16.02.2019 07:00 |

„Krone“-Interview

Destroyed But Not Defeated: Zeitgemäß und retro

Das Wiener Trio Destroyed But Not Defeated schert sich wenig um Trends und Konventionen, sondern musiziert lieber mit Herzblut und Freude zurück in die 90er-Jahre. Für ihr drittes Album „Deluxe Redux“ haben sie dabei an einigen Stellschrauben gedreht und viele Gäste ins Boot geholt. Mehr dazu und zum Spannungsverhältnis Melodie und Krach erzählt Banddrittel Lelo Brossmann im Interview.

„Krone“: Lelo, euer neues Album hört auf den schönen Namen „Deluxe Redux“, was sehr frei interpretiert so viel wie „Luxuswiederbelebung“ bedeutet. Worauf spielt ihr damit an?
Lelo Brossmann:
Es ist eigentlich ironisch gemeint, sodass man mit „Deluxe“ etwas Spezielles macht. „Redux“ ist darauf gemünzt, dass wir eher nicht die modernste Musik machen und gerne altes Zeug aufwärmen. Es war einfach ein schönes Doppelwort, das gut klingt.

Viele Bands sträuben sich nach Kräften, als „altertümlich“ bezeichnet zu werden. Ihr trägt die Fackeln des 90er-Rock und Grunge dafür mit großer Freude vor euch daher.
Das war uns gar nicht so bewusst. Unser Drummer Clemens ist jünger, aber wir sind prinzipiell mit der Musik der 80er- und 90er-Jahre geprägt. Wir machen nicht absichtlich Musik, die nicht so zeitgemäß ist, aber dieser Sound gefällt uns am besten und diese Platten rotieren bei uns zuhause. Zu 70 Prozent höre ich Zeug aus der Zeit und da begann ich auch selbst Musik zu machen. Ich könnte mir nicht vorstellen, mit Autotune Trap zu machen. (lacht) Ich habe in meinem Beruf sehr viel mit Computern zu tun und da war beim Musikmachen mein analoger Zugang immer schon bewusst gewählt. Wenn man die Elektronik komplett weglässt, wirkt man vielleicht schon automatisch angestaubt. (lacht)

Trendanbiederei kann man euch keineswegs vorwerfen, wiewohl die 90er langsam wieder zurückkommen. In Form von jungen Künstlern wie Yungblud oder Rat Boy, die sich gerne darauf berufen.
Wir werden wohl trotzdem immer die alten Säcke und etwas deplatziert sein. (lacht) Es gab vor ein paar Jahren auch ein Shoegaze-Revival und mich wundert, dass junge Leute wie etwa auch die einheimischen The Boys You Know Musik machen, die teilweise sogar schon vor ihrer Geburt entstand. Wenn uns aber eine solche Welle nach oben spülen sollte - warum nicht?

Wie viel Zeit und Wichtigkeit investiert ihr in Destroyed But Not Defeated, nachdem ihr alle auf vielen Baustellen tätig seid?
Wir machen jetzt keinen Businessplan, sondern spielen in dieser Band im besten Sinne als ein Hobby. Wir wollen möglichst einmal für zwei, drei Stunden in der Woche proben, weil das einfach die besten Stunden sind, wenn wir gemeinsam Musik machen. Das ist auch unser Hauptantrieb. Das gefällt uns so sehr, dass wir dann aus den Songs eine Platte daraus machen. Den Zwang, unbedingt eine Platte zu machen haben wir nicht. Wir können Musik machen wann und wie wir wollen und diese Freiheit genießen wir sehr.

Das ist mit Sicherheit mehr Freiheit, als du sie bei Kreisky hast, seit du dort fixes Mitglied bist.
Bei Kreisky ist die Arbeit sicher zielgerichteter, aber das Werk funktioniert genauso. Beim Musikmachen ist mir der persönliche Aspekt immer wichtiger. Wenn ich mich mit den anderen nicht sehr gut persönlich verstehen würde, hätte das keinen Sinn, weil das bei mir sehr klar im Vordergrund steht. Bei beiden Bands kann ich mit Leuten eine tolle Zeit verbringen, die ich mag - daraus entsteht dann auch noch Musik. Was gibt es Schöneres?

Befruchten sich diese beiden Bands in irgendeiner Art und Weise, oder kannst du das völlig voneinander trennen?
Schon. Seitdem ich bei Kreisky spiele, habe ich mir in der Arbeitsweise viel abschauen können. Sie haben einen sehr professionellen Zugang und ich habe versucht, das auch bei DBND einfließen zu lassen. Gleichen tun sich mittlerweile die Musikvideos, weil das ein Faible von mir ist. Die könnte man fast schon austauschen. (lacht) Die Zugangsweisen, wie man Musik schreibt und macht, sind bei beiden Bands schon sehr anders.

