Di, 21. August 2018

Live im Gasometer

21.02.2018 02:16

Scooter: „Heiligeili, ihr Schweine!“

Die deutsche Techno-Institution Scooter feiert heuer ihr 25-jähriges Bestehen und befindet sich auf großer Hit-Tour. Dienstagabend spielten sie im seit Wochen ausverkauften Wiener Gasometer eine fast zweistündige Show, die sämtliche Facetten aus dem ersten Vierteljahrhundert Bandgeschichte abdeckte. Folgend eine subjektive Retrospektive des Abends eines langjährigen, stolzen Scooter-Fans.

21.20 Uhr – Intro (25 Years Wild & Wicked Tour): Endlich. Das Warten hat ein Ende. Eine tiefe Stimme aus dem Off zählt die Scooter-Karrierekapitel herunter, die u.a. aus „Hyper Hyper“, „The Fire“ oder „The Blitz“ bestehen. Unter frenetischem Jubel der gut geölten Anwesenden wird eine überdimensionierte Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger auf die Bühnendecke gespult. Die Botschaft auf und vor der Bühne ist gleichermaßen klar: pure Eskalation.

21.22. Uhr – One (Always Hardcore):„I Am The Horseman“ – meint H.P. nun sein Gemächt oder spricht er doch seine Pferdelunge an? Egal, im Glitzerjackett schiebt er die Adrenalin-Regler in der mit Tobenden gefüllten Halle über gängige Skalen. Zehn kleinere und eine große Videowall wummern die Visuals im Takt mit dem durchdringenden Bass. „One world, one people, one music“ – damit hat der 53-Jährige schon im ersten Song mehr Menschlichkeit bewiesen als die neue Regierung.

21.26 Uhr – Wild & Wicked: Der Name ist Programm, nichts anderes passiert hier in den folgenden knapp zwei Stunden. Keyboarder Phil Speiser, übrigens gebürtiger Wiener, schnallt sich eine E-Gitarre um. Diese hat hier einen ähnlichen Stellenwert wie Turntables auf einem Death-Metal-Konzert. Es geht ja um die Effekte – und um die Botschaft: „You like the drum, you like the bass / we got the sound, to blow your face“. Mission gelungen.

21.29 Uhr – My Gabber: Baxxter kommt langsam auf Betriebstemperatur. Er entledigt sich seiner Jacke und schreit erstmals Anfeuerungsrufe in einen ohnehin schon mit Feierwütigen gefüllten Saal. Sein Englisch könnte Deutscher nicht sein – und gerade dafür lieben ihn vor allem die Deutschen und die Engländer. Vier durchtrainierte und durchchoreografierte Tänzer hoppeln beschwingt zu den Beats. Im Publikum werden die ersten Knicklichter aktiviert und für allerlei Schabernack misshandelt. Die ersten „Döp Döp Döp“-Rufe setzen ein – aber im Rhythmus von Gigi D’Agostinos „L’Amour Tourjours“. Egal, auch ein vertontes Heiligtum.

21.33 Uhr – The Pusher/Jump That Rock (Whatever You Want): „Wiiiiiicked“, „Screeeeeam“ – jetzt gibt es kein Halten mehr. Vor zehn Jahren kamen die britischen Boogie-Rock-Legenden Status Quo auf die eigenwilligen Idee, einen ihrer größten Hits mit dem militärischen Gebell von Baxxter zu kreuzen. Das klingt noch immer sonderbar und gewagt. Jumpstyle meets British Rock. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

21.39 Uhr – Ramp! (The Logical Song): Baxxter wird nostalgisch, sinniert über die schönen Seiten seiner Jugend und zarte Vögel in Bäumen, während der donnernde Bass ein ständiger Herausforderer für die Herzschrittmacher der näheren Umgebung ist. Die Handykameras rauben den Kleinen in den letzten Reihen die Sicht vollends – doch dieser 2001er-Song ist Musikgeschichte für den kleinen Mann. Große Kunst!

21.43 Uhr – Bora! Bora! Bora!:„To jump or not to jump – that’s the question“ – wer braucht schon Shakespeare, wenn H.P. Baxxter die wahren Gegenwartsprobleme der heutigen Jugend in nachvollziehbare Lyrik packt. Mehr hätte es nicht gebraucht – das Gasometer bebt und die wohldurchdachten, vornehmlich aus (den nun richtigen) „Döp Döp Döp“-Zeilen bestehenden Texte sind das Fundament dieser aktuellen Single. Chapeau – das untrügliche Gespür für memorable Hits hat Scooter auch nach 25 Jahren nicht verlassen.

21.46 Uhr – Universal Nation/Scarborough Reloaded: Endlich Pause. Baxxter darf nach einer halben Stunde Vollgas das erste Mal backstage, um Sauerstoff zu tanken, Bier zu trinken oder Texte zu lernen – wer weiß das schon so genau? Eine gesampelte Frauenstimme bezirzt derweil das Publikum mit den vier leichtbekleideten und grazilen Tänzerinnen, während die Instrumentalfraktion Phil Speiser und Michael Simon vor Epilepsie-fördernden Lichteffekten am Rhythmus werkt. Durchschnaufen heißt es auch beim Publikum, wo die ersten bereits kurz vor der Dehydration stehen. Wer sagt noch einmal, dass ein Techno-Konzert kein Hochleistungssport ist?

21.50 Uhr – Oi!: Während man andere Musiker schon für den bloßen Anflug von Arroganz oder Bodenhaftungsverlust ans mediale Kreuz nagelt, kann sich Baxxter alles leisten. „All around the world you see my face on TV, and all around the world they want to be like H.P.“ – ja um Gottes Willen natürlich. Wer Thomas Bernhard liest und im noblen Hamburger Norden die Garage voller Jaguars und Aston Martins hat, der hat es geschafft. Und dennoch verkennt der Fronthüne nicht die wichtigste Botschaft des Lebens: „Don’t take life too serious, nobody gets out alive anyway“ – danke!

21.54 Uhr – Bigroom Blitz: Die Tänzerinnen haben sich mittlerweile die „Hooters“-Panier übergeworfen, während Baxxter ein inbrünstiges „Yeeehah“ in den Saal wirft und gemeinsam mit US-Rapper Wiz Khalifa durch textliche Sinnlosigkeiten watet. Auch der konnte der Kooperationsversuchung mit Deutschlands erfolgreichstem Techno-Export nicht widerstehen – und steigerte seine Popularität in unseren Breitengraden damit vehement.

21.59 Uhr – Mary Got No Lamb: Nie zuvor oder danach hat jemand Themen wie teure Autos, Religion und Entjungferungen so frech und kompromisslos in einen Text gebannt wie H.P. Baxxter in diesem Referenzwerk. Die mit Schafskopfmaske tanzende Bühnenschönheit vermittelt der skurillen Gesamtatmosphäre noch einen zusätzlichen Schuss Obskurität. Im Gasometer brechen dafür alle Dämme. Jetzt setzt sich auch die Generation Ü40 haltlos in Tanzbewegung. Es ist wie bei einem großen Familientreffen – manchmal nervig, aber doch irgendwie liebenswert.

22.01 Uhr – How Much Is The Fish?: Seit der Edeka-Werbung wissen wir alle, dass der Fisch 1,59 Euro kostet. Die Nummer hat auch nach 20 Jahren nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt. Während acht Luftballonhaie durch den Saal gleiten, stellt uns H.P. die vielleicht wichtigste Frage der Menschheitsgeschichte zum gefühlt zwölf Millionsten Mal. Eine hierzulande liebgewordene Tradition wie der Fasching oder das ländliche Weihrauchtragen – da weiß man auch nicht immer gleich, warum man es tut.

22.07 Uhr – Can’t Stop The Hardcore: Egal ob „middle fingers in the air“, „drinking Vodka Belvedere“ oder „naked bitches everywhere“ – wir können den Hardcore nicht stoppen. Der Scooter-Partystampfer im Sirtaki-Stil hat zwar schon ordentlich Rost angesetzt, ist aber eine willkommene Abwechslung zum viehischen Beat-Stakkato. Quasi die Schuhplattler-Hymne der Generation Buffalo.

22.11 Uhr – Medley ohne Baxxter: Na endlich. Nach knapp einer Stunde darf im Zuschauerbereich durchgeatmet werden. Die Sitzplatzkarteninhaber setzen sich wieder hin, Dauerfilmer haben die Möglichkeit, Whatsapp-Anfragen zu beantworten und den Zwischenstand des Champions-League-Spiels Chelsea vs. Barcelona zu checken oder das schale Bier durch schaumloses neues zu ersetzen. Baxxter verzieht sich wieder nach hinten – vielleicht zum Nachfärben der Haare? Böse Zungen behaupten ja, die Farbe verwandle sich zusehends in Friedhofsblond. Gegen diese infamen Unterstellungen hüpft und läuft der topfitte Frontmann aber energisch an.

22.17 Uhr – Fire: Genug geruht, es geht wieder in die Vollen. Die Flammen schießen aus dem Bühnenboden, Funken sprühen aus Baxxters E-Gitarre. Vor fast exakt zwölf Jahren hatte er an selber Stelle Jeff „Mantas“ Dunn samt Gitarre an seiner Seite – der war Gründungsmitglieder der weltweit ersten Black-Metal-Band Venom. Ein weiterer Beweis, wie wenig sich der Scooter-Chef um Normen oder ungeschriebene Gesetze schert. Als ob hier drinnen nicht ohnehin schon alles brennen würde, zündelt der auch noch nach…

22.21 Uhr – Jigga Jigga!: Und dann auch noch das! Leitet der Kerl den Song doch glatt mit dem Gitarrenriff des Van-Halen-Kultsongs „Ain't Talkin' Bout Love“ ein. Dazu muss man vielleicht wissen, dass Baxxter vor seiner Scooter-Karriere auch im Metal-, Rock- und Gothic-Bereich experimentierte und mit seinem alten Projekt Celebrate The Nun noch immer auf YouTube zu finden ist. Hinter den Frauen im Pfauenkostüm und der brachialen Bass-Energie verpackte Baxxter übrigens wieder eine Botschaft für die Ewigkeit: „If you love me or you hate me, I don’t give a damn“ – verdammt, ja!

22.28 Uhr – Posse (I Need You On The Floor)/The Night: Jetzt wird es Zeit für das Millennium-Paket, der vielleicht stärksten Phase der Scooter-Historie. Zwischen 1998 und 2004 hatte die Band ihre kreativste und erfolgreichste Phase, was sich auch in Songs wie dem rasanten „Posse“ niederschlug. Baxxter feuert die sinnbefreiten Lyrics auch anno 2018 feurig in die danach gierende Meute, dass man den treuen Fans aber den famosen Übergang zum letzten Songdrittel verwehrt und direkt auf das melodischere „The Night“ überleitet, darf als Sakrileg gewertet werden.

22.33 Uhr – Fuck The Millennium/Call Me Mañana: Was für ein Statement das doch 1999 war, als H.P. Baxxter das Millennium direkt anpisste. Es ist wohl ihm und diesem Song zu verdanken, dass die Erde sich auch danach noch weiterdrehte. Das ist dem Publikum nicht so bewusst, das feiert lieber so, als ob morgen die Apokalypse eintreten würde. Jetzt will es Baxxter wissen – von sich und allen anderen. Knapp eineinhalb Stunden sind vergangen und er peitscht ohne Pause Hit um Hit in das Oval. Sind das nicht schon mehr Klassiker als bei den Beatles? Für gut 3.200 Menschen definitiv.

22.40 Uhr – Aiii Shot The DJ: Jetzt nur nicht schlappmachen, eine Tschick nach der anderen wird angezündet. Kontrolliert hier sowieso keiner. Für das Video zu „Aiii Shot The DJ“ hat sich einst übrigens Jazz-Skurillo Helge Schneider hergegeben. Heute nutzt Baxxter die Nummer, um dem Wiener Publikum nebenbei seinen ehrlichen Respekt zu zollen. Und fürwahr – die Symbiose aus Künstler und Gefolge ist eine funktionierende.

22.43 Uhr – Roll Baby Roll: Melodien, Sanftmütigkeit, Entschlackung – nach einer halben Stunde Vollgas wird hier gefühlt erstmals unter 133 bpm geschraubt. Man ist ja keine 20 mehr. Zumindest nicht auf der Bühne, dafür aber durchaus im Auditorium. Den Generationswechsel bei den Fans haben Scooter zum wiederholen Male souverän geschafft, denn mittlerweile besucht die Kategorie 14 bis 55 das bunte Treiben. Es ist ein bisschen wie mit der Kelly Family – nur noch drastischer: musste man früher die Scooter-Alben verstecken, trägt man heute stolz Shirt und Rucksack, kauft den Merch-Tisch in kürzester Zeit leer. Scooter sind eben cool geworden.

22.48 Uhr J’adore Hardcore/Jumping All Over The World: Das Original ist von Planet Funk, aber die Scooter-Version wird mittlerweile auch auf der Profi-Darts-Tour in Dauerschleife gespielt. „J’adore Hardcore“ hat aber auch das Shufflen in den Vordergrund gerückt und fordert von den Tänzern noch einmal alles. „I like the way it’s hard, I love the way it’s loud / no one understands what the fuck I am about“ – es ist die Hymne der Missverstandenen und gegen-den-Strom-Schwimmenden. So wie es auch Baxxter selbst immer interpretierte. So höret die Botschaft, die sich hinter dem 4.30-Uhr-Disco-Tanzkracher verbirgt!

22.58 Uhr – Maria (I Like It Loud): Die einzige Nummer-eins-Single in Österreich hat sich der schlaue Fuchs Baxxter natürlich für das Grande Finale aufgehoben. Der Song, dessen Refrain weltweit nicht nur in Sportstadien gesungen wird, sondern in den Alltagsgebrauch eingezogen ist. Das „Seven Nation Army“ der Technophilen. Noch einmal fahren Scooter mit Feuerzungen auf und wärmen die völlig durchnässten, heiseren und vor allem glückseligen Jünger in den vordersten Reihen. Willkommen in der Sauna der Zügellosigkeit.

23.02 Uhr – Move Your Ass!/Friends Turbo/Hyper Hyper/Move Your Ass!: Es geht ja doch noch – ganz am Ende, im Medley-Bonuspaket verpacken Scooter auch noch die wirklich alten Hits ihrer 25-jährigen Karriere. Ohne den überraschenden Erfolg von „Hyper Hyper“ hätte es schließlich all die Ingredienzen dieses knapp zweistündigen Programms nicht gegeben und die Eskalation hätte niemals stattgefunden. Wer hätte sich damals gedacht, dass diese Band zu einem zeitlosen, alle Kategorien von Menschen umfassenden Klassiker gedeihen würde? Respect to the men in the icecream-van!

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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