23.01.2019 08:00 |

Baltikum

Jürmala, Kuldiga, Riga: Eine lettische Zeitreise

Jede Epoche zeigt sich von ihrer schönsten Seite - sei es die Mittelalterstadt, das alte Seebad oder die Jugendstil-Juwele Lettlands.

Dick und weiß ist die Schneeschicht, die unter den warmen Winterschuhen knirscht, wie sonst im Sommer der weiße Quarzsand zwischen den Zehen. Der Strand von Jūrmala an der Ostsee zieht sich 24 km hin. Und wo sich in der Hauptsaison viele Besucher tummeln, herrscht im Winter friedliche Stille. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts, als die ersten Seebäder eröffnet wurden und die Oberschicht ihre Sommerresidenzen errichtete, zählt Jūrmala zu den ältesten Kurorten des Baltikums.

Entstanden ist es aus zahlreichen Fischerdörfern, die mit der Zeit zusammengewachsen sind. Und mit dem Bau der neuen Eisenbahn 1877 kam der Tourismus so richtig in Schwung. Früh wurde erkannt, wie heilsam sich die gute Luft der Kiefernwälder und die schwefelhaltigen Quellen und Schlammbäder auf die Gesundheit der Gäste auswirkten – und der Trend hält bis heute an. In zahlreichen modernen Spas lässt es sich so richtig gut entspannen und erholen.

Eine Reise zurück in der Zeit erlebt man auch in Kuksu Muiza - das stattliche Herrenhaus wurde mit viel Geduld und Liebe zum Detail renoviert und beherbergt heute ein außergewöhnliches Landhotel weit von allem Trubel entfernt. Jedes der Zimmer hat seinen eigenen Charme: Himmelbett, Leseecke, dicke Deckenbalken, gemütliche schwere Fauteuils und sogar Wendeltreppen, die in kleine Dachzimmer führen. 1530 wurde das erste Holzhaus an dieser Stelle errichtet - das ist schriftlich belegt, wie uns Hausherr Daniel Jahn erzählt. Als er es 1999 gekauft hat, stand hier allerdings nur noch eine Ruine, die die folgenden sieben Jahre von drei Restauratoren wieder im Original hergestellt wurde.

Elf Schichten mussten abgetragen werden, um die handbemalten Wände wieder zum Vorschein zu bringen. Die historischen Räume im Untergeschoß werden wie im 19. Jahrhundert nur über Kachelöfen mit Holz geheizt. Diese wohlige Wärme hüllt uns auch beim Abendessen ein. Nur mit Kerzen beleuchtet, erwartet uns eine festlich mit Porzellan und edlen Gläsern gedeckte Tafel.

Den Kochlöffel schwingt hier der Chef persönlich. Alle Zutaten sind regional, aus dem eigenen Garten, von den umliegenden Höfen und Bauern und schmecken ausgezeichnet. Aber auf Hauben oder Sterne legt unser Gastgeber keinen Wert: „Meine Besucher müssen sich schlicht und einfach wohlfühlen. Ich trage höchstens ab und zu eine Schlafmütze“, schmunzelt der 59-Jährige. An die 500 Gemälde von lettischen Malern („in Museumsqualität!“), Porzellan, Silber und Möbel hat er zusammengetragen, sein besonderer Stolz gilt einem massiven Holzschrank von 1680, der im Foyer seinen Platz gefunden hat.

Eine kurze Autofahrt entfernt liegt die Mittelalterstadt Kuldiga, die 1242 gegründet wurde. Die Altstadt und die rote Backsteinbrücke, die über den Fluss Venta führt, stehen als Kandidaten auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Eine perfekte Location für so manchen historischen Film. Und von der Brücke aus hat man auch gleich den besten Blick auf den hiesigen Wasserfall. Hoch ist er ja gerade nicht - zwei Meter „stürzen“ die Fluten in die Tiefe -, aber mit 250 Metern, darf er sich der breiteste Europas nennen.

An den Holztüren in der Altstadt fällt auf, dass keine der anderen gleicht. In die Oberlichter aus Glas wurden, als es noch keine Straßenbeleuchtungen gab, Kerzen gestellt, um den Bewohnern den Weg ins richtige Haus zu weisen. Und genau diese Türen haben es dem neu eröffneten Restaurierungszentrum von Kuldiga angetan. Hier werden Workshops abgehalten, um die Bevölkerung miteinzubeziehen, die alten Schätze der Stadt zu erhalten und anzuregen, sie wieder schöner zu machen. Wissen und Material werden zur Verfügung gestellt, und es herrscht reger Andrang, dieses Angebot auch zu nützen.

Von der kleinen 12.000-Einwohner-Stadt geht es dann nach Riga. Mit 700.000 Einwohnern ist die lettische Hauptstadt die größte Stadt des Baltikums. Das „Paris des Nordens“, wird es auch genannt: vor allem wegen der etwa 800 Jugendstilhäuser. Einer der bekanntesten Architekten dieser Zeit war Konstantin Pekšens. An die 250 seiner Bauten finden sich in der Stadt. In einem davon (Alberta iela 12) ist heute ein Museum untergebracht. Schon der Aufstieg durch das imposante Treppenhaus mit Wendeltreppe gibt einen Eindruck von der Epoche.

Aber nicht nur fürs Auge, sondern auch für den Magen ist gesorgt. Im Zentralmarkt Rigas findet sich wohl alles, was ein Feinschmeckerherz begehrt. Seit den 1930er-Jahren ist er in den fünf Markthallen untergebracht, die allerdings ursprünglich einem anderen Zweck dienten. Die Eisenkonstruktion stand zuvor in Kurland. Hier waren während des Ersten Weltkriegs Zeppeline untergebracht. Heute gibt es in den 20 Meter hohen Hallen von Obst und eingelegtem Gemüse bis zu Fleisch und geräuchertem Fisch jedes Schmankerl aus der lettischen Küche zu verkosten und zu kaufen.

Das reich dekorierte Schwarzhäupterhaus dominiert den heutigen Rathausplatz, der früher auch Marktplatz war. Hier hatten im 14. Jahrhundert nur unverheiratete Kaufleute Zutritt. Leider fiel es 1941 dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer, an seiner Stelle steht jetzt eine perfekte Kopie. In den 1990ern wurde es - mithilfe vieler Letten - wiederaufgebaut. Auch Reiseleiterin Kristina hat sich daran beteiligt und einen Ziegelstein gespendet. Für etwa sieben Euro wurde ihr Name darin eingraviert. „Der Stein ist nur leider nicht in der Fassade, sondern irgendwo ganz hinten untergebracht“, erzählt sie aber trotzdem mit viel Stolz in der Stimme. Denn die Letten sind zwar ein kleines Volk, aber sie halten zusammen

Elisabeth Salvador, Kronen Zeitung

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