27.02.2019 07:00 |

Interview & Album

Hozier: Steter Kampf für mehr Solidarität

Fast fünf Jahre ließ sich der irische Senkrechtstarter Hozier Zeit, um sein diesen Freitag erscheinendes zweites Album „Wasteland, Baby!“ zu veröffentlichen. Nach seinem Megahit „Take Me To Church“ und extensiven Touren brauchte er erst einmal Ruhe, um durchzuatmen. Im Interview erzählt er uns mehr über sein neues Album, dazugehörende politisch-gesellschaftskritische Beweggründe und seine immerwährende Liebe zum Blues.

Als der junge irische Musiker Andrew Hozier-Byrne im September 2013 seine allererste Single „Take Me To Church“ veröffentlicht, kämpft er gerade mit seinen Karriereplänen. Er schreibt die Nummer mit schwerem Liebeskummer um 2 Uhr morgens im Dachboden seiner Eltern im irischen Bray und nimmt gleichzeitig an so gut wie jeder „Open-Mic-Night“ in Dublin teil. Mit dem Song verarbeitet er einerseits seine Beziehungsprobleme und andererseits sein gespaltenes Verhältnis zu Religion und Kirche. Wenige Monate später dominiert der Track die Charts von England über Österreich und die USA bis nach Neuseeland und bringt ihm x-fach Platin- und Goldauszeichnungen ein. Internationale Kapazunder wie Demi Lovato, Ellie Goulding oder Morgan James covern „Take Me To Church“ und Hozier steigt wortwörtlich über Nacht zu einem absoluten Topstar auf. Folgerichtig entwickelt sich 2014 auch sein gleichnamiges Debütalbum zum veritablen Erfolg.

Wandler zwischen Epochen
„Wie immens dieser Track all meine anderen Songs überschattet hat, musste ich im Laufe der Zeit erst verstehen lernen“, erklärt Hozier im Interview mit der „Krone“, „ich hätte mir niemals gedacht, dass der Song überhaupt einmal im Radio landen wurde. Ich meine, er hatte nicht einmal eine Bassspur.“ Der Hüne mit dem wallenden Haar zerschellt aber nicht am Riesenerfolg, sondern betourt daraufhin zwei Jahre lang fast unentwegt die Welt, um nicht nur diesen, sondern auch seine anderen Songs vorzustellen, die voller Soul, R&B und irischem Folk stecken. Mit Songs wie „Someone New“, „Work Song“ oder „Jackie And Wilson“ ist er nicht nur ein Sprachrohr des gesellschaftlichen Durchschnittsbürgers, sondern wirkt in seiner zurückgelehnten, urigen Auffassung von Musikalität wie aus einer völlig anderen Epoche. Inspiriert von den schwarzen Blues- und Soulmusikern der 30er- bis 50er-Jahre, ist ihm der bloße Klang eines Songs wesentlich wichtiger als marketinggetriebene Verkaufskampagnen oder überproduzierte Formatradiohits.

„Mein Vater war selbst Bluesmusiker und hatte eine große Sammlung und so bin ich dem Blues schon als Kind verfallen. Muddy Waters oder John Lee Hooker waren bei uns zuhause omnipräsent, dann habe ich die Stimme von Nina Simone entdeckt. Erst später habe ich den Kontext zu ihren Texten verstanden. Der Blues entstand aus prekären Umständen und fehlgeleiteten humanen Machtverhältnissen - ähnlich gelagert ist der Folk. Im Blues gibt es meist nicht nur Songs, sondern historische Tondokumente, denen besondere menschliche Erfahrungen zugrunde liegen.“ Allzu oft hat man Hozier in den letzten Jahren als „Retter des Blues“ hochstilisiert. Eine Zuschreibung, die nicht nur enormen Druck mit sich bringt, sondern aufgrund seiner musikalischen Variabilität schlichtweg falsch ist. „Da draußen gibt es ganz andere Talente als mich“, lacht er bescheiden, „der Blues ist maximal ein Teil von mir. Ich will mich ihm und seiner Tradition gegenüber einfach respektvoll verhalten und ihm Tribut zollen. So gut, wie es mir eben möglich ist.“

Noch immer da
Dass der Albumnachfolger „Wasteland, Baby!“ erst knapp fünf Jahre nach dem Debüt erscheint, ist schlussendlich auch seinem Arbeitsethos der letzten Jahre zu verdanken. „Interview, Essen, Meet & Greet, Interview, Management treffen, Konzert - wenn man sich selbst nicht in einen Zen-Modus bringt, wird man irgendwann wahnsinnig. Ich habe mir daher vor zwei Jahren erlaubt, mich aus diesem Chaos rauszunehmen. Ich kann nur Songs schreiben, wenn ich meine Ruhe und Zeit habe - zwischen Tür und Angel oder im Tourbus geht das nicht.“ Mehr als ein Jahr hat Hozier im perfektionistischen Eifer an den treuen Tracks geschraubt und letzten Herbst mit „Nina Cried Power“ eine EP vorgelegt, die an die 30 Millionen Mal gestreamt wurde. So hoch war die Nachfrage nach dem introvertierten Musiker mit der rauen Goldstimme. „Die EP war ein eklektischer Mix aus verschiedenen Klängen und die perfekte Vorbereitung für das Album. Ich wollte den Leuten damit einfach zeigen, dass es mich noch gibt.“

Auf „Wasteland, Baby!“ findet Hozier einen dunkleren, mysteriöseren Zugang. „Das Album hat einen apokalyptischen Touch. Ich will jetzt nicht die Finsternis predigen, aber mir war es wichtig, dunklere und atmosphärische Momente zu kreieren.“ Dem 28-Jährigen ist es wichtig, nicht zu stark mit Politik konnotiert zu werden. „Wenn man wirklich von Künstlern erwartet, dass sie die Welt retten sollen, dann wird sie wohl umso schneller untergehen“, kommentiert er lächelnd die oft absurde Erwartungshaltung der Öffentlichkeit. „Viele Dinge auf dieser Welt stören oder verstören mich und mein Weg dagegen anzukämpfen ist es, meine Erfahrungen in der Musik zu reflektieren. Früher war es Künstlern unheimlich wichtig, die Stimme für die Afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung oder gegen den Vietnam-Krieg zu erheben. Es herrschte viel Solidarität und man hat die Würde des Menschen hochgehalten. Im Endeffekt ist ohnehin jede Tätigkeit politisch, da muss man das Thema als Künstler nicht immer extra darüber hinaus betonen.“

Auf Obamas Playlist
Für den Opener „Nina Cried Power“, der schon auf der EP zu hören war, hat Hozier mit der 79-jährigen Soul-Legende Mavis Staples und Booker T. Jones zusammengearbeitet, zwei große Idole des Iren. „Sie haben von sich aus angefragt, was eine unheimliche Ehre für mich wahr. Damit hat sich ein Traum erfüllt, denn sie sind für mich integrale Bestandteile für hochqualitative Musik aus dem 20. Jahrhundert. Mavis zeigte unheimlich viel Energie. Sie ist eine so charmante, offenherzige und teamfähige Person, ein echtes Vorbild. Und in diesem Alter so viel Stimmkraft zu haben, ist nicht selbstverständlich.“ Der an sein großes Idol Nina Simone angelehnte Song gewann auch in politischen Kreisen an Zugkraft und landete schlussendlich sogar auf der Playlist von Barack Obama. „Mir war wichtig, in diesem Song Namen von Personen zu nennen, die für etwas Wichtiges gekämpft haben. In der modernen Popmusik scheint diese Geisteshaltung zunehmend absent zu sein und alles wirkt taub und stumpf.“

Auf „Wasteland, Baby!“ traut sich Hozier verstärkt, mit Synthies und Elektronik zu experimentieren, ohne dabei aber seine Grundrezepte zu verwässern. „Es gibt wuchtigere Arrangements und mehr Opulenz, aber ich habe es bewusst nicht damit übertrieben. Das Fundament liegt immer noch in der Tradition des Blues und des Folk.“ Die dunkle Grundstimmung zieht sich vor allem durch zurückgelehnte Songs wie dem sanften „As It Was“ oder der mit Gospel-Zitaten aufgefetteten Ballade „Talk Refined“. In den 14 Songkapiteln zieht Hozier ein dichtes Netz an spannungsgeladenen und abwechslungsreichen Referenzen an seine Helden der Vergangenheit und verknüpft diese mit zeitgemäßen Sounds. Damit ist dem Iren, der - wie passend - am St. Patricks Day seinen 29. Geburtstag feiert, zwar kein zweites „Take Me To Church“ gelungen, aber ein wundervolles Album voller Seele und mit humanem Gewissen. Oder wie er selbst sagt: „Das Leid auf dieser Welt ist unausweichlich. Es kommt nur darauf an, wie man ihm begegnet. Im Endeffekt ist es egal, ob das Glas halb voll, halb leer oder komplett zerbrochen in Scherben am Boden liegt.“

Live in Wien
Nach seinem umjubelten Auftritt letzten Herbst im Wiener Gasometer kommt Hozier am 10. September ins Wiener Konzerthaus. Karten für den Gig erhalten Sie unter www.oeticket.com.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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