Für „Deluxe Redux“ habt ihr die Songs ja eher spontan im Proberaum geschrieben…
Ja, das hat sich bei uns aber sehr gewandelt, denn anfangs hat jeder in seinem Kämmerlein die Songs geschrieben. Nun haben wir aber auch diesen Weg gefunden, denn anfangs fiel es mir schwer, aus dem Jammen Songs zu machen, weil mir das zu skizzenhaft war. Die Rohstruktur gelingt uns im Proberaum und daheim verfeinern und vervollständigen wir das Material. Es fühlt sich gut an, weil es einfach mehr Teamwork bedarf und weniger nach Einzelschritten klingt. Etwas gemeinsam Entstandenes bringt gleich ein ganz anderes Gefühl.

Dass du Songs lieber alleine schreibst, liegt vielleicht auch daran, dass spontan kreativ sein zu müssen in der Umgebung der Kollegen nervös macht oder nicht so einfach funktioniert?
Bei mir sind es mehrere Faktoren. Einerseits bin ich kein gelernter Musiker, sondern eher amateurhaft. Mir fehlt der theoretische Zugang, den zum Beispiel Jazzmusiker haben. Für die ist sofort logisch, wie man weitermacht, nachdem man einen Teil gespielt hat. Andererseits tue ich mir schwer, Dinge schnell zu beurteilen. Wenn ich einen neuen Song höre, kann ich nicht gleich sagen, ob er mir gefällt oder nicht, ich muss mich länger damit beschäftigen. Bei uns herrscht aber ein schönes Zusammenspiel zwischen verschiedenen Leuten und es funktioniert auch nur deshalb so gut, weil wir uns länger kennen und gut eingespielt sind. Den Level haben wir gottseidank erreicht, wenn ich auch nicht weiß wie. (lacht)

Überraschenderweise ist auch das Keyboard ein guter Freund von euch geworden…
Im Songwriting noch nicht, aber wir haben schon gespürt, dass bei dieser oder jener Stelle Platz für dieses Instrument wäre. Im Songwriting war das Ganze schon auf die Grundinstrumente konzipiert. Eloui wird künftig auch live mit uns spielen und am Album hat auch Bernd Supper von The Scarabeusdream viel gespielt. Wir haben dann aber eher gesagt, dass Bernd sich etwas zum Song dazu überlegen sollte. Am Ende lagen diese Parts dann in der Freiheit der Gastmusiker.

Gastmusiker habt ihr wirklich unzählige auf „Deluxe Redux“. War das immer als Konzept geplant, so viel wie möglich an bekannten und befreundeten Musikern auf dem Werk zu versammeln?
Wir haben bewusst Stellen in den Songs freigelassen, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich dort einzubringen. Wir wollten uns damit nicht wirklich musikalisch verbreitern, es war einfach nur eine nette Sache, dass mehrere Leute am Album mitgearbeitet haben. Ein definierendes Album war für mich Mike Watts „Ball-Hog Or Tugboat?“, wo er die ganzen Stars der 90er wie Eddie Vedder und die Red Hot Chili Peppers mitspielen ließ. Er ließ aus seinen Songs eigene Sachen entstehen und diesen Spirit fanden wir toll. Wir haben auch überlegt, das vielleicht einmal so live umsetzen zu können, aber es ist einfach illusorisch. Eloui ist, wie gesagt, live an Bord, aber das ist logistisch einfach zu herausfordernd und man müsste viel zu viel proben. Es hätte uns einfach überfordert.

Geöffnet habt ihr euch trotzdem, denn in „Led Zeppelin“ habt ihr Wolfgang Schlögl beispielsweise Platz für ein Theremin-Solo gelassen.
(lacht) Wir haben gewisse Dogmen abgelegt. Ich komme aus dem Punkrock und Keyboards und solche Dinge waren generell verpönt. Ich wollte auf den Alben immer nur Gitarren haben, aber irgendwann haben wir uns da geöffnet. Wir wollten mehr ausprobieren und haben geschaut, was dabei rauskommt. Was uns gefällt, das setzen wir dann um. Anfangs ist das alles immer sehr vage und fraglich und man hinterfragt, ob das überhaupt was wird. Was machen wir, wenn das, was der Gastmusiker macht, überhaupt nicht passt? Zum Glück ist das alles ziemlich super ausgegangen. Wir haben schon die eine oder andere Spur gelöscht, aber ich sage jetzt nicht, welche und von wem. (lacht) Nur etwas aus Höflichkeit auf einer Platte zu lassen wäre auch keine Option. Irgendwo muss man die Grenze ziehen.

