Mi, 15. August 2018

„Krone“-Interview

11.04.2018 07:00

Nazareth: „Warfen nie Fernseher aus Hotelzimmern“

Je nach Zählweise feiert die schottische Hard-Rock-Institution Nazareth in diesem Jahr ihren 48. oder 50. Geburtstag. Zum großen Jubiläum luden wir das letzte verbliebene Gründungsmitglied, Bassist Pete Agnew, zum ausführlichen Gespräch und wurden von seinem trockenen schottischen Humor und einer angenehmen Ungezwungenheit überrascht. Anekdotenreich erzählt er u.a., warum Nazareth nie eine Band voller Skandale waren, warum er nicht auf Axl Rose‘ Hochzeit spielte und weshalb er sich selbst eher ein Computerspiel, als ein neues Album kaufen würde.

„Krone“: Pete, als du in deiner Heimatstadt Dunfermline in Schottland als junger Mann mit dem Bassspielen begonnen hast, machtest du es laut eigenem Bekunden deshalb, weil es sonst keiner wollte. Rund 60 Jahre später spielst du mit Nazareth noch immer live und bist eine leibhaftige Rocklegende. Wie konnte es soweit kommen?
Pete Agnew:
Eigentlich habe ich mit dem Gitarrespielen begonnen, aber das hat sich schnell zerschlagen. Keiner wollte sich den Bass umhängen, also habe ich das eben übernommen und dieses Instrument gelernt. Ich hatte nie vor, den Bass zu behalten, aber da es sonst niemanden gab, konnte ich meinen eigenen Stil entwickeln. So schlecht war die ganze Geschichte also gar nicht. (lacht)

Heuer feiert die Band mit dir als letztem verbliebenen Gründungsmitglied ihr 50-Jahre-Jubiläum.
So gut wie, ja. Wir spielten vorher schon als Sechs-Mann-Band unter anderen Namen, doch so richtig zu Nazareth wurde das Ganze erst Anfang 1970. Es sind aber bald 50 Jahre, mit der bekannten Besetzung. Unfassbar eigentlich, wie alt ich mittlerweile bin. (lacht)

Ob 48 oder 50 Jahre - es ist eine stattliche Zeitspanne. Seitdem hat sich das Musikgeschäft natürlich in allen Bereichen fundamental verändert. Was vermisst du am meisten von diesen frühen, heute oft als so unschuldig gesehenen Tage im Rockbusiness?
Es gibt heute ja gar kein Musikbusiness mehr. Niemand verkauft mehr Alben und die Musiker wissen nicht, wie sie von ihrer Kunst überleben sollen. Ich bin so glücklich, dass ich die goldenen Zeiten in den 60er- und speziell in den 70er-Jahren live miterlebt habe. Das wird es nie wieder geben. Damals haben die Leute ihr ganzes Geld in den Plattenladen getragen, um sich die Alben ihrer Favoriten zu kaufen. Heute braucht jeder sein neues Smartphone, eine X-Box und Millionen anderer Dinge, wo das Geld hinfließt. Für die Musik bezahlt kein Mensch mehr etwas. Aber ganz ehrlich - würde ich es anders machen? Müsste ich mich entscheiden, ein Album oder ein Computerspiel zu kaufen, würde ich mich wohl für das Spiel entscheiden. Als mein Sohn Lee, der bei uns seit fast 20 Jahren Schlagzeuger ist, ein Kind war, kaufte ich ihm den Commodore 64. Wir Alten dachten damals schon, das wäre das Ende der Welt. (lacht) Was sollte da noch kommen? Und jetzt sieh dir an, was man heute kaufen kann. Die Prioritäten der Menschen haben sich verschoben, heute ist nichts mehr so wie früher. Das einzige, das heute noch funktioniert, sind Livekonzerte. Die Shows sind immer noch sehr gut besucht und die Menschen kaufen Konzertkarten - da können wir uns glücklich schätzen.

