15.04.2019 10:54 |

Helfer in der Not

Geringe Bezüge führen oft zum täglichen Engpass

Rund 110.000 Personen sind in Tirol von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Langzeitarbeitslose, Nicht-Österreicher und Pensionisten fallen etwa in diesen Kreis. Oft reicht bei ihnen das Haushaltseinkommen nicht aus, um die täglich notwendigen Lebensmittel zu erwerben.

Teamleiterin Renate Buchmayr klingt ein wenig betrübt, wenn sie über die unzähligen tragischen und vor allem traurigen Erlebnisse spricht, die sie seit acht Jahren begleiten. „Es regt schon zum Nachdenken an, wenn man von der Oma mit Mindestpension hört, dass sie sich um ihre Enkel kümmern muss, ihr Geld für die täglichen Lebensmittel allerdings nicht ausreicht und die Kinder deshalb regelmäßig Hunger leiden müssen.“

Buchmayr und weitere rund 40 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Roten Kreuz geben bei der „Tafel“ in Wörgl von Woche zu Woche aufs Neue den Bedürftigen Hilfe und immense Unterstützung an vorderster Front.

Dutzende sind auf die „Tafel“ angewiesen
Samstag, es ist kurz vor 19 Uhr. An der Ausgabestelle der „Tafel“ in Wörgl warten schon rund 70 Menschen jeglichen Alters und jeglicher Herkunft darauf, die von lokalen Bäckereien, Metzgereien, Gemüsehändlern, Supermärkten und Nahrungsmittelproduzenten gespendeten Lebensmittel abzuholen. Der 47-jährige Bernhard W. (Name bekannt) erzählt von seinem tiefen Fall in die Armut: „Ich habe nach der Scheidung alles verloren, sogar den Boden unter den Füßen. Ich nahm Drogen und führte ein exzessives Leben. Dadurch geriet ich in die Schuldenfalle und von dort ging es weiter in die Psychiatrie. Heute habe ich nichts mehr und bin unsagbar dankbar, dass ich einmal in der Woche meinen Grundbedarf an Lebensmitteln vom Roten Kreuz holen darf und dafür nicht bezahlen muss.“

Das Angebot der Abgabestelle der „Tafel“ in Wörgl reicht von Früchten und Gemüse über Brot, Nudeln, Konserven, Fleisch-, Milch- und Kühlprodukten bis hin zu Getränken und Süßem.

Lebensmittelspenden der lokalen Wirtschaft
Die Produkte werden Samstag Vormittag von zwei Ehrenamtlichen mit einem Lieferwagen direkt von den Spendern abgeholt. Das Angebote in Anspruch nehmen darf, wer bedürftig ist und nur wenig Geld zur Verfügung hat. Das können Rentner, Arbeitssuchende, Großfamilien oder Asylwerber sein. Um eine Bezugsberechtigung zu erhalten, muss bei der Tafel in Wörgl neben einer Meldebestätigung eine Erklärung unterfertigt werden, in welcher das Einkommen deklariert wird.

„Für viele Bedürftige ist es eine große Hürde zu uns zu kommen, da sie sich schämen. Es fällt auch sehr deutlich auf, dass am Monatsanfang deutlich weniger Personen kommen als am Monatsende“, teilt Renate Buchmayr mit.

„Geringe Pension ist der Grund für dieses Leben“
Ortswechsel in das knapp 15 Kilometer entfernte Kufstein. In der Unterländer Bezirkshauptstadt gibt es seit 2011 einen Sozialmarkt. Das 79 und 81 Jahre alte Rentner-Ehepaar Hermine und Walter P. (Namen bekannt) sind gezwungen, hier ihren täglichen Bedarf an Lebensmitteln einzukaufen. „Da hast du ein Leben lang gearbeitet, den eigenen Kindern einen guten Weg ins Leben ermöglicht und jetzt, im fortgeschrittenen Alter, lebt man in Armut – und zwar wegen unserer geringen Pension“, so Walter P.

Insgesamt gibt es neun Sozialmärkte in Tirol, die als eigenständige Vereine geführt werden und sich als Dachverband zusammengeschlossen haben. In Kufstein ist Robert Wehr Obmann des Trägervereines. „Wir sind kein Lebensmittelgeschäft zweiter Klasse, auch wenn die Waren, gleich wie bei der Tafel Wörgl, von der regionalen Lebensmittelwirtschaft gespendet werden. Zudem sind wir laufend bemüht, unser Angebot zu erweitern und zu komplettieren“, erklärt Wehr.

„Die Berührungsangst ist geringer geworden“
Im Unterschied zur „Tafel“ in Wörgl muss im Sozialmarkt der registrierte Kunde seine Ware bezahlen. Die Produkte kosten aber nur die Hälfte von dem, was sonst dafür verlangt wird.

Die Tendenz der Antragsteller, die dringend einen Berechtigungs-Ausweis benötigen, ist dennoch stark steigend. Robert Wehr dazu: „Die anfängliche Berührungsangst und auch die Scheu davor, im Sozialmarkt gesehen zu werden, ist spürbar geringer geworden.“

Hubert Berger, Kronen Zeitung

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