. Es geht immer um Zufälle und Entscheidungen.

Letztes Jahr hast du „Solo Piano III“ rausgebracht und damit einen Kreis für dich geschlossen. Warum bist du glücklich darüber, dass es mit diesem Zirkel nun vorbei ist?
Bis zwei Monate vor der Veröffentlichung wusste ich noch gar nicht, dass es das letzte Album dieses Zirkels sein würde. Das war irgendwann im Sommer 2018. Ich habe die Biografie des Albums geschrieben, weil ich fast immer selbst meine Texte schreibe. Es floss quasi aus meiner Feder heraus und während ich mir meinen Pressetext schrieb, merkte ich, dass es damit vorbei war. Das war wieder ein Zufall. In meiner Doku sagt Jarvis Cocker: „Ein Künstler ist ein Mensch, der sich selbst kennenlernt, indem er bestimmte Dinge tut“. Das ist die beste Definition dafür. Ich habe mich selbst überrascht, als ich die Phrase „es ist das Ende der Trilogie“ schrieb und als ich später zurückblickte, merkte ich, dass es stimmt. Es gibt aber keine Regeln und wenn ich die Lust verspüre, kann ich schon nächste Woche „Solo Piano IV“ schreiben. Jetzt ist es für mich vorbei, das passt. Mein erster Gedanke war, dass es auch vom „Paten“ keinen vierten Teil gibt und die meisten erfolgreichen Filme nach drei Teilen enden. Die Regel der drei, sie bestätigt sich immer wieder. Für mein Team war die Entscheidung auch okay. Wenn es nach Masterplan klingt, dann war es zumindest unbewusst, aber es fühlt sich gut und richtig an. Ich musste und wollte nicht damit aufhören, aber es passierte einfach so.

Du hast mit großen Künstlern wie Daft Punk, Feist, Peaches und vielen anderen gearbeitet. Was ist entscheidend für eine Kooperation? Geht es um die Persönlichkeit? Um die Musik? Darum, dass du von einer Zusammenarbeit dazulernst?
Ich will einfach das Gefühl haben, nützlich zu sein. Ich mag es zu wissen, was die andere Person fühlt, wenn sie etwas von mir erwartet. Ich mag nicht einfach nur zusammenarbeiten und dann überlegen, was wir jetzt tun sollen. Das muss schon etwas vorgeplant sein und man muss sich auf den anderen einstellen. Wenn jemand einen Text von mir will, mache ich klar, dass es Leute gibt, die meine Rap-Lyrics mögen, ich das aber nicht professionell mache. Es ist nicht meine Hauptaufgabe. Ich finde immer Wege Wörter so zu verwenden, wie ich es mag, aber eigentlich bin ich der „worst MC“. Oder bei euch Wienern vielleicht der „Wurst-MC“. (lacht) Peaches, Feist oder Jarvis Cocker zählen aber auch zu meiner musikalischen Familie, weil wir alle sehr gut befreundet sind. Wir sehen uns auch außerhalb der Arbeit recht oft und das ist der Unterschied zu anderen Kooperationen. Wir geben uns gegenseitig Ratschläge, machen zusammen Musik oder auch nicht. Mit Daft Punk ist das wiederum etwas anders, weil ich dann durch Zufall für ein paar Tage in der Major League der Elektronik lande. Dort fokussiere ich mich natürlich viel stärker auf meine Rolle im Studio. Mit meinen Freunden ist all das verschwommener, weil wir als Freunde anders miteinander umgehen. Wir reden über Unsicherheiten und verstärken unsere Ideen oder Meinungen. Ich facetime mit vielen Menschen und spiele ihnen meine Ideen vor, bevor ich sie aufnehme. Das ganze Jahr, als ich „Solo Piano III“ schrieb, war ich in Kontakt mit meinem Produzenten, Leslie Feist und meinen Filmdirektoren. Es ist mir wichtig, was andere Musiker und Branchenkollegen denken, denn es kann sein, dass ich etwas total Falsches mache und dann können mich andere warnen. Es öffnet dir die Augen, wenn andere Meinungen kommen. Auf „Solo Piano II“ habe ich etwa viel zu viele langsame Songs geschrieben und ein befreundeter Violinist sagte mir, dass er bei Konzerten am liebsten immer mit seinen Fingern knacken würde, weil es so fad war. Das war hartes, aber ehrliches und hilfreiches Feedback, denn in den nächsten Wochen habe ich herausgefunden, wie ich das Set spannender gestalte. Ich gebe anderen Ratschläge genauso weiter, wie ich sie gerne bekomme. Wenn ich mit den ganz Großen zusammenarbeite, dann höre ich am ersten Tag einmal nur zu, weil ich nicht das Gefühl verbreiten möchte, ihre Zeit zu verschwenden. Ich will genau wissen, was sie von mir wollen und deshalb bin ich aufmerksam. Bei Daft Punk oder Drake ist das etwa so der Fall.

Als du vor rund 15 Jahren die Entscheidung getroffen hast, das Rappen sein zu lassen und dich dem Piano und dem Jazz zu widmen, war noch nicht vorhersehbar, dass Rap einmal den ganzen US-Markt dominieren würde. Hattest du dadurch schon mal eine Phase, wo du bereut hast, nicht weiterhin im Rap-Segment weitergemacht zu haben?
Nein, niemals. Die Songs, die ich bei der FM4-Session gespielt habe, sind alle zwischen sieben und zehn Jahre alt, ich habe da nie mehr Rap eingebaut. Ich wache morgens nicht auf und denke an Rap-Lyrics. In den letzten sieben Jahren entstanden vielleicht fünf Textfiles, die man als Rap-Lines bezeichnen könnte. Melodien, Harmonien oder Übungen für das Konservatorium sind Dinge, die mir heute in den Kopf kommen. Du musst immer deinen Ideen und Gedanken folgen. Ich bin ein 46-jähriger Kanadier in der gehobenen Mittelklasse und Rap wurde von Menschen erfunden, die aus ganz anderen gesellschaftlichen und politischen Schichten stammen. Ich bin sehr sensibel mit der Tatsache, dass das nicht wirklich meine Musik ist. Ich bin Fan und respektiere es, bin aber auf der Bühne beim Rappen sehr respektvoll damit, dass es nicht meine und auch nicht die Musik meines Publikums ist. Der Rap kommt aus der Historie vom Rassismus und Dingen, die ich nie erfahren musste. Das ist einer der Gründe, warum ich kaum mehr auf der Bühne rappe.

2016 hast du dich für ein Jahr völlig aus dem Rampenlicht verabschiedet und das erste Mal überhaupt ordentlich pausiert. War das wichtig, um die Dinge wieder zu ordnen und dir selbst die nötige Ruhe zu besorgen?
Ich habe darauf gehofft, aber es ging um etwas anderes. Ich habe überlegt, welche wirklich großen Regeln der Branche ich noch nie gebrochen habe. Eine davon war, mit den Liveaktivitäten zu stoppen. Es war mitunter ein Teil des Plans, lag aber auch an meiner Tätigkeit am Konservatorium, was eine unerwartete, neue Sache war, die in mein Leben trat. Für mich war es ein Gedankenexperiment. Was passiert mit meinem Gehirn, wenn es kein Publikum mehr gibt, an das ich denken muss? Es war großartig und ich mache das 2020 wieder. Ich werde wieder ein Jahr lang nicht auftreten und keine Interviews geben, weil das auch sehr viel Zeit und Kraft kostet.

Du wirkst auch bei weitem nicht mehr so exzentrisch und extrovertiert wie vor 15 oder 20 Jahren...
Das sind 20 Jahre und jeder Mensch verändert sich in so einer Zeitspanne, das ist ganz normal. In den ersten paar Jahren war ich so froh über das Medieninteresse, dass sich für mich jedes Interview wie eine Performance anfühlen sollte. Heute hebe ich mir die Performance für die Bühne aufgehoben, aber auch dort bin ich persönlicher und anders geworden. Es gibt verschiedene Wege, die Aufmerksamkeit hochzuhalten. All meine Lieblingskünstler haben sich im Laufe ihres Lebens stark verändert. Egal, ob das Prince, David Bowie, Kate Bush, Nina Simone oder Miles Davis waren. Sie alle haben immer überrascht und auch wenn nicht alles so wirkte, als mache es Sinn, war es spannend. Wenn du dich als Künstler in 20 Jahren nicht veränderst, bist du ziemlich langweilig. Bowie hat sich immer andere Charaktere überlegt, das wäre zum Beispiel nichts für mich. Ich wechsle maximal die Farbe meines Bademantels. Veränderung ist jedenfalls immer wichtig - in allen Lagen des Lebens.

Wann fühlst du oder spürst du, dass dir ein Song gelungen ist? Wann weißt du, dass du ein Kapitel abschließen kannst?
Wenn die Leute, denen ich vertraue, mir sagen, dass es gut ist. Wenn ich einen Verdacht habe, sichere ich mich lieber ab. Manchmal hat man einen Tunnelblick und man braucht einfach andere Perspektiven. Am Ende entscheidet sowieso das Publikum. Am Ende einer Tour weißt du gut, was die Leute hören wollen und was nicht. Das halbe Album ist klassisch und die andere Hälfte stirbt in den Köpfen der Menschen aus.

Du hast in Paris oder Berlin gelebt und bist nun seit einiger Zeit in Köln zuhause. Fühlst du dich hier wohler und heimischer als in deinem Geburtsland Kanada?
Ich lebe schon seit 20 Jahren nicht mehr in Kanada. 1998 war es das letzte Mal. 2016, als ich meine Auszeit nahm, habe ich rund fünf Monate in Montreal verbracht, aber ich habe Köln sofort vermisst. Ich habe dann gemerkt, dass ich mich hier zuhause fühle - allgemein in Europa.

Liegt das auch daran, dass die Europäer dich und deine Kunst eher verstehen als die Nordamerikaner?
Möglicherweise. Meine Eltern wurden in Europa geboren und vielleicht hat sich über eine Zwischengeneration in meiner Familie bei mir auch gefestigt, dass die Werte in Europa den meinen näher sind als die kanadischen. Und meine Musik funktioniert hier natürlich auch gut. Ich habe aber zu Kanada auch eine gute Beziehung. Wenn der Kapitalismus in Europa einmal explodieren sollte und die Apokalypse eintritt, dann werde ich nach Kanada zurückziehen. (lacht)

Deine nächste Wien-Station ist diese Woche das Jazz Fest. Du hast her vom B72 über das Chelsea bis zum WUK schon fast alles gespielt.
WUK war mit Feist und im Chelsea spielte ich mit Peaches. Meine „Solo Piano“-Shows spielte ich im Stadtsaal, aber ich möchte unbedingt einmal im Wiener Musikverein auftreten. Ich glaube, die sind zu verängstigt mich zu buchen. Ich bin ihnen sicher zu wenig klassisch und zu ausgeflippt. Wenn ich mit dem Bademantel, meinen Slippern und meinem Namen aufkreuze, habe ich dort wohl wenige Chancen und sie sehen mich als respektlos. Es gab immer wieder Venues, die mich nicht mochten, mir aber dann doch irgendwann eine Chance gaben.

Macht es dir Spaß, die Menschen in deiner humorigen Art und Weise manchmal zu provozieren?
Ja, aber toll ist, dass ich wirklich ein großes Publikum habe, das für diese Art von Musik, wie ich sie mache, offen ist. Das ist stärker als alles andere. Wenn mich jemand nicht in seiner Venue will, dann fülle ich eben eine andere, das ist ein tolles Gefühl. Die Menschen wollen ja, dass vermehrt klassische Musiker ein junges Publikum erreichen. Wir alle wissen, dass das allgemein ein großes Problem ist. Wie holt man die Jugend ab? Wenn jemand wie ich oder Nils Frahm daherkommt, dann funktioniert das auch. Und dennoch sagen sie dann, dass sie uns nicht wollen, weil wir ihnen als Typen zu wenig klassisch sind. Es ist ein ständiger Widerspruch. Sie wollen, dass ein junges Publikum Beethoven hört, aber in der Zeit von Beethoven wollten die Leute auch Franz Liszt oder Chopin sehen. Das waren Komponisten und Performer. Die klassische Musik besteht heute aus toten Komponisten und lebenden Robotern - daraus müssen wir uns befreien. Ich bin mein eigener Roboter und Komponist und das bedeutet, dass ich jüngeres Publikum finde. Meine Musik ist klassisch und trotzdem zeitgemäß.

Das ist ein Problem vieler Opernhäuser in Europa. Die Strukturen sind zu verkrustet und den Mut, Neues oder Moderneres zu probieren, finden sie oftmals nicht.
Sie versuchen schon, aber alles geht zu langsam. Sie installieren eine Videoleinwand, machen Filmabende mit klassischen Komponisten oder starten eine Twitter-Offensive und glauben, das würde reichen. Das sind ziemlich oberflächliche Schritte, um junge Menschen an sich heranzuziehen. Wenn du sie wirklich kriegen willst, musst du es einerseits wirklich wollen und andererseits so denken wie sie. Obwohl ich schon 47 bin, bin ich geistig ein ziemlicher Teenager, was mir einen Vorteil verschafft. Ich höre mir moderne Musik an und sehe den Rap als die wichtigste und beste Kunstform der Neuzeit. Ich habe Respekt davor und wenn du keinen Respekt hast, wirst du niemals ein neues Publikum kriegen. Dieses Publikum ist für mich Leben oder Tod, es ist alles. Mit einer Facebook-Kampagne oder einen Hashtag alleine erreichst du die Leute nicht.

Das Jazz Fest Wien probiert immer wieder mal, die Staatsoper zu beleben. Etwa mit den Pet Shop Boys, Paul Weller oder Little Steven.
Ich habe dort auch schon gespielt und es ist ein netter Versuch, aber auch nicht ausreichend und nicht jung genug.

Bist du als Freund der Klassik auch von den großen österreichischen Komponisten inspiriert?
Das waren eher die konservativeren Komponisten. Johannes Brahms ist schon auch ein Vorbild, aber die Rebellen wie Liszt oder Wagner haben mich eher angezogen. Sie waren in Wien nicht wirklich willkommen oder gern gesehen. Wien war das konservative Zuhause der romantischen Musik. Wenn wir in die Neuzeit gehen, muss ich natürlich Falco nennen. Er war ein außerordentlich guter Performer. Ich mag auch den österreichischen Sinn für Humor. Es gibt eine spezielle Beziehung zwischen Österreich und dunklem Humor bzw. zu Deutschland. Etwa so wie Kanada zu den USA. Bei den Kanadiern ging es auch immer darum, wie man sich bei so einem dominanten Nachbar, der die gleiche Sprache spricht und mit seinen Medien das Land überschwemmt, selbst ausdrücken kann. So sucht natürlich auch Österreich nach Selbstständigkeit. Für mich sind Österreich und Kanada die „Underground-Länder“. Diese Länder haben einen besonderen Humor, da zählt auch Schottland dazu. Meistens ist der größere oder ältere Bruder auch der langweiligere. Ich hatte daher immer große Sympathien für Österreich, weil es eben für mich in diesem Vergleich immer wie Kanada war.

Viele Leute würden dir jetzt entgegnen, dass eine Stadt wie Wien viel zu fad und klassizistisch für moderne Popkultur wäre, während eben Berlin im Underground förmlich aufblüht.
Aber seht euch nur mal eure Musikszene an! Voodoo Jürgens, Bilderbuch, Wanda, Yung Hurn und Crack Ignaz sind genial. Die Musik bei euch ist grandios. Ich bin kein großer Fan von deutschsprachigem Rap, aber die beiden haben es mir angetan. Oder auch Hayiti aus Hamburg, sie ist großartig. Ich habe immer ein offenes Ohr für so originelle Künstler. Ich bin zu 100 Prozent Team Wien, Mann!

Chilly Gonzales ist am Samstag, 6. Juli, im Zuge des Jazz Fest in der Wiener Staatsoper zu sehen. Alle weiteren Infos und letzte Restkarten gibt es unter www.ticketkrone.at

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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