Di, 19. März 2019
17.02.2019 10:09

Comeback mit Album

Avril Lavigne: Die Reise zum Erwachsenwerden

Nach einer lebensbedrohlichen Krankheit und vielen Turbulenzen im Privatleben kehrt die einstige kanadische Pop-Göre Avril Lavigne mit dem Album „Head Above Water“ gereift und geläutert ins Rampenlicht zurück. Auf ihrem sechsten Studioalbum verpasst sie aber einige Chancen, sich als souveräne Künstlerinnen im Erwachsenenalter zu präsentieren.

Strenggenommen war das Leben von Avril Lavigne schon immer eines voller Missverständnisse. Als sie im Teenageralter mit Tank-Top, tiefhängenden Baggy-Shorts und abgewetzten Converse „Sk8ter Boi“ und „Complicated“ sang, stilisierte man die Kanadierin vorschnell zur neuen Punk-Ikrone. Auch wenn ihre etwas später geschlossene, mehrjährige Ehe mit Sum-41-Frontmann Deryck Whibley als Gegenbeweis nicht förderlich war, hatte die religiös erzogene Sängerin schon immer wenig mit dem rebellischen Charakter zu tun, der ihr angedichtet wurde. Als sie sich in den Folgejahren als reife Künstlerin inszenieren wollte, kamen ihr die fehlgeleiteten Marketingmaschinerien in den Weg, die sie auch in den Endzwanzigern als das freche „Riot Girl“ von nebenan inszenierten.

Gereift, aber nur halb
Mittlerweile ist Avril Lavigne 34 Jahre alt, hat eine langwierige, lebensbedrohliche Krankheit überstanden und inszeniert sich auf den Promobildern zu ihrem sechsten Studioalbum „Head Above Water“ splitterfasernackt, die Blöße nur von einer Akustikgitarre bedeckt, in mysteriöser Noir-Optik. Das Missverständnis der Gegenwart offenbart sich schnell bei gleichzeitigem Konsum der neuen Songs. Erstmals in ihrer Karriere gelingt es Lavigne tatsächlich, mit intensiven Songs wie „It Was In Me“ oder dem theatralischen Titeltrack als gereifte, würdevoll gealterte Künstlerin wahrgenommen zu werden, konterkariert dieses Bild aber mit einer unzeitgemäßen „Sex Sells“-Verkaufsstrategie. Gerade eben weil das Album eine Abhandlung der furchtbaren letzten Jahre sein soll, wirkt die Verpackung fast schon wie Hohn.

Vor sechs Jahren wurde sie während ihrer Tour zum Albumvorgänger „Avril Lavigne“ von einer Zecke gebissen und erkrankte pünktlich zum 30er an der hartnäckigen Krankheit Lyme-Borreliose, eine heimtückische Form der Hirnhautentzündung. Monatelang war sie ans Bett gefesselt, sobald sie zu Kräften kam, schleppte sie sich ans Piano, um sich ihre Sorgen und Probleme bestmöglich von der Seele zu spielen. Zwischendurch war sie dem Tod so nahe, dass sie zu Gott betete, er möge doch ihren Kopf über Wasser halten und sie nicht aufgeben. In diesem Moment begann nicht nur Lavignes Songwriting, sondern folgerichtig verwendete sie den Gedanken „Head Above Water“ auch als thematische Klammer für das persönlichste Album ihrer Karriere. Übernatürliche Kräfte, Religion, Gott, Engel und Dämonen finden natürlich auch Einzug in Songs wie „Love Me Insane“ oder „I Fell In Love With The Devil“. Partiell verarbeitet die Kanadierin nicht nur die letzten drei Jahre mitsamt der schweren Krankheit, sondern lose auch andere Kapitel ihres aufregenden Lebens.

Wucht vs. Kitsch
Im Umkehrschluss bedeutet das, dass sich die Künstlerin tatsächlich von ihrem eigenen Schatten getrennt hat und im besten Fall mit viel Reife und bemühter Emotionalität musiziert. Wie gewohnt hat Lavigne die Songs durchwegs selbst geschrieben und dabei auch auf Hilfe gesetzt. Beim Abschlusstrack „Warrior“, der ultimativen Kampfgeist-Hymne des Albums, hat etwa Ex-Mann Chad Kroeger mitgeschrieben, mit dem sie zwischen 2013 und 2015 eine stürmische Beziehung mit Hochzeit und Scheidung durchlebte, der sie aber auch im Krankheitsverlauf immer wieder mit Besuchen unterstützte. Die einzelnen Songs sind durchwegs wuchtig und auf Mainstreamchartstauglichkeit produziert, allzu oft versinken würdevolle Songstrukturen aber hinter mit Theatralik zugekleisterten Kitsch-Momenten.

Neben der unnötig effektheischerischen optischen Aufmachung enttäuscht Lavigne auch im Duett mit Nicki Minaj bei „Dumb Blonde“. Dort versucht sie dem allgemein vorherrschenden Tenor, sie wäre in Diskussionen nicht immer die hellste Kerze am Kuchen, mit plattem Pop-R&B entgegenzuwirken, verwässert damit aber das ansonsten durchaus geschlossene Album mit unüberlegt-infantiler Durchschnittlichkeit. Es ist gut und wichtig, dass Lavigne mit 34 nun doch noch die musikalische Kurve gekratzt hat und den ersten großen Schritt in Richtung einer zweiten Karriere legte, doch „Head Above Water“ ist vorerst nicht mehr als ein bemühter Ansatz dahingehend. Um weitere Missverständnisse zu vermeiden, sollte die Kanadierin in ihrer künftigen Richtungsentscheidung doch lieber bald „all in“ gehen.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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