Hat der Songtitel „Led Zeppelin“ eigentlich mit der Band an sich zu tun oder schlägt der in eine ganz andere Kerbe?
Der Text ist ein bisschen ironisch gemeint. Es geht darum, jemanden näher kennenzulernen und man kommt dann drauf, dass der Musikhorizont etwas beschränkt ist, weil der Lieblingssong dieser Person „Stairway To Heaven“ von Led Zeppelin ist. Ohne jetzt gegen die Band was zu sagen, aber das ist doch sehr offensichtlich und zeugt nicht zwingend von musikalischem Weitblick. Ich mag Led Zeppelin selbst gerne, aber früher, als Punkrocker, ging Classic Rock gar nicht. Ich habe mich stark dagegen verwehrt und erst später gemerkt, dass diese Bands vieles gar nicht viel anders mit gar nicht viel anderen Mitteln gemacht haben, als die Punkrock-Bands. Irgendwoher muss all das ja schließlich kommen. (lacht) Heute finde ich Led Zeppelin eigentlich sehr super.

Mein Favorit auf eurem Album ist „The Wrong Turn“, wo ihr am Songende mit einer Mischung aus Melancholie und Kratzbürstigkeit zur instrumentalen Hochform aufläuft.
Die Nummer wurde länger als geplant, aber das hat sich so angeboten. Ich bin ein Freund von Gegensätzen in Songs. Einerseits hat man einen melodischen, andererseits einen lärmigen Teil und das hat hier gut gepasst. Wir hatten immer weitere Ideen und wollten den Song dann auch nicht mehr kürzen.

„Gotta Grow“ ist für mich euer Sub-Pop-Song, der an die legendäre Grunge-Ära dieses Labels erinnert. Ist es euch prinzipiell wichtig, Melodie und Dissonanz möglichst gleichberechtigt gegenüberzustellen?
Das ergibt sich hauptsächlich personell. Ich bin bei uns eher der Melodietyp und Markus steht mehr auf Noise. Wenn wir beide aufeinanderkrachen, kommt diese Schnittmenge aus Melodie und Wohlklang mit Noise heraus. Die Kombination macht Sinn. Eine für mich wichtige Band sind zum Beispiel die Pixies, die es hervorragend schafften, extrem schöne Songs mit krachenden Gitarren kaputtzumachen. Das hat mich seit jeher fasziniert.

Eine Art von bewusstem Ruinieren, das haben auch die 90er-Bands gut draufgehabt. Reicht dafür deiner Meinung nach ein gewisses Maß an Talent oder ist da auch Handwerk dahinter, wenn man etwas Schönes bewusst so zerstört?
Mangelndes Talent ist dafür wohl sehr hilfreich. (lacht) Es ist einfach eine Mindset-Sache, die man dafür haben muss. Freejazz-Künstler sind auch gute und geschulte Musiker, die absichtlich Harmonisches zerstören. Es geht einfach darum, ein Spannungsverhältnis zu erzeugen. Das kann man auch mit stimmungsvollen Songs, aber es ist sicher schwieriger als mit Noise.

Mit deinem Melodieverständnis bist du quasi der Beatle in Destroyed But Not Defeated?
Mir war immer wichtig, dass es Songs gibt, die auch melodisch klingen. Es gibt so viele Bands, die einen tollen Sound haben, wo es aber am Songwriting hapert. Ich bin schon von den 60s geprägt. Meine Eltern hörten alles von Beatles bis Swing und das lief bei uns daheim immer im Radio. Nirvana ist auch eine Band, die massiv von den Beatles geprägt wurde und sie hat dann ihren Sound auch durch den Punkrock ruiniert.

Gibt es einen textlichen roten Faden, der sich durch das Album zieht?
Nicht wirklich. Markus und ich schreiben normal für uns selbst jeweils die eigenen Texte. Nur bei „Led Zeppelin“ habe ich mal für ihn geschrieben. Wir überlegen uns nicht vorher, worum es gehen soll. Bei mir kommt die Musik immer zuerst. Ich notiere viel in meinem Notizbuch und dann versuche ich zu kombinieren. Aus dem Song entsteht im Prinzip der Text. Wichtig ist der Text natürlich trotzdem. Ich hätte ein schlechtes Gefühl, wenn ich einfach irgendwas schreibe, das sich nur reimt. Eine Aussage sollte schon immer dahinterstecken, aber etwas zu schreiben, was mich zufriedenstellt, ist für mich eine Qual. Ich scheitere dabei regelmäßig und bin eher der Musiker.

Schreibst du gerne politisch und gesellschaftskritisch, oder doch lieber über Persönlicheres?
Im Endeffekt ist es eher persönlich, auch wenn es ein paar politische Texte aus meiner Feder gibt. Ich finde das aber noch viel schwerer, weil man natürlich eine Meinung hat, doch die muss auch fundiert sein und man muss sie gut rüberbringen. Es passiert zu schnell, dass etwas oberlehrerhaft oder naiv daherkommt.

Fürchtest du als Texter auch bewusst das Anecken? Bist du eher vorsichtig, wenn es darum geht?
Ich persönlich schon, weil ich eher ein harmoniebedürftiger Mensch bin. Ich will keinen bewusst mit Etwas vor den Kopf stoßen. Ich könnte kaum einen Text schreiben, der jemanden bewusst beleidigt. Meine Texte handeln viel von Verlust. Auf einem Song kommt sehr verklausuliert und wenig offensichtlich der Tod meines Bruders vor zwölf Jahren vor. Ich wollte das immer ausdrücken können und scheiterte, konnte das Thema aber in einem Nebensatz abhandeln. Manchmal sind es auch nur Gefühle und Situationen, an die man sich erinnert, die sich vielleicht aber für andere gar nicht transportieren lassen. Ich gehe eher versteckt persönlich vor und manchmal steckt auch viel Ironie dahinter. Wenn man einen sehr traurigen Text schreibt, muss man das auch ironisch brechen und etwas lockerer machen.

Es muss ohnehin jeder wissen, wie weit er mit solchen Texten und persönlichen Ansichten gehen kann.
Markus ist jemand, der sehr abstrakte Texte schreibt aus dem Bewusstsein heraus, dass er öffentlich weniger von sich preisgeben will. Da tickt einfach jeder anders und das ist auch gut so. Franz bei Kreisky will zum Beispiel selbsterlebte Dinge schreiben, aber immer aus der Perspektive einer Person, die er spielt.

Immer öfter wird die Meinung verstärkt, dass Künstler und Personen der Öffentlichkeit sich politisch klarer artikulieren sollen. Da ihr das in der Form selbst nicht tut - wie stehst du dazu?
Ich finde es bewundernswert, wenn das wer kann und hinkriegt. Ich tue mir mit solchen Texten einfach unfassbar schwer. So ein Song ist für ewig auf eine CD gebrannt und was ist, wenn du ein Jahr später denkst, wie naiv du warst? Diese Situation will ich eher vermeiden. (lacht) Ich bin auch keiner, der von seinen Ansichten extrem überzeugt ist. Immer wenn ich mit jemanden diskutiere, der gegenteiliger Meinung ist, denke ich mir, dass er mich von seiner Meinung überzeugen könnte. Es ist wichtig, dass man sich anderen Argumenten öffnet oder sich eingestehen kann, dass man in gewissen Bereichen zu wenig wusste oder Unrecht hatte. Insofern ist es schwierig, Texte zu schreiben, die andere belehren. Mir fallen nicht so viele politische Texte von Künstlern ein, die das wirklich gut machen. Fugazi aus Washington waren sehr politisch, aber die Texte waren dennoch nicht zu offensiv und klar aufgestellt. Auch bei The Clash gab es eher die Slogans als Waffe denn belehrende Lösungen, die gar keine sind. Es stellt sich auch die Frage, wer mein Publikum ist und ob es was bringt, den Bekehrten immer wieder dasselbe zu predigen.

Wo kann man Destroyed But Not Defeated in dieser großen österreichischen Musikwelt eigentlich am besten einordnen?
(lacht) Schwierig. Die Musikszene in Österreich ist so ein lustiger und bunter Haufen, den ich total spannend finde. Es ist kein Wettkampf und ich will und kann uns nur schwer wo einordnen. Es ist jedenfalls interessant, auf Leute zu treffen, die ihr eigenes Ding machen und damit in die Öffentlichkeit gehen. In diesem Land passiert wirklich viel und das ist verdammt spannend. Einordnen würde ich uns aber nicht genau. Wir sind auch nicht exakt die 90s-Retroband.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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