So, 19. August 2018

Krisen-Hirtenbrief

17.02.2009 10:23

Österreichs Bischöfe üben leise Kritik am Vatikan

Österreichs Bischöfe haben in ihrer Krisensitzung am Montag einen gemeinsamen Hirtenbrief verabschiedet. Sehr deutliche Worte finden sie darin zur Causa des Pfarrers von Windischgarsten Gerhard Maria Wagner. Auch dass die Krise durch Fehler in der Kirche ausgelöst wurde, geben die Bischöfe zu. Indirekt appellieren die Geistlichen aber auch an den Vatikan, Verfahren zur Prüfung von Kandidaten wirklich einzuhalten. Vor einer solchen Entscheidung müsse es "verlässliche und umfassend geprüfte Grundlagen" geben, ließ man leise Kritik an Rom anklingen.

"Es steht außer Frage, dass dem Papst die freie Ernennung der Bischöfe zukommt", steht zwar in dem Hirtenbrief. Die Bischöfe halten aber fest, "dass das im Kirchenrecht vorgesehene Verfahren zur Auswahl und zur Prüfung von Kandidaten sich bewährt, wenn dieses Verfahren auch wirklich eingehalten wird", so der indirekte Hinweis an den Vatikan. Wagners Bestellung hatte Fragen aufgeworfen, ob der Vatikan den Dreiervorschlag aus der Diözese Linz bei Wagners Bestellung überhaupt berücksichtigt hat.

Kardinal Christoph Schönborn räumte in einer Pressekonferenz nach der Sondersitzung ein, dass es sich bei der Causa Wagner vor allem um Fragen der Kommunikation gehandelt habe. Die Rücknahme der Ernennung habe man zur Kenntnis genommen. Gerade bei Bischofsernennungen sei künftig "höchste Sensibilität" angebracht, so Schönborn. Das Verfahren um Wagners Bestellung sei eine "verkürzte" Vorgehensweise gewesen. Diese sei "nicht der übliche Weg". Zu möglichen Gründen des verkürzten Verfahrens wollte sich Schönborn nicht äußern.

Im Hirtenbrief heißt es zur Causa Wagner: "In Österreich werden in den nächsten Jahren eine Reihe von Bischöfen zu ernennen sein. Die Gläubigen erwarten mit Recht, dass das Verfahren der Kandidatensuche, die Prüfung der Vorschläge und die letzte Entscheidung sorgfältig und mit pastoralem Gespür vorgenommen werden. Dadurch kann sicher gestellt werden, dass Bischöfe nicht 'gegen', sondern 'für' eine Ortskirche ernannt werden."

Schönborn: Wagner-Rückzieher war freiwillig
Auf die Frage, ob Wagners Rücktritt freiwillig gewesen sei, verwies Schönborn "in aller Deutlichkeit" auf dessen Aussage, dass der Rückzieher freiwillig erfolgte. Der Kardinal versteht und hält den Schritt Wagners für angemessen. Es gehöre trotz möglicher Vorbehalte zu einem guten menschlichen und christlichen Klima, einem neu ernannten Bischof mit Wohlwollen zu begegnen. Es sei aber auch zu erwarten, dass ein Bischof den Gläubigen mit Sensibilität begegnet und so ihr Vertrauen gewinnt.

Vom Linzer Diözesanbischof Ludwig Schwarz erwartet Schönborn, dass er in angemessener Zeit nach Überlegungen in der Diözese das Verfahren um einen neuen Weihbischof wieder beginnt. Es sei nämlich klar, dass die Diözese Linz einen Weihbischof brauche.

"... zum Teil durch Fehler in der Kirche verursacht"
Im Dank an die treuen Katholiken geben die Bischöfe in dem Hirtenbrief auch Fehler der Kirche zu: "Die Gläubigen haben manche Kritik, auch Spott und Ablehnung erfahren müssen, die zum Teil durch Fehler in der Kirche verursacht waren. Viele haben in dieser Situation ihre Treue und ihre Liebe zur Kirche bewiesen", heißt es.

Die Bischöfe appellieren in ihrem Hirtenbrief auch an die lefebvrianische Gemeinschaft - die Aufhebung ihrer Exkommunikation durch Papst Benedikt XVI. hat eine internationale Kirchenkrise ausgelöst, in deren Sog die Ernennung Wagners besonders kritisch beäugt wurde - nun diese "ausgestreckte Hand zu ergreifen" und tatsächlich Versöhnung zu suchen.

Wagner-Rücktritt sorgt für Aufsehen unter Vaticanisti in Rom
Der Fall des nunmehr ehemaligen designierten Linzer Weihbischofs sorgt auch für Aufsehen unter den "Vaticanisti", den am Heiligen Stuhl ständig akkreditierten Journalisten. "Ich begreife Wagners Beschluss nicht. Man kann zwar mit seinen Meinungen zu Harry Potter nicht einverstanden sein und seine Worte zur Hurrikan Katrina-Katastrophe in den USA sind vielleicht geschmacklos, sie sind aber nicht so gravierend, dass sie den designierten Weihbischof zum Rücktritt bewegen sollten. Der konservative Kardinal von Genua, Giuseppe Siri, hat öfters Aids als Strafe für schlechtes moralisches Verhalten bezeichnet, doch niemand hat sich so viel darüber aufgeregt", meinte Andrea Tornielli, Vatikan-Berichterstatter der Mailänder Tageszeitung "Il Giornale".

In den Augen Franca Giansoldatis, "Vatikanistin" der römischen Tageszeitung "Il Messaggero", habe der Papst offenkundige Kommunikationsprobleme, wie auch die Polemik um den Holocaust bewiesen habe. "Benedikt XVI. ist ein genialer Papst vom theologischen Standpunkt. Er ist aber gewohnt, allein zu denken und zu arbeiten. Es scheint, als ob die Kurie nicht wirklich bei seinen Beschlüssen mitbestimmen darf. Hinzu kommt noch, dass der Papst keine besonders gute Beziehung zu den Medien hat. Obwohl wir in der Ära der globalen Kommunikation sind, ist der Medienkontakt für ihn nicht immer leicht, wie wir schon kurz nach Beginn seines Pontifikats feststellen konnten", so Giansoldati.

"Gegen Wagner sind im Grund keinerlei Vorwürfe erhoben worden, es geht nur um eine Frage des öffentlichen Ansehens. Für einen Geistlichen ist es ein sehr schmerzhafter Schritt, auf eine Bestellung verzichten zu müssen, ich bin sicher, dass Wagner diesen Beschluss freiwillig und nicht unter dem Druck des Vatikans unternommen hat", meint Frank Rocca, Vatikan-Korrespondent für die katholische US-Nachrichtenagentur "Religion News Service" . "In der heutigen Medienwelt ist auch der Vatikan stärker vom Druck der Öffentlichkeit beeinflussbar. Auch der Heilige Stuhl kann die globale Kommunikationswelt nicht ignorieren, die eine immer stärkere Rolle spielt und wichtige Beschlüsse beeinflussen kann", so Rocca.

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