Fliegenfänger?

Das Interview mit Olli Kahn

Sport
25.02.2004 14:11
Aus der Mannschaft kam kein Vorwurf, sogar die entzauberten Stars von Real Madrid äußerten Mitgefühl statt Häme - nur Franz Beckenbauer kannte kein Pardon mit dem gefallenen Helden. Klick dich durch das Interview mit Olli Kahn!
"Ich kann nur hoffen, dass der Oliver Kahn inMadrid so gut hält, dass er den Fehler wieder gut macht",sagte ein verärgerter "Kaiser" nach dem bösen Erwacheneines wie verwandelt aufspielenden FC.Bayern München auseiner bis zum 1:1-Ausgleich wunderbaren Fußball-Nacht. 
  
Wie ein geprügelter Hund 
Ausgerechnet in seinem ersten Spiel nach dem Torwart-Streitmit seinem Nationalmannschafts-Rivalen Jens Lehmann leistete sich"Titan" Kahn den gröbsten Fehler in zehn Dienstjahren beimRekordmeister. Wie ein geprügelter Hund schlich er vom Platz,pfefferte seine Torwart- Handschuhe an der Strafraumgrenze aufden Rasen, schleuderte die Kapitänsbinde zu Boden und flüchteteaus dem Olympiastadion. "Er ist direkt weg", berichtete MichaelBallack, aber auch ihn und seine Mitspieler hatte die Schrecksekunde"geschockt". 
  
"Übernehme die volle Verantwortung"
Erst am Tag nach dem "Blackout", der fatal an denFehlgriff im WM- Finale 2002 gegen Brasilien erinnerte, stelltesich ein nachdenklicher und trauriger Kahn den Medien und gabseinen Teamkollegen ein Versprechen für das Rückspielin zwei Wochen: "Das Spiel in Madrid muss ich alleine gewinnen."Kahn suchte keine Ausreden für den Anfängerfehler beim30-m-Freistoß von Roberto Carlos (83.), als er behäbigzu Boden fiel und den Ball praktisch selbst ins Netz bugsierte:"Wenn dieses Tor zum Ausscheiden führt, übernehme ichdie volle Verantwortung." 
  
"Muss mich fragen, was los ist" 
Kahns Patzer schuf Raum für Spekulationen: Warer nach 15 Spritzen in den lädierten Rücken wirklichfit? Oder war er verunsichert nach dem Fehler im Länderspielgegen Kroatien und den verbalen Attacken von Lehmann? "Sicherlichmuss ich mich fragen, was momentan los ist. Irgendwas scheintnicht zu stimmen", sagte er selbstkritisch. Der körperlicheVerschleiß, Lehmann und die eigenen Ansprüche erzeugenwomöglich einen Überdruck. "Bei mir gibt es natürlichauch Grenzen", sagte Kahn, der die Gesetze des Profi-Fußballskennt: "In diesem Geschäft können sich innerhalb vonZehntelsekunden Welten verändern." 
  
Kahns Welt ist vorerst aus den Fugen geraten. Unddas an einem Abend, an dem die des FC.Bayern vor 59.000 begeistertenZuschauern kurz davor war, wieder heil zu werden. "Das 1:1 istein geschöntes Ergebnis für Real Madrid", kommentierteBayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge nach der "besten Saisonleistung"(Manager Uli Hoeneß). 
  
"Jeder für sich, keiner für Olli"
Das Bayern-Bollwerk nahm Reals "Außerirdischen"den Raum und die Lust zum Zauberfußball - bis ausgerechnetKahn die "Königlichen" vor einer schweren Hypothek fürdas Rückspiel bewahrte. Lothar Matthäus legte als "Premiere"-Experteden Finger tief in die Wunde seines ehemaligen Teamkollegen. "Dasist ein gefundenes Fressen für Jens Lehmann", erklärteMatthäus und stellte zugleich das Mitgefühl der Teamkollegenmit ihrem Kapitän in Frage: "Jeder spielt für sich selbst,aber nicht für Oliver Kahn. Er hat die Mannschaft in denletzten Jahren oft kritisiert, das bleibt in den Köpfen hängen."Zum Beispiel in dieser Saison, als Kahn nach dem 0:1 gegen Schalke04 seine Mitspieler attackierte, als er ihnen absprach, wie echteKerle auf dem Platz aufzutreten ("Eier, wir brauchen Eier!").
  
"Danke, Alter!" 
Kahn müsse sich keine Gedanken machen, verkündeteRoy Makaay, der mit seinem sechsten Champions-League-Treffer (75.)die sportliche Wiederauferstehung des FC.Bayern zu vollenden schien.Luis Figo fand Kahns Schicksal "ziemlich schlimm", und sein Real-KollegeDavid Beckham erklärte: "Ein dummer Fehler kann jedem malpassieren." Kein Mitleid kannte dagegen die spanische Presse mitdem Feindbild Kahn: "Danke, Alter! Ausgerechnet der alte Kahn,der gehasste, hässliche und unsympathische Feind, bereitetReal die einzige Freude des Abends", schrieb das Sportblatt "As".
  
"Olli wird uns das Spiel gewinnen" 
Vielleicht können ein Weltklasse-Kahn und eineauch in 14 Tagen wiederum am Limit spielende Bayern-Mannschaftdas "Wunder von Madrid" schaffen. "Es ist noch nichts verloren.Wir haben auch Real das Fürchten gelehrt", erklärteTrainer Ottmar Hitzfeld kämpferisch. Auch Rummenigge verbreiteteZuversicht: "Vor dem Spiel hatte ich unsere Chancen mit zehn Prozentbeziffert, jetzt sind es 40 Prozent." Er glaubt weiterhin an Kahn:"Er hat uns schon so viel gewonnen, er wird uns auch das Spielin Madrid gewinnen, davon bin ich überzeugt." 
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