Hand aufs Herz - würdest du in deinem stattlichen Alter aber überhaupt noch so viel touren, wenn du noch viele Alben verkaufen würdest?
Das würde nichts daran ändern. Live zu spielen ist wie eine Sucht und es macht unendlich viel Spaß. Wenn du von einer Tour nach Hause kommst, willst du das nie wieder machen. Aber dieser Zustand hält nur ein paar Wochen an und dann kribbelt es wieder und du willst raus. Nach drei Wochen daheim schlagen die Warnantennen an und dein Körper ist bereit, wieder loszuziehen. Daheim gehst du dir ja doch nur selbst auf die Nerven. (lacht) Es ist wunderbar, Songs zu schreiben, aber du kannst nichts im Leben mit dem physischen Erlebnis vergleichen, deine eigene Musik vor anderen Menschen live zu spielen. Du fühlst die Leute und ihre Reaktionen darauf und das ist unbezahlbar. Bei uns würde sich auch mit mehr verkauften Alben nichts ändern. Wir waren immer eine tourende, rockende Band - zeit unseres Lebens. Wir sichern im Prinzip ja sogar Arbeitsplätze, denn unsere Licht- und Tontechniker können sich auch darauf verlassen, dass Nazareth immer auf Tour sein werden. Es reicht heute nicht mehr, alle fünf bis sechs Jahre wo aufzutauchen. Status Quo waren hier immer meine Vorbilder. Eine hart arbeitende Band, die immer on the road ist. So ist es auch mit uns, Saxon oder Uriah Heep. Egal ob mit oder ohne neuem Album, wir sind einfach unterwegs. Andere wollen mit Touren nur ihr neues Album verkaufen und dann sind sie wieder drei Jahre von der Bildfläche verschwunden, aber so ticken wir nicht. Ich wüsste ja nicht einmal, womit ich meine Zeit totschlagen sollte, wenn ich nicht unterwegs wäre.

Mit eurem 1975er Album „Hair Of The Dog“ habt ihr einmal einen wirklich großen Wurf gelandet, ansonsten wurden Nazareth aber über all die Jahrzehnte oft unter ihrem Wert geschlagen. Bist du der Meinung, ihr hättet mehr Ruhm und mehr Erfolge verdient?
Darüber denkt man nicht nach. Manche Menschen sind viel eher der Meinung, wir hätten im Endeffekt mehr Erfolg gehabt als verdient, weil wir nur dieses eine wirklich große Album hatten. Aber viele Nummern darauf wurden zu unsterblichen Klassikern. Das schafft auch nicht jeder und so blieben wir den Menschen über all die Jahrzehnte im Kopf. Nummern wie „This Flight Tonight“ oder „Love Hurts“ haben all die Jahre überstanden. Außerdem haben wir uns niemals aufgelöst, haben niemals die großen Rockstar-Dramen gehabt oder nach außen getragen. Das ist gar nicht so unwichtig, um immer im Gespräch zu bleiben. Für manche Menschen sind wir die beste Band der Welt und das macht mich unheimlich stolz und froh. Natürlich könnte es noch sieben Millionen mehr solcher Menschen geben, aber uns geht es wirklich gut.

Ist es denn überhaupt notwendig, noch neue Alben zu veröffentlichen? Nicht nur deshalb, weil die Verkaufszahlen ohnehin rückläufig sind, sondern vor allem deswegen, weil die meisten von euch ohnehin nur die großen Hits hören wollen.
Natürlich, aber es gibt einen wichtigen Punkt für das Aufnehmen neuer Songs - erstens bewahrst du dir damit deine Kreativität und zweitens beweist du allen, dass du noch lebst. Wenn ich schon alles gesagt hätte, könnte ich ja auch aufhören. Viele Nazareth-Fans haben mir glaubhaft versichert, dass sie unsere letzten drei Alben „The Newz“ (2008), „Big Dogz“ (2011) und „Rock’n’Roll Telephone“ (2014) für die besten unserer Karriere halten - das gilt auch für mich. Wir sind so vielseitig wie nie zuvor und haben eine wirklich gute Produktion. Auch wenn niemand ein Album davon kaufen würde, wäre ich stolz darauf, weil es unser Geistes Kind war und es mir niemand mehr wegnehmen kann. Vom kommerziellen Standpunkt her gesehen ist eher die Frage, warum überhaupt noch jemand Alben schreibt? Sinn macht das aus der Sicht auch keinen mehr. Hast du das Video von Liam Gallagher auf YouTube gesehen, wo er sich darüber beschwert, dass er den Tee selbst zubereiten muss? Das trifft es genau auf den Punkt. (lacht) Genau so hat sich das Musikbusiness tatsächlich verändert.

Fiel es dir immer leicht, den rebellischen Geist des jungen Pete Agnew über die Jahre in die Gegenwart zu tragen?
Ich war niemals ein großer Rebell, das wäre wohl eine falsche Selbstbeschreibung. Ich lebte immer für die Musik und durfte sie mit meinen Freunden machen. Ich habe mich immer sehr glücklich gefühlt, dass ich mit etwas, das ich liebe und wo ich meine Schritte selbst entscheide, auch überleben kann. Mir musste niemand sagen, was ich zu tun haben und ich muss nicht um 6 Uhr früh aufstehen, um in ein Büro zu kommen.

Gerade bei Nazareth hat sich das Line-Up über die knapp 50 Jahre so oft verändert, dass sich selbst die Fans nicht immer auskannten, was da gerade passiert. Gab es jemals einen Punkt, an dem du überlegt hast, dieses Kapitel deines Lebens zu schließen?
Als mein Freund und Sänger Dan McCafferty 2013 gesundheitsbedingt aufhören musste, war ich kurz davor. Es gab für mich kurz keinen Sinn mehr, alles weiterzuführen. Wir beide waren schließlich die Band und das über so lange Zeit. Außerdem hat er eine einzigartige Stimme und war einer der begehrtesten Rocksänger der Welt - zudem ist er mein allerbester Freund. Ich treffe ihn noch heute mindestens einmal die Woche, wenn ich nicht auf Tour bin. Dan kann einfach nicht ersetzt werden, dessen bin ich mir bewusst. Er wollte nicht aufhören und wollte auch nicht, dass die Band wegen ihm aufhört. Wir haben dieses Thema ein paar Tage in Ruhe reflektiert und haben dann beschlossen, weiterzumachen. Wir wollten auch keinen Dan-Sound-a-like, denn das hätte keinen Sinn gemacht. Wir brauchten einen Sänger, der seinen Stil einbringt, aber Dans Vermächtnis ehrt. Für die Fans würde es ohnehin schwer werden, das wussten wir. Mit Linton Osborne wurden wir nicht glücklich und dann fanden wir Carl Sentance, der eine raue, aber sehr einzigartige Stimme besitzt. Wir hatten so viele Auditions und jeder Bewerber wollte komplett gleich wie Dan klingen, aber danach haben wir nie gesucht. Carl brachte seine eigene Farbe ein und genau das war entscheidend für sein Engagement. Mittlerweile ist Dan seit vier Jahren nicht mehr dabei und wir wurden es langsam gewohnt. Es war aber schwierig, ohne meinen dicken Kumpel auf Tour zu sein. Wir saßen immer zusammen an der Bar und kennen uns seit dem allerersten Schultag, als wir fünf waren. Sogar unsere Mütter kannten und mochten sich sehr gerne. Es war einfach schwierig, ohne Dan weiterzumachen. Dan vermisst das Touren auch. Er kann schon noch einzelne Konzerte spielen, so wie diese kleine „Rock Meets Classic“-Reihe, aber er kann keine Tour mehr mit vollen Sets singen, das geht einfach nicht. Es nervt ihn, aber er muss damit leben. Ich bin einfach froh, dass er überhaupt noch singen kann und sein Leben mit Sinn füllt. Nach so vielen Jahren einfach zuhause sitzen und nichts tun, das hält ja niemand aus, das ist wie ein riesengroßer Pensionsschock. In Schweden fuhren wir auf einer Rock-Cruise mit und er war dort als Gast geladen, sang mit uns spontan drei, vier Nummern. Dafür ist immer Platz bei uns, das steht völlig außer Frage.

Stimmt eigentlich diese legendäre Story, dass du Deep Purples Ritchie Blackmore einst aus dem Backstage prügeln wolltest, weil er Dan fragte, ob er nicht bei Deep Purple als Sänger einsteigen wolle?
Das ist eine der Geschichten, die irgendwann ein übertriebenes Eigenleben entwickelten. Ritchie kam in unsere Umkleide und hat Kontakt mit Dan aufgenommen. Er war nicht der beliebteste Musiker, das war aber allen bekannt. Als er also damit ankam, habe ich ihm sofort ein „Fuck You“ entgegengeschleudert und gesagt: „Blackmore, verschwinde aus unserer Umkleide“. Es war mehr ein Scherz als eine Drohung, aber natürlich war es kein Thema, dass wir Dan hergeben würden. Solche Geschichten sind aber Rock’n’Roll und prägen natürlich die Legende einer Band wie unserer. (lacht)

Die zweite legendäre Geschichte ist jene, dass du abgesagt hast, mit Nazareth auf Axl Rose‘ Hochzeit aufzutreten, der bekanntermaßen ein Riesenfan von euch ist.
Er hat den Song „Hair Of The Dog“ für sein „The Spaghetti Incident?“-Album gecovert und konnte uns als Band immer gut leiden. Als er heiratete, waren wir aber gerade irgendwo mitten in Europa auf Tour und konnten diese deshalb nicht einfach so abblasen. Es ist schade, dass es nicht geklappt hat, aber wir sind immer noch gute Freunde. Wenn ich Axl treffe, haben wir immer noch viel Spaß miteinander. Das letzte Mal habe ich ihn vor ungefähr sechs Jahren gesehen, weil wir unser damaliges Album gerade dort aufgenommen haben, wo Axl mit Guns N‘ Roses spielte. Die Feier war jedenfalls eine ordentliche, denn ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern und bin mir ziemlich sicher, dass wir das Studio am nächsten Tag nicht betraten. (lacht)

Was waren die größten Missverständnisse, die es in Bezug auf Nazareth gab?
Ach was, Gerüchte gibt es immer und überall, aber ich habe mich davon niemals aus der Ruhe bringen lassen. Wir waren niemals so groß wie die Beatles und mussten uns deshalb nie in der ganz großen Öffentlichkeit mit negativer Berichterstattung oder falschen Geschichten herumschlagen. Aufgrund meines Nachnamens musste ich mich jahrelang damit quälen, dass die Leute glaubten, ich wäre ein Russe. Das war ja damals nicht alles so einfach wie heute, wo die Welt eine offene ist. Sie sprachen meinen Namen immer falsch aus und ich sagte allen, dass ich noch eher Japaner wäre als Russe. (lacht) Aber weißt du, was das Kuriose daran ist? Aufgrund dieses Gerüchts wurde die Band in Russland von Jahr zu Jahr größer und erfolgreicher. Solch ein Eigenleben kann eine falsche Sache entwickeln, für uns war es in dem Fall positiv.

Gerade als Schotte bist du mit einem speziellen Humor ausgestattet. Viele werden wohl auch nicht immer deine Ironie bei gewissen Dingen richtig erfasst haben.
Man muss aufpassen, nicht jeder versteht dich richtig. Aber wir hatten Glück, denn es gab niemals ein Gerücht, dass uns als Band aus der Bahn geworfen oder uns nachhaltig geschadet hätte.

Wie sah es bei euch früher mit Exzessen und Skandalen aus? Gerade in den 70ern waren der Dekadenz im Musikgeschäft bekanntlich Tür und Tor geöffnet.
Es gibt Musiker und Rockstars, das sind zwei sehr verschiedene Welten. Und dann gibt es noch die Möchtegerns, das sind die allerschlimmsten. (lacht) Es ist eine falsch verbreitete Legende, dass alle Rockbands in den 70ern hedonistisch gelebt hätten, das ist einfach nicht wahr. Es war nicht jeder ein Keith Moon. Dan McCafferty trank eher zu viel Kaffee. Das ist langweilig, die Geschichten will niemand hören, aber so war es bei uns. Wir haben auch nie einen Fernseher aus einem Hotelzimmer geschmissen. Wir hatten immer viel Spaß und spielten uns viele Streiche. Wir waren dumme Jungs, aber wir haben nie irgendetwas Arges verbrochen. Bands wie Deep Purple, Uriah Heep und wir waren da immer ziemlich diszipliniert. Lemmy war ein richtiger Rockstar. Er hat auf alles geschissen und es war ihm alles egal. Die meisten Bands kannten ihre Grenzen, für Lemmy gab es schlichtweg keine.

Und der Umgang unter den Bands war offenbar sehr respektvoll. Egal, ob mit oder ohne Skandalen.
Natürlich war er das, man schätzte sich als Musiker. Natürlich gab es arrogante Idioten, die schlecht über dich redeten, nicht einmal im selben Hotel mit dir sein wollten. Aber mit denen gab man sich einfach nicht ab, wozu auch? Jeder, der mit uns zu tun hatte, hatte sicher ausreichend viel Spaß. Auch wenn wir ganz sicher zur harmloseren Fraktion zählten.

Anfangs hast du deinen Sohn Lee angesprochen, der 1999 ins Nazareth-Bandgefüge kam. Hast du ihn von Anfang an mit Ratschlägen versorgt?
Er war schon davor ein in Schottland sehr bekannter Schlagzeuger, dem viel Respekt entgegengebracht wurde. Mein anderer Sohn ist ein hervorragender Bassist, ich brauche meinen Jungs nicht mehr mit Ratschlägen kommen. Manchmal passiert es, dass ich einen Irrläufer als Nachricht kriege, weil jemand Agnew als Bassisten haben will. Die meinen aber nicht mich, sondern meinen Jungen. (lacht) Die beiden spielen seit sie Kinder sind. Bevor Lee 1999 als fixer Drummer bei uns einstieg, war er schon einige Jahre lang unser Drum-Techniker. Er kannte also die Gegebenheiten in der Band und war mit uns sehr gut vertraut. Wir fuhren zusammen durch die USA und durch ganz Russland, er kannte ja sogar das Set auswendig. Sogar Darrell, unser leider verstorbener langjähriger Drummer, schätzte Lees Fähigkeiten und gab ihm längst seinen Segen. Natürlich ist das familiäre Touren und Spielen ein anderes, weil man ganz anders kommuniziert und aufeinander eingestellt ist. Wir sehen uns aber auf Tour kaum. Ich weiß die halbe Zeit nicht, was er gerade treibt. Er läuft irgendwo in der Stadt herum, schläft oder trinkt wo ein Bier. Wir treffen uns ohnehin vor dem Auftritt, das reicht völlig aus. (lacht)

Ihr seid damals schon sehr früh von Schottland nach London gezogen, weil sich dort das ganze britische Musikgeschäft abspielte. London kann aber auch eine sehr oberflächliche, aussaugende Stadt sein. Wie hat diese Veränderung die Band geprägt?
Du musstest dort hin, um überhaupt eine Karriere zu machen. Alle Labels waren dort, die komplette Presse und damals war es auch nicht so leicht, zu kommunizieren. Heute brauchst du nur Skype, dein Telefon oder eine E-Mail. Damals musstest du noch präsent sein und wohin fahren, es war einfach nicht anders möglich, wenn man etwas erreichen wollte. Alles Geschäftliche war auf diese Stadt beschränkt. Fast jeder Musikstil kam damals aus London, bis diese jungen Lads sich in Liverpool formierten und das ganze Geschäft von Grund auf veränderten. Es war eine großartige Zeit damals. Für uns waren aber auch Glasgow oder Edinburgh fremd, also war der Schritt nach London auch schon egal. Ende der 60er-Jahre startete dort die gesamte Rock-Ära, aber heute wäre das natürlich völlig egal, es gibt keine geografische Zentrierung mehr.

Habt ihr euch in London aber auch wohlgefühlt?
Es war anfangs fremd, aber der Vibe war einzigartig. Diese Stadt pulsierte, alles lebte und es gab so viele kreative Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken. Wir wohnten in irgendeinem heruntergekommenen Viertel, aber die Mentalität dort war einzigartig. Du musstest dich darauf einlassen, dann war die Stadt gut zu dir. Mick Jagger, Eric Clapton, alle waren sie dort, weil sie das Fieber dieser Stadt genossen. In den 80er-Jahren war das schon wieder ganz anders, da hatte sich viel zu viel verändert. Im Endeffekt ging es aber um reinen Pragmatismus. Wolltest du eine Karriere machen, musstest du nach London. Ohne Kompromisse. Kein Schwein fuhr aus England für dich nach Edinburgh, völlig ausgeschlossen. Aber Mann, das ist jetzt mehr als 50 Jahre her. Das ist so, als hätten wir damals mit jemanden über das Jahr 1900 gesprochen, das musst du dir einmal vorstellen. (lacht) Ich habe aber ein gutes Erinnerungsvermögen und kann mich teilweise sogar noch an Dialoge erinnern, die ich 1965 geführt habe.

Würdest du gewisse Dinge in deinem Leben mit dem Wissen von heute rückblickend verändern?
Ich habe keine Ahnung, das ist mir fast zu hypothetisch. Wir alle machen Fehler und ich kenne keinen Musiker von damals, der zum Beispiel nicht von seinem Management brutal über den Tisch gezogen wurde. Jeden einzelnen hat es erwischt. Manchen schwerer, manchen weniger schwer. Es ging uns allen nur um die Musik und wir hatten alle keine Ahnung vom Geschäft, was dann auch jeden zum Verhängnis wurde. Ich würde mir auf jeden Fall das Grundwissen für die wirtschaftlichen Belange raufschaffen, um nicht so viel Geld umsonst in den Sand zu setzen. Alles andere ist aber gut so, wie es passierte. Ich kenne auch keinen Kollegen, der mit seinen Alben zufrieden wäre, aber man muss sie nehmen, wie sie entstanden. Es hat auch keinen Sinn über Dinge nachzudenken, die gar nie passierten oder passieren hätten können. Ich kann mit meinem Leben ganz zufrieden sein.

Gibt es beispielsweise einen bestimmten Song, den du aus gewissen Gründen nie mehr spielen möchtest?
Ganz ehrlich? Es gibt sicher welche, aber sobald ich sie live vor Publikum spiele und ein positives Feedback bekomme, ist alles gut. Mich würde aber einmal interessieren, was passieren würde, wenn wir einmal „Love Hurts“ auslassen. Jeden anderen Song haben wir hie und da mal weggelassen, aber diesen eigentlich nie. Seit dem Tag, an dem wir ihn geschrieben haben und er wird von uns auch bis an unser Ende gespielt werden. Die Leute bezahlen ihre Tickets aber auch dafür, diesen Song zu hören. Es wäre arrogant und egoistisch, ihn wegzulassen.

Außerdem würden die Leute euch wohl die Bühne niederbrennen, wenn der allergrößte Hit fehlt.
Möglich wäre es. (lacht) Aber wenn du einen Song aufnimmst, dann rechnest du erst einmal nicht mit einem so durchschlagenden Erfolg. Es wäre auch total vermessen. Wir dürfen ihn live auch nicht zu sehr verändern, denn die Leute haben sich eben mit einer gewissen Art des Songs identifiziert. Natürlich gibt es Tage, wo ich überhaupt keine Lust darauf habe, aber es ist ein Segen, so einen Song zu besitzen. Wir haben zumindest die Möglichkeit, das Set insgesamt immer so zu verändern, dass wir die Konzerte für uns selbst interessant halten. 60 Prozent einer Setlist sind eigentlich vorgegeben, weil die Menschen sonst ihr Geld zurückverlangen würden. Dessen musst du dir bewusst sein, wenn du eine lange Karriere hast. Ich habe in Edinburgh mal Jackson Browne gesehen und er spielte nur Songs seines damals neuen Albums. Fuck, was soll ich damit? Ich zahle doch für die Hits und nicht für eine Experimentalshow. (lacht) Du kannst die Hits einfach nicht auslassen, das bist du den Fans schuldig. Mir ist auch klar, dass Deep Purple keinen Bock mehr auf „Smoke On The Water“ haben, aber dafür sichern ihnen die Menschen ihr komfortables Leben. Je schneller man das versteht und realisiert, umso besser lebt man damit. Im Endeffekt sind das alles nur Luxusprobleme, dessen bin ich mir durchaus bewusst.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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