So, 19. Mai 2019
17.04.2019 08:08

War Drama vermeidbar?

Brand erst 23 Minuten nach erstem Alarm entdeckt

Nach der tragischen Feuerkatastrophe in der historischen Kathedrale Notre Dame gibt es nun Anzeichen darauf, dass das Inferno möglicherweise verhindert hätte werden können: Als der erste Alarm losging, gelang es den Bauarbeitern nämlich zunächst nicht, den Brandherd zu lokalisieren. Es vergingen wertvolle 23 Minuten, ehe das Feuer im Dach der Kathedrale aufgespürt werden konnte.

Als am Montag um 18.20 Uhr die Alarmsirene ertönte, machte man sich auf die Suche nach einem möglichen Brand. Doch es verging beinahe eine halbe Stunde, ehe dieser entdeckt werden konnte, berichtet „ABC“. Erst als um 18.43 Uhr der Alarm ein zweites Mal losging, konnte das Feuer im gotischen Dachstuhl der Kathedrale mitten im Herzen von Paris aufgespürt werden. Der Staatsanwalt der französischen Hauptstadt, Remy Heitz, bestätigte, dass der Feueralarm zwei Mal ertönte.

23 Minuten konnte das Feuer also ungestört wüten und sich ausbreiten, bis die ersten Maßnahmen getroffen wurden. Als die Löscharbeiten mit Verzögerung in rund 100 Metern Höhe begonnen wurden, war es zu spät, um den hölzernen Dachstuhl zu retten: Es stürzte mitsamt eines Giebelturms ein. Glücklicherweise konnten die Haupttürme vor der Vernichtung durch die Flammen bewahrt werden.

Zeitrahmen von 15 bis 30 Minuten für Rettung entscheidend
Nun wird untersucht, wie es genau zu der Katastrophe kommen konnte. Ermittler befragten bislang rund 30 Menschen, die meisten davon Arbeiter, die mit den Renovierungsarbeiten des Wahrzeichens beauftragt waren. Der französische Innenminister Laurent Nunez lobte die Arbeit der Feuerwehrleute, die ihr Leben bei dem Großeinsatz riskierten. Die Rettung der Kathedrale sei auf einen entscheidenden Zeitrahmen von 15 bis 30 Minuten zurückzuführen, berichtete der Politiker.

Kaltes Wasser auf heißem Stein kann diesen explodieren lassen
Experten tun sich schwer, die genaue Verfassung des verwüsteten gotischen Gotteshauses einzuschätzen: Wie stark die Kalksteinblöcke von Notre Dame in Mitleidenschaft gezogen worden, sei schwierig zu prognostizieren. Jeder Stein könne etwas anders auf die große Hitze reagieren, erklärte der Chefkurator der Gesteinssammlung des Naturhistorischen Museums Wien, Ludovic Ferriere. Die Folge eines Feuers können nicht nur unschöne Verfärbungen sein, sondern bei hohen Temperaturen können sich durch Ausdehnungen des Materials auch gefährliche Risse und Bruchlinien bilden. Die Löscharbeiten könnten diesen Effekt noch verschlimmert haben: Durch kaltes Wasser könne es zu einem „thermischen Schock“ kommen, im schlimmsten Fall könne dieses Phänomen Blöcke „sozusagen explodieren lassen“, so Ferriere.

Experte: Dämpfe aus Blei zu wenig beachtet
Der Meinung des Fachmanns zufolge wurde der Tatsache, dass das Dach aus Blei war, das eine niedrige Schmelztemperatur aufweist, zu wenig Beachtung geschenkt. „Bei solchen Bränden können stellenweise auch verrückt hohe Temperaturen entstehen“, erklärte Ferriere. Es sei nicht auszuschließen, dass sogar jene rund 1.750 Grad Celsius erreicht wurden, bei denen das Metall verdampft, was giftige Dämpfe zur Folge gehabt haben könnte.

So sieht es nach dem Inferno im Inneren der Kathedrale aus: 

Notre Dame soll in fünf Jahren wieder aufgebaut werden
Der französische Präsident Emmanuel Macron versprach, dass man die Kathedrale in fünf Jahren wieder aufgebaut haben wird. „Wir werden Notre Dame noch schöner wiederrichten“, verkündte er am Dienstag. Die Schadenssumme ist noch nicht einzuschätzen, die Verwüstungen im Inneren sind jedoch enorm. Hunderte Millionen Euro an Spenden wurden bereits zugesagt, sehr große Summen stammen von Luxuskonzernen. „Es ist aber verrückt, dass offenbar erst so eine Katastrophe passieren muss, damit sich das Engagement erhöht“, ärgert sich der Forscher des Naturhistorischen Museums.

Hölzerner Dachstuhl könnte durch Stahlversion ersetzt werden
Es könnte sein, dass die imposante Kathedrale allerdings nicht ganz originalgetreu wiederaufgebaut werden könnte. So gibt es Überlegungen, den bisherigen Holzdachstuhl durch eine Version aus Metall zu ersetzen. Der Londoner Architekt Francis Maude verwies auf ähnliche Fälle: So habe die im Ersten Weltkrieg beschädigte Kathedrale von Reims bei ihrer Restaurierung ein feuerbeständiges Stahldach bekommen.

Das sieht der Kunsthistoriker Stephan Albrecht von der Universität Bamberg ähnlich - der Forscher hat sich auf Architektur von NotreDame spezialisiert. Für ihn sei eine Rekonstruktion des Dachstuhls aus Holz nicht vorstellbar: Die Baupläne aus dem 13. Jahrhundert seien nicht mehr verfügbar, es gebe nur „vage Zeichnungen“ davon. Auch der Dachstuhl des Stephansdoms in Wien sei schließlich nach dem Brand im Jahr 1945 durch eine Stahlversion ersetzt worden, so der deutsche Forscher. „Das ist ein Riesenverlust, aber der Dachstuhl (von Notre-Dame) wird nachher ein anderer sein“, sagte der Kunsthistoriker.

Miriam Krammer
Miriam Krammer

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