EU vor Ort gefordert

Drama um die Bettler in Schnee und Eiseskälte

Salzburg
15.02.2018 06:30

„Caritas zu, ich Brücke!“ In gebrochenem Deutsch antwortet die im eiskalten Schnee sitzende Frau auf die Frage, wo sie denn die Nächte verbringe. In der Stadt Salzburg erlebt die Bevölkerung das völlige Versagen der EU im Sozialbereich aus nächster Nähe. Das Drama um die Bettler bewegt die Menschen sehr.

Der Direktor der Caritas, Dr. Johannes Dines, kennt die Situation genau: Die Bettler stammen aus  Dörfern in einer Gegend  im EU-Mitgliedsland Rumänien, das mit Milliarden gefördert wird. Es sind – so Dines – „zusammenhängende Familienverbände“, die unter unvorstellbaren Bedingungen leben müssen. Es gibt nur halb verfallene Häuser, kaum Infrastruktur und keine Schulbildung für die Kinder. Wie mühsam die Prozesse der Hilfe sind zeigt sich in der Tatsache, dass Projekte auf den Zeitraum von mindestens zwanzig Jahren angelegt werden müssen. Derzeit haben die Malteser Kontakte.

Haus „Franziskus“ ist derzeit völlig überfüllt

80 Menschen bringt die Caritas zur Winterzeit in ihrem Haus „Franziskus“ in der Stadt unter, geschätzte 50 bis 60 Bettler sind dabei, in der Stadt dürften sich nach Schätzungen aber 80 bis 90 von ihnen befinden. Auch die Notschlafstelle der Stadtverwaltung ist hoffnungslos überfüllt.

Rumäniens Staatspräsident Klaus Johannis gehört der Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen an, die seit dem 12. Jahrhundert in dem Land ansässig sind.  Doch viele wanderten nach dem Krieg nach Westeuropa aus. 1955 entstand in Elixhausen die Siedlung „Sachsenheim.“

Ein Bettler in der Sigmund Haffner Gasse im Schnee (Bild: Markus Tschepp)
Ein Bettler in der Sigmund Haffner Gasse im Schnee

Vergeblich versuchte die „Krone“ während des Besuchs des Staatspräsidenten bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2015 den Politiker mit dem Elend der aus seinem Land kommenden Bettlerfamilien zu konfrontieren. Auch von offizieller Seite sprach niemand das Thema an.

Johannis und seine Frau waren übrigens in Rumänien in eine Immobilien-Affäre verwickelt, es kam aber nicht zu einem Prozess.

Notmaßnahmen für Familien im Freien

Die Caritas versucht nun, den unter den Brücken an der Salzach hausenden Familien zu helfen. Schlafsäcke und Decken werden verteilt, heißer Tee soll Wärme bringen. Dennoch scheint die Situation unhaltbar.

In der Frage der Maßnahmen gibt es  unterschiedliche Ansichten und Argumente:

Ein rigoroses Bettelverbot in der ganzen Stadt würde zwar das unwürdige Schauspiel mit den „Bittä-Gesängen“ beenden, das Problem aber nicht lösen. Denn eine Abschiebung der EU-Bürger scheint nicht möglich.

  • Die Errichtung von weiteren Notschlafstellen würde noch mehr bettelnde Familien aus dem Osten Europas anlocken.
  • Hilfe vor Ort in Rumänien wird von verschiedenen Organisationen geleistet, die verunsicherte Volksgruppe der Roma und Sinti nimmt diese oft nicht an.
  • Einzige Möglichkeit: Österreich, das wegen jeder Kleinigkeit von den EU-Bonzen gerügt wird, müsste das Problem in Brüssel zur Sprache bringen. Sozialkommissar ist der Ungar Laszo Andor, Österreichs Kommissar Johannes Hahn ist bei den Festspielen oft in Salzburg zu Besuch und muss das Problem daher kennen.

 

Inzwischen nimmt das Projekt „Wohnen auf Zeit“ der Caritas der Erzdiözese Salzburg in der Hübnergasse im Stadtteil Riedenburg Gestalt an. Teilweise steht bereits der Rohbau.

Wohnen auf Zeit ist nur für Einheimische

Im Gespräch mit der „Krone“ steckt Caritas-Chef Johannes Dines die Eckdaten des Projektes  „Wohnen auf Zeit“ genau ab:

Das im Bau befindliche Haus hat mit Notschlafstellen nichts zu tun.

  • Dines: „Die unglaublich hohen Wohnungspreise und Mieten in Salzburg treiben immer mehr Salzburger aus dem Mittelstand in die Armutsfalle.“
  • In den 50 Wohnungen (es ist ein eigener Trakt nur für Frauen und Kinder vorgesehen) soll befristetes Wohnen ermöglicht werden, allerdings nur im Zeitraum zwischen ein und drei Jahren.
  • Die Bewohner des Objektes werden auch nicht betreut, sondern sie müssen – so der Caritas-Chef – „selbstständig wohnen.“

 

Besondere Hilfe erhält übrigens die am Sonntag vor der Kirche St. Peter sitzende Bettlerin: Fast alle Besucher der Messe spenden.

Hans Peter Hasenöhrl

